Dieser Text ist eine Antwort. Simon Richartz hat am 24. Juli 2026 auf meinen Beitrag „Der wahre Autor benutzt keine KI! Echt jetzt?“, reagiert, und seine Replik verdient eine differenziertere Stellungnahme. Wenn ich ihn richtig verstehe, sieht er in der Debatte über das Schreiben mit KI vor allem zwei Lager. Die einen nutzen KI und verschweigen es, sie täuschen damit ihre Leser. Die anderen versuchen, den empörten Kritikern der KI moralisch und pädagogisch beizukommen oder, wie er es nennt, den „Mob zu educaten“.
Ein drittes Lager bleibt in dieser Einteilung unerwähnt: jene, die sich selbst zu Hütern des vermeintlich echten, unverfälschten Schreibens erklären. Ich nenne sie, bewusst zugespitzt, die Vertreter der reinen Lehre, die Moralwächter. Und Simon, verzeih mir die Polemik: Dein Beitrag steht diesem Lager näher, als du es selbst erkennen lässt.
Doch vielleicht geht es in dieser Auseinandersetzung um weit mehr als um die Frage, ob ein Autor KI benutzen darf. Hinter der moralischen Schärfe könnte sich eine Angst verbergen: die Angst, eine bisher selbstverständlich geglaubte Sonderstellung zu verlieren. Bedroht wäre dann nicht nur die traditionelle Vorstellung von Autorschaft. Bedroht wäre das Selbstbild eines autonomen Ichs, das sich in seinem Werk unverwechselbar zum Ausdruck bringt.
Denn was für eine Kränkung wäre es, wenn KI sich als ein Werkzeug erweisen sollte, das schon in naher Zukunft Texte hervorbringt, die wir als persönlich, originell und authentisch erleben? Dann geriete eine Vorstellung ins Wanken: dass solche Eigenschaften der unverwechselbare Ausdruck eines isolierten, souveränen Autorensubjekts seien.
Was macht das mit uns, wenn die KI Texte hervorbringt, die origineller, berührender und scheinbar authentischer wirken, als wir es selbst jemals vermögen? Was bleibt dann noch von jener Besonderheit, auf die sich unsere Identität als Autor bislang gestützt hat?
Die Angst, die sich hier bei den Vertretern der reinen Lehre zeigt, erinnert mich an jene narzisstische Kränkung, die Freud mit seiner Entdeckung des Unbewussten verband (Freud 1917). Seine unbequeme Einsicht lautete: Das bewusste Ich ist nicht Herr im eigenen Haus. Was wir für unsere souveränen Entscheidungen und unsere unverwechselbare Persönlichkeit halten, wird in weit größerem Maße von unbewussten Prozessen geprägt, als wir wahrhaben wollen.
Die KI fügt dieser Kränkung jetzt eine neue Dimension hinzu. Sie stellt nicht nur die Souveränität des Ichs infrage, sondern auch dessen kulturelle Sonderstellung. Fähigkeiten wie Schreiben, Gestalten und Erfinden, die bisher als sichtbarer Ausdruck einer einzigartigen Persönlichkeit galten, könnten sich zunehmend von ihrem menschlichen Urheber lösen. Damit gerät eine der letzten Bastionen des modernen Ichs unter Druck: Unsere Vorstellung von Identität überhaupt, in diesem Falle also die Identität als Autor, Künstler oder geistiger Schöpfer.
Wer seine personale Identität stark an die Rolle eines autonomen Autors bindet, an die Vorstellung eines unverwechselbar eigenen Ausdrucks, wird diese Entwicklung zwangsläufig als Bedrohung erleben. Je vollständiger ein Mensch sich mit einer bestimmten Selbstbeschreibung identifiziert, desto schwerer fällt es ihm, deren Vorläufigkeit und Konstruiertheit anzuerkennen.
Die Verteidigung des „autonomen Autors“ könnte deshalb auch als Versuch verstanden werden, eine vertraute Ich-Identität gegen ihre Relativierung zu schützen. Nicht nur eine Arbeitsweise steht dann zur Diskussion. Es steht das Bild zur Diskussion, das jemand von sich selbst besitzt: Ich bin derjenige, aus dem dieser Text hervorgegangen ist. Er gehört mir, bezeugt meine Einzigartigkeit, bestätigt meinen besonderen Platz in der Welt.
Lassen wir zunächst jene Form der Nutzung beiseite, bei der ungeprüfte KI-Texte einfach übernommen und als eigene geistige Leistung ausgegeben werden. Dann zeichnet sich tatsächlich der Beginn eines neuen Kulturkampfes ab.
