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Ich will dir heute etwas erzählen, das sehr persönlich ist. Eine Erkenntnis, die meine Haltung mir selbst gegenüber, dem Leben gegenüber und auch meinen Patient:innen gegenüber von Grund auf verändert hat. Als ich sie wirklich verstanden hatte, war mein Leben nicht mehr dasselbe wie zuvor. Kein lauter Umbruch, eher eine sehr feine Verschiebung des Lichts, so als würde die Sonne in einem Zimmer, das man seit Jahren kennt, plötzlich aus einem anderen Winkel einfallen: Die Möbel stehen, wo sie immer standen, und trotzdem betritt man einen anderen Raum. Ich kann bis heute nicht genau sagen, wer oder was diesen Moment ausgelöst hat. Vielleicht war es niemand. Vielleicht war es kein Satz, kein Buch, kein Gespräch, sondern etwas, das schon lange in mir gewartet hatte, in einer stillen, unbeachteten Ecke, und einfach nur den richtigen Moment brauchte, um sich zu zeigen. Manche Erkenntnisse funktionieren so. Sie kommen nicht von außen. Sie tauchen auf, wenn wir aufhören, sie zu suchen.
Und weil ich weiß, wie zerbrechlich der erste Kontakt mit einer solchen Erkenntnis sein kann, mit dem, was ich hier „den großen Shift“ nenne, will ich dir etwas mitgeben, bevor ich sie mit dir teile, so wie man jemandem eine Kerze reicht, bevor man mit ihm einen dunklen Raum betritt.
Wenn du sie gleich liest, geh nicht zu schnell darüber hinweg, nur weil sie dir unspektakulär vorkommt oder vielleicht sogar banal.
Denn zu lesen, wie das offene Geheimnis funktioniert, ist noch nicht der Zugang dazu. Der eigentliche Zugang liegt woanders: darin, dieses Wissen als Erkennen in dich einsickern zu lassen, es so aufzunehmen, dass es dich verändern darf, nicht als Information, sondern als Erfahrung. Das braucht keine Anstrengung. Das braucht eine andere Haltung, eine, die bereit ist, dem einen Raum zu geben, statt schon wieder weiterzugehen.
Eine letzte Anmerkung, bevor wir anfangen. Verwechsle die Worte niemals mit dem, worauf sie zeigen. Für mich sind manche Worte wie Wegweiser, die verhindern wollen, dass wir uns in die falsche Richtung verlaufen. Sie können enorm viel Zeit sparen. Und manchmal, selten genug, legen sie uns einen Schlüssel in die Hand, mit dem wir die Tür zu unserem eigenen Gefängnis öffnen können.
Lösen wir also das Geheimnis auf. In meiner Arbeit mit einer Patientin gab es diesen einen Moment, an dem ich mich getraut habe, ihr an einer entscheidenden, für sie sehr wichtigen Stelle zu widersprechen. Ich war aufgeregt dabei, ehrlich gesagt auch unsicher, ob ich mir das bei ihr erlauben kann und ob sie in der Lage ist, damit umzugehen. Und ganz unter uns: Als Therapeut widerspricht man einer Patientin nicht so ohne Weiteres, schon gar nicht, wenn sie doch so offensichtlich so gut mit ihren Gefühlen verbunden zu sein scheint. Eine solche Intervention setze ich nicht bei jedem Patienten und jeder Patientin ein. Sie verlangt einen bestimmten Boden, eine Tragfähigkeit in der Beziehung, die erst da sein muss, bevor man sie betreten kann. Ich gebe den Ablauf so wieder, wie er sich in meiner Erinnerung zugetragen hat.
Jedes Mal, wenn also die o. g. Patientin ihre Mutter besucht hatte, erzählte sie mir, wie sehr diese sie wieder verärgert habe. Es sei immer dasselbe Muster, ihr Bruder werde ständig gelobt, alles, was er tue, gelte als großartig, während ihre eigenen Leistungen kleingeredet würden. An diesem Nachmittag war sie schon beim zweiten Beispiel angekommen, ihre Stimme hatte diesen Tonfall bekommen, den ich inzwischen kannte: schnell, dicht, ohne Punkt, als müsste jeder Satz den nächsten schon mitziehen, damit die Wut nicht abreißt. Ich unterbrach sie und fragte, womit sie gerade in Kontakt sei.
