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Schneller ins Gefühl · Aug 9, 2026

Der verletzte Mann und seine Wut

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Henry Schneller · Schneller ins Gefühl

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Stell dir kurz Folgendes vor: Ein Auto, das in zweiter Reihe steht, eine kleine Szene vor Freunden, mehr nicht. So beginnen die drei Geschichten, von denen ich dir jetzt erzähle. Nicht mit einem großen Drama. Mit etwas, das eigentlich kaum der Rede wert wäre.

Im Juli 2024 parkt ein 37-jähriger Mann in Berlin-Gesundbrunnen so, dass er eine freie Parklücke blockiert. Kein Unfall. Keine Bedrohung. Nur eine rücksichtslose Geste. Ein anderer Fahrer und dessen Bruder beschweren sich.

Der Streit bleibt zunächst verbal. Dann zieht der 30-jährige Bruder ein Messer, die Klinge knapp zwölf Zentimeter lang, und stößt sie dem 37-Jährigen in den Bauch. Der Stich durchtrennt die Aorta und reicht bis zur Wirbelsäule. Der Mann stirbt kurz darauf auf der Straße. Wegen eines Parkplatzes.

Der Richter am Berliner Landgericht bezeichnet den Streit später als „banal und sinnlos“, als eine tödliche Mischung aus Egoismus, Rücksichtslosigkeit und fehlender Kompromissbereitschaft. Der Täter wird wegen Totschlags zu sechs Jahren Haft verurteilt, für einen Moment, in dem offenbar etwas explodierte, das mit dem Parkplatz selbst kaum noch etwas zu tun hatte (n-tv, 2025; Zeit Online, 2025).

Vielleicht denkst du jetzt: ein Einzelfall, eine Eskalation unter vielen. Dann lies weiter.

Im Juli 2026 geschieht im schwäbischen Gammertingen etwas Ähnliches. Ein 26-jähriger Mann bittet seinen 31-jährigen Nachbarn, nachts leiser zu sein, eine höfliche Bitte, sozial vollkommen üblich, ohne jede Aggression. Der Nachbar greift daraufhin mit einem Messer an. Der 26-Jährige flüchtet in seine Wohnung und verteidigt sich dort mit einem Tischbein. Die Polizei nimmt den Angreifer noch am Tatort fest, ermittelt wird wegen eines versuchten Tötungsdelikts.

Nicht die Ruhestörung löste die Gewalt aus. Es war die Tatsache, dass jemand es gewagt hatte, den Mann zurechtzuweisen (Tagesschau, 2026).

Ein drittes Bild, und ich bitte dich, es dir wirklich vorzustellen, nicht nur zu überfliegen: Troisdorf, eine Schulabschlussfeier im Juli 2025. Ein Sicherheitsmitarbeiter verweigert einem 18-Jährigen den Zugang durch einen Nebeneingang, eine alltägliche, geringfügige Zurückweisung. Der junge Mann wird handgreiflich. Ein 40-jähriger Rettungssanitäter, der sich wegen eines anderen Einsatzes in der Nähe befindet, kommt dem Sicherheitsmitarbeiter zu Hilfe. Daraufhin richtet sich die Wut der Gruppe gegen ihn.

Ein 18-Jähriger tritt ihm mit Anlauf und voller Kraft gegen den Kopf. Selbst als der Sanitäter bereits am Boden liegt, schlagen und treten mehrere Beteiligte weiter auf ihn ein. Er schwebt zeitweise in Lebensgefahr. Das Landgericht Bonn verurteilt zwei der Angeklagten wegen gefährlicher Körperverletzung (Stern, 2025; WDR, 2026).

Drei Situationen. Drei Männer oder Gruppen von Männern, deren Reaktion in keinem nachvollziehbaren Verhältnis zu ihrem Anlass steht: ein Parkplatz, eine höfliche Bitte um Nachtruhe, ein Nebeneingang. Objektiv betrachtet sind das geringfügige, beinahe lächerliche Kränkungen. Du würdest wahrscheinlich selbst sagen: “Darüber regt man sich doch nicht so auf.” Subjektiv aber werden sie offenbar als Angriffe auf etwas erlebt, das keinen Widerspruch, keine Begrenzung und keinen Gesichtsverlust verträgt.