Seine entscheidende Konfliktlinie verläuft dann nicht zwischen Befürwortern und Gegnern der KI, sondern zwischen unterschiedlichen Vorstellungen davon, wozu wir dieses Werkzeug einsetzen wollen.
KI kann dazu dienen, bestehende Herrschaftsverhältnisse zu stabilisieren, Menschen zu manipulieren, wirtschaftliche Interessen noch effizienter durchzusetzen. Sie kann aber ebenso genutzt werden, um Machtstrukturen sichtbar zu machen, Missstände genauer zu analysieren, Wissen zugänglicher zu machen, tragfähige Lösungen für gesellschaftliche und ökologische Krisen zu entwickeln. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob wir KI verwenden. Sie lautet: In wessen Interesse, zu welchem Zweck!
Auf der anderen Seite stehen jene, die in der KI vor allem eine Bedrohung ihrer bisherigen Identität als Autor, Künstler oder geistiger Urheber erkennen. Wo das eigene Selbstverständnis eng mit der Vorstellung verbunden ist, etwas leisten oder zeigen zu können, das keine Maschine vermag, muss die zunehmende Leistungsfähigkeit der KI als Entwertung erscheinen oder gar als Bedrohung.
Dabei steht nicht der Wert der einzelnen Person infrage. Bedroht ist eine Vorstellung: dass persönliche Bedeutung sich aus einer exklusiven Fähigkeit, einer besonderen Begabung oder einer unverwechselbaren Urheberschaft ableiten müsse. Die eigentliche Kränkung bestünde also darin, dass sich Menschen nicht länger auf ihre vermeintliche Einzigartigkeit berufen können.
KI könnte also genau diesen Prozess beschleunigen, indem sie unsere übersteigerte Vorstellung personaler Autonomie immer weiter und schneller relativiert oder irgendwann sogar ganz auflöst. Was hier infrage steht, ist das Bild eines isolierten Ichs, das sich selbst für den alleinigen Ursprung seiner Fähigkeiten, seiner Gedanken und seiner Leistungen hält.
Doch Sinn wird nach meiner Meinung künftig stärker dort entstehen, wo Menschen ihre individuellen Fähigkeiten in größere Zusammenhänge einbringen: in den Dienst des Gemeinwohls, der sozialen Gerechtigkeit, der Bewahrung unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Und dafür sollten wir jede Form der Unterstützung nutzen, die uns zur Verfügung steht, auch und gerade die der künstlichen Intelligenz. Entscheidend ist nicht, ob eine Leistung ausschließlich aus uns selbst hervorgegangen ist. Entscheidend ist, welchem Zweck sie dient und welche Folgen sie für andere hat.
Die seit der Moderne vorherrschende Form des Individualismus hat uns enorme Freiheiten ermöglicht. Zugleich hat sie die Illusion genährt, der Mensch sei ein unabhängiges, sich selbst genügendes Wesen. Diese Vorstellung von Individualität hat Konkurrenz, Ausbeutung und ökologische Rücksichtslosigkeit überhaupt erst ermöglicht. Was sich deshalb verändern muss, ist dieses auf einem Denkfehler beruhende Individualitätskonzept: In Abgrenzung zu Descartes’ Ich denke, also bin ich und der darin angelegten Tendenz, den Menschen vor allem als denkendes Wesen zu definieren, muss ein isoliert gedachtes Ich überschritten werden zugunsten eines Verantwortungsbewusstseins im größeren Wir.
Die KI könnte diesen Wandel beschleunigen, weil sie uns zwingt, unsere vermeintliche Einzigartigkeit neu zu bestimmen. Unsere Aufgabe besteht nicht darin, als Individuen gänzlich zu verblassen. Sie besteht darin, unsere Fähigkeiten und unsere Besonderheiten nicht länger gegen das Gemeinsame auszuspielen.
Mit dem Aufkommen der KI erleben wir deshalb möglicherweise den Beginn eines umfassenderen Bewusstseinswandels. Er betrifft nicht nur die Art, wie wir arbeiten und schreiben, sondern auch unsere Vorstellung davon, wer wir sind. Die traditionelle Idee von Authentizität als exklusivem Alleinstellungsmerkmal des wahren und auf seine eigene Autonomie bedachten Schriftstellers gerät jetzt zunehmend unter Druck. Denn wenn authentisch wirkende Texte auch im Zusammenspiel mit einer KI entstehen können, lässt sich Authentizität nicht länger allein aus der behaupteten Reinheit ihres Ursprungs ableiten.