P: „Ich bin einfach nur wütend auf meine Mutter. Sie sieht immer nur meinen Bruder, ich bin ihr doch völlig egal.“
T: „Sind Sie sicher, dass Sie wirklich wütend sind?“
P: „Ja, klar. Ich könnte ihr gerade an die Gurgel gehen.“
T: „Ich glaube Ihnen das aber nicht.“
Für einen Moment fiel ihr die Kinnlade herunter. Sie sah mich an, als hätte ich etwas in einer fremden Sprache gesagt.
P: „Was soll das? Natürlich bin ich wütend.“
T: „Nein, sind Sie nicht.“
P: „Wollen Sie mich hier veräppeln?“
T: „Nein. Was ich hier sehe, ist ein Mensch, der Wut wahrnimmt.“
P: „Das ist doch dasselbe. Ich bin wütend, ich spüre Wut, wo soll da der Unterschied sein?“
T: „Der Unterschied ist groß. Sie sagen, `ich bin wütend‘, so als wären Sie und die Wut ein und dasselbe. Ich sage aber etwas völlig anderes, ich sage: Da ist Wut, und Sie nehmen sie wahr. Das sind zwei völlig verschiedene Sätze.“
Sie schwieg einen Moment. Ich konnte sehen, wie sie versuchte, dem, was ich gesagt hatte, einen Sinn abzuringen, wie sie den Satz innerlich drehte und wendete, auf der Suche nach der Stelle, an der es “klick” machen könnte.
P: „Ich verstehe nicht, worauf Sie hinauswollen. Wenn ich es nicht bin, wer ist dann wütend? Sie hören sich an, als würde ich mir das einbilden.“
T: „Nein. Die Wut ist real. Aber Sie sind nicht die Wut. Sie sind diejenige, die spürt, dass Wut da ist.“
P: „Das klingt wie ein Wortspiel.“
T: „Ja, das mag zunächst für Sie wie ein Wortspiel klingen. Aber dahinter steckt sehr viel mehr. Und vielleicht ist es genau das, was den Unterschied macht. Können Sie die Wut noch spüren?“
P: „Ja, aber sie ist deutlich weniger jetzt.
T: “Bleiben Sie noch einen Moment beim Spüren der Wut. Was nehmen sie wahr?”
P: „Ich nehme wahr, dass sie gerade weniger wird, sie klingt ab. Ich würde aber trotzdem gerne verstehen, wie Ihre Behauptung gemeint ist.“
T: „Genau da wollte ich mit Ihnen hin. Solange Sie ‚ich bin wütend‘ sagen, gibt es kein Außen mehr, von dem aus Sie auf die Wut schauen könnten. Sie stecken mittendrin. Aber in dem Moment, in dem Sie merken, dass da Wut ist, die Sie wahrnehmen, entsteht ein winziger Abstand. Und aus diesem Abstand heraus konnten Sie sich gerade aus dem Klammergriff der Wut befreien.
Was daraufhin geschah, hat sie mir erst in der übernächsten Sitzung erzählt, und ich erinnere mich noch gut daran, wie anders sie an diesem Tag den Raum betreten hat. Weniger angespannt in den Schultern, mit einem Blick, der nicht schon beim Reinkommen nach dem nächsten Streitpunkt suchte.
Sie hatte ihre Mutter am Wochenende besucht, wie so oft, mit derselben mulmigen Vorahnung wie immer. Aber irgendetwas war anders gewesen, erzählte sie. Als ihre Mutter wieder beiläufig erwähnte, wie gut es dem Bruder gerade gehe, wie stolz sie auf ihn sei, spürte sie zwar die vertraute Hitze aufsteigen, aber diesmal blieb sie nicht darin hängen. Sie bemerkte die Wut, ohne sofort zu ihr zu werden. Und in diesem winzigen Abstand, den sie sich mittlerweile erarbeitet hatte, geschah etwas, das sie selbst überraschte. Statt des gewohnten Vorwurfs, statt des „du bevorzugst ihn doch sowieso immer”, kam ein anderer Satz aus ihr heraus, einer, den sie so noch nie ausgesprochen hatte.
Sie sagte zu ihrer Mutter: „Weißt du, es hat mich mein ganzes Leben lang verletzt, immer die Zweite zu sein. Nicht, weil ich meinem Bruder etwas vorwerfe. Sondern weil ich mir gewünscht hätte, dass du mich genauso siehst wie ihn.”
Ihre Mutter, so erzählte sie mir, sei für einen Moment ganz still geworden. Kein Gegenangriff, keine Rechtfertigung, wie sie es sonst von ihr kannte. Nur dieses Schweigen, das vielleicht zum ersten Mal seit Jahrzehnten Raum ließ für etwas anderes als Verteidigung.
Ich erzähle das nicht, weil danach alles gut gewesen wäre. Das wäre gelogen, und ich schreibe hier auch keine Geschichten über irgendwelche Wunderheilungen. Die Mutter blieb, wer sie war, mit ihren eigenen blinden Flecken und ihrer eigenen Geschichte, die vermutlich auch nicht ohne Wunden verlief. Aber etwas hatte sich verschoben, nicht in der Mutter, sondern in meiner Patientin selbst. Sie hatte zum ersten Mal aus der Trauer heraus gesprochen statt aus der Anklage, aus der Verletzung heraus statt aus der Wut. Und das, so sagte sie mir, habe sich angefühlt, als hätte sie nach Jahren endlich wieder ihre eigene Stimme gefunden, nicht die Stimme, die sich verteidigt, sondern die, die einfach nur sagt, was wahr ist.
Ich nenne diese Verschiebung vom „ICH BIN“ zum „DA IST“ auch „den großen Shift“. Sie klingt unscheinbar, fast wie eine Frage der Grammatik. Aber sie greift tief in das Verständnis ein, das wir von uns selbst haben. Sie stellt infrage, wie wir Identität normalerweise denken, wie wir sie bilden, verteidigen und mit uns selbst verwechseln.
Diese Verschiebung ist keine bloße Sprachübung. Dahinter steht ein bestimmtes Bild vom Menschen, eines, wie es auch das existentialistische Denken vertritt: Der Mensch ist nicht einfach das, was er ist, sondern das, wie er sich in jedem Moment selbst wahrnehmen und sehen kann. Er ist nichts Feststehendes, sondern jemand, der sich immer wieder neu zu sich selbst in Beziehung setzen kann.
Der Begriff Identität übrigens trägt sein Verb schon in sich: sich identifizieren. Wir werden zu dem, womit wir uns identifizieren. Oder wir glauben es zumindest. Das ist keine Metapher, das ist fast wörtlich zu nehmen. Menschen definieren sich über Objekte, und Objekt kann hier fast alles sein: ein Beruf, eine Familie, ein Land, eine Erinnerung, eine Rolle, die man einmal übernommen hat und irgendwann nicht mehr auszog. Diese Objekte werden zu Stützen, an denen wir uns festhalten, wenn jemand fragt: „Wer bist du?“
Daneben gibt es eine zweite, tiefer liegende Form der Identifikation, die nicht nach außen zeigt, sondern nach innen. Die Selbstidentifikation. Sie besteht im Wesentlichen aus drei Bereichen: dem eigenen Körper, den Emotionen und dem eigenen Denken. Ich bin mein Körper. Ich bin meine Gedanken. Ich bin meine Wut, meine Angst, meine Freude. In der Praxis begegnen mir allerdings selten reine Formen. Meistens sind es Mischungen, mit einem Schwerpunkt auf einem der drei Bereiche, je nachdem, welche Erfahrung jemand gemacht hat und welche dieser Ebenen am meisten verletzt oder am meisten geschont wurde.
Diese Vorstellung von Identität ist so tief in unserem Denken verankert, ja in unserer Kultur selbst, dass wir sie normalerweise nie infrage stellen. Doch besteht diese Notwendigkeit überhaupt, und was geschieht, wenn wir es einmal nicht tun? Kaum eine Frage ist tiefgreifender und kaum eine Antwort spannender als das, was wir über uns selbst zu wissen glauben und wer wir glauben zu sein. Hier kann ich sie noch nicht beantworten. In einem späteren Post komme ich darauf zurück.