Das bedeutet nicht, dass Authentizität bedeutungslos wird. Sie muss anders verstanden werden: nicht als Beweis dafür, dass ein Text vollständig aus einem abgeschlossenen, autonomen Ich hervorgegangen ist, sondern als Ausdruck einer verantwortlichen Beziehung zwischen Mensch, Erfahrung, Sprache, Werkzeug und Welt.
Die Ich-Identität, auf die in dieser Debatte immer wieder verwiesen wird, ist keine unveränderliche Substanz. Sie ist ein historisches Konstrukt, eine fortlaufende Erzählung, die sich aus Erinnerungen, Beziehungen, sozialen Zuschreibungen und körperlichen Erfahrungen bildet. Sie ist nicht unwirklich. Aber sie ist auch nicht so autonom und geschlossen, wie sie uns erscheint.
Auch die Neurobiologie zeigt kein eindeutig lokalisierbares Ich im Gehirn, sondern verteilte, miteinander verbundene Netzwerke, die an Wahrnehmung, Erinnerung, Selbstbezug, Handlungssteuerung und körperlicher Regulation beteiligt sind. Daraus lässt sich keine zentrale Instanz ableiten, die unabhängig von diesen Prozessen als souveräne Steuerzentrale über allem thront. Im Gehirn findet sich kein festes Ich als eigenständige Entität; Identität entsteht vielmehr als fortlaufender Prozess in der ganzen Person innerhalb ihrer körperlichen, sozialen und kulturellen Beziehungen.(Northoff 2006)
Dennoch bin ich weit davon entfernt, das Aufkommen der KI zu glorifizieren. Mir ist bewusst, dass dieser Prozess ebenso in eine dystopische Richtung führen kann, vor allem dann, wenn wir die Kontrolle über dieses mächtige Werkzeug jenen überlassen, die bereits heute wirtschaftliche, politische und mediale Macht konzentrieren. „Die radikalen Beschleuniger der Technologie benötigen keine Waffengewalt, weil sie den Markt und die Macht auf ihrer Seite haben.“ (Hoffmann, Thomas 2026)
Die entscheidende Frage lautet also nicht, ob und wie viel wir beim Schreiben KI verwenden. Sie lautet: Wem gehören die Systeme? Mit welchen Daten werden sie trainiert? Welche Interessen vertreten sie? Wer profitiert von ihrer Macht?
Doch statt über solche Fragen und über Lösungsansätze zu diskutieren, beobachte ich immer häufiger, wie Nebenkriegsschauplätze eröffnet werden. Es wird die moralische Keule geschwungen, während im Hintergrund längst über die eigentlichen Fragen entschieden wird. Wenn wir uns wie eine verängstigte Herde gegenseitig zerfleischen, statt diesen Wandel wachsam, kritisch und verantwortungsvoll zu begleiten, werden andere seine Richtung bestimmen. Dann wird KI nicht dem Gemeinwohl dienen. Dann dient sie der weiteren Konzentration von Macht, Kapital und Kontrolle.
Wir sollten also das übergeordnete Ziel nicht aus dem Blick verlieren: diesen Planeten für uns, unsere Kinder und die kommenden Generationen lebenswert zu erhalten. Daran wird sich letztlich auch der Wert künstlicher Intelligenz bemessen müssen. Nicht daran, ob ein Text mit oder ohne technische Unterstützung entstanden ist. Sondern daran, ob wir dieses Werkzeug dazu nutzen, unsere individuelle und kollektive Verantwortung ernst zu nehmen.
Transparenzhinweis:
Für diesen Text habe ich KI eingesetzt, und zwar für Recherche, Quellenarbeit, Fehlerkorrektur, Strukturierung und Dokumentenerstellung. Diese Unterstützung betraf also die handwerklichen und organisatorischen Aspekte des Schreibprozesses. Das Denken, Einordnen und Argumentieren, also die inhaltliche Substanz und die Bewertung dessen, was gesagt werden sollte, blieben dagegen meine eigene Aufgabe.
Literatur:
Descartes, R. (1637/2011). Discours de la méthode / Bericht über die Methode. Französisch/Deutsch (H. Ostwald, Übers.). Reclam. ISBN 978-3-15-018100-3
Freud, S. (1917). Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse. Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften, 5(1).
Hoffmann, Thomas, KI-Kritisch Interessiert (Substack.com/@hoffmannthomas)
Northoff, G., Heinzel, A., de Greck, M., Bermpohl, F., Dobrowolny, H., & Panksepp, J. (2006). Self-referential processing in our brain: A meta-analysis of imaging studies on the self. NeuroImage, 31(1), 440–457. https://doi.org/10.1016/j.neuroimage.2005.12.002

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