Und jetzt kommt der Teil, der sich in der Theorie liest, als wäre er geschenkt, und sich in der Praxis anfühlt, als müsste man ihn sich mühsam von einem widerspenstigen Basar-Händler erhandeln. Wenn du dich aus der Klammer dieser Identifikation löst, und sei es nur für einen Wimpernschlag, dann lässt der Sog, den sie erzeugt, spürbar nach. Manchmal passiert das so plötzlich wie ein Lichtschalter, den jemand umlegt. Öfter aber schleicht es sich ein, Schicht für Schicht, ungefähr so zuverlässig unbemerkt wie Nebel, der sich lichtet: Du wirst zwar irgendwann bemerken, dass du wieder klarer siehst, aber den genauen Moment, in dem es passiert ist, könnte dir niemand nennen, nicht einmal du selbst.
In dem Moment, in dem du nicht mehr wütend bist, sondern deine Wut spürst, passiert etwas Erstaunliches: Sie verliert ihre Macht, einfach so, wie ein Möchtegern-Diktator, dem plötzlich niemand mehr zuhört. Und dabei hattest du ihr diese Macht die ganze Zeit selbst verliehen, weil du sie mit dir verwechselt hast, wie einen Untermieter, den du für den Hausbesitzer gehalten hast. Man kann es zugespitzt so sagen: Solange du glaubst, wütend zu sein, hast du dich freiwillig zur Geisel deiner eigenen Wut gemacht. Und diese Geiselnahme läuft meistens auf zwei Arten ab. Entweder du schickst die Wut nach draußen, zur Mutter, zum Partner, zur Welt, die es mal wieder nicht gut mit dir meint. Oder du drehst sie nach innen, als Vorwurf, als Scham, als die kleine, nörgelnde Stimme, die dir erzählt, so wolltest du eigentlich nicht sein.
Wird die Wut dagegen einfach nur gespürt, nicht ausagiert, sondern wahrgenommen wie ein Wetterphänomen, dann kommst du auf einmal wieder ins Fühlen zurück. Und das ist fast schon ein kleiner Taschenspielertrick der Psyche: Aus einem Dauerzustand wird ein vorübergehender Gast. Aus etwas, das du bist, wird etwas, das durch dich hindurchzieht, wie eine Wetterfront durch eine Landschaft, die selbst gar nicht auf die Idee käme, sich als Sturm zu bezeichnen. Klingt banal? Ist es nicht. Es ist eine kleine Verschiebung mit großer Wirkung, weil sie deine Beziehung zu jedem einzelnen Gefühl neu sortiert, nicht durch Kontrolle, sondern schlicht durch einen anderen Platz, von dem aus du zuschaust.
möchte ich dir etwas ganz Besonderes ans Herz legen: Diese Erkenntnis, von der hier die Rede war, hat keine Lust, bei der Wut stehen zu bleiben. Sie mischt sich genauso gerne in deine Gedanken und in all deine anderen Gefühle ein. Auch ein Gedanke ist nämlich nicht das, was du bist, sondern eher ein Gast, der auftaucht, sich kurz an deinen Tisch setzt, manchmal aufdringlich, manchmal nur auf einen Kaffee, und dann wieder verschwindet, wenn du ihn nicht krampfhaft festhältst, als wäre er die einzige Wahrheit im Haus.
Heiße sie willkommen, diese Erkenntnis. Lass sie tief in dich einsickern, nicht als weiteren Gedanken, den du abheftest, sondern als etwas, das sich langsam in deinem Erleben festsetzen darf. Und dann beobachte, was passiert. Vielleicht bemerkst du irgendwann, kaum merklich zunächst, dass du dich selbst und die Welt um dich herum ein wenig anders siehst. Vielleicht etwas klarer, mit weniger Nebel dazwischen. Und vielleicht auch mit etwas mehr Energie, weil ein großer Teil dessen, was uns müde macht, genau darin besteht, ständig gegen das anzukämpfen, was einfach nur da ist und gesehen werden will.
Wenn dieser Text etwas in dir ausgelöst hat, freue ich mich über ein Abo, einen Like oder einen Kommentar. Das hilft mir, diese Gedanken einem größeren Leserkreis zugänglich zu machen.

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