Was hier zum Vorschein kommt, können wir als toxische oder destruktive Wut bezeichnen: eine Wut, die nicht mehr schützt, klärt oder eine Grenze setzt, sondern die Kontrolle zurückgewinnen und die erlebte Kränkung auslöschen will.
Doch destruktive Wut braucht kein Messer, und sie muss nicht einmal laut werden, um zu wirken. Sie kann genauso gut in einem eisigen Schweigen wohnen, in einem Rückzug, der aussieht wie eine Tür, die sich lautlos schließt, in Abwertung, Zynismus, Überheblichkeit, Einschüchterung, in dem beharrlichen Bedürfnis, alles unter Kontrolle zu halten, oder in einer Nähe, die man einfach nie zulässt.

Und jetzt bitte nicht schnell weiterlesen, nur weil du vielleicht gerade denkst, das habe nichts mit dir zu tun, denn ich schreibe das auch für mich.
Wir Männer haben gelernt, diese leiseren Formen anders zu nennen. Wir sagen Sachlichkeit dazu, oder Stärke, oder Unabhängigkeit, geben ihnen also Namen, auf die man stolz sein kann, statt der Namen, die eigentlich stimmen würden. Und irgendwann glauben wir die eigenen Worte selbst, so gründlich, dass die Übersetzung nicht mehr auffällt, dass Schweigen sich wirklich wie Ruhe anfühlt und Rückzug wirklich wie Selbstgenügsamkeit.

Genau deshalb erkennen wir uns so schwer wieder, wenn von Wut die Rede ist. Nicht weil die Situationen fremd wären, sie sind es nicht. Jeder von uns kennt das Schweigen, in dem ein einziges Wort gereicht hätte, und wir uns stattdessen aber für die Kälte entschieden haben, weil sie sich sicherer anfühlte als das Wort. Jeder kennt den abfälligen Kommentar, der viel leichter über die Lippen kam als ein einfaches Ja, weil Zustimmung manchmal bedeutet hätte, etwas von sich zu zeigen, das man lieber verborgen hält. Es ist ja nicht so, dass uns die Erinnerung fehlt. Es ist der Übersetzer in uns, der längst gelernt hat, diese Momente so umzubenennen, dass wir mit ihnen leben können, ohne uns je die Frage stellen zu müssen, was eigentlich darunter liegt.

Die drei Gewaltexzesse, mit denen dieser Text begonnen hat, markieren nur das laute Ende eines Spektrums, dessen Anfänge aber hineinreichen bis in die Wohnzimmer und Büros, in denen niemals eine Faust fällt.

Und genau darum frage ich dich und mich gleich mit: Warum sind es so auffällig oft Männer, bei denen Kränkung in offene Gewalt kippt? Dieser Frage will ich mit dir in diesem Text nachgehen.

Was hier sichtbar wird

Der Psychoanalytiker Heinz Kohut prägte für ein solches Muster den Begriff der „narzisstischen Wut“. Sie unterscheidet sich von gewöhnlichem Ärger oder zielgerichteter Aggression vor allem durch ihre Maßlosigkeit (Kohut, 1972). Der Anlass ist gering, die Reaktion jedoch extrem. Es geht nicht mehr darum, einen Konflikt zu lösen, sondern die erlebte Kränkung vollständig auszulöschen, oft verbunden mit einem starken Rachebedürfnis gegenüber dem, der einen scheinbar verletzt hat.
Dabei geht häufig auch die Fähigkeit verloren, sich in das Gegenüber hineinzuversetzen. Der andere wird nicht mehr als Mensch mit eigenen Motiven, Ängsten und Grenzen wahrgenommen. Er erscheint nur noch als Störung, Bedrohung oder Hindernis, das es zu beseitigen gilt.

Narzisstische Wut beruht nach Kohut gerade nicht auf einem besonders starken Selbst, wie man vermuten könnte, wenn man nur die Wucht der Reaktion sieht, sondern auf einem Selbst, das im Inneren keinen sicheren Halt gefunden hat und diese Instabilität nach außen mit umso größerer Härte kompensieren muss.

Und den nächsten Satz müssen wir uns wirklich auf der Zunge zergehen lassen, bevor wir weiterlesen, denn er erklärt fast alles, was noch kommt:

Wer seinen Selbstwert vor allem aus äußerer Anerkennung, aus Kontrolle oder aus dem Gefühl der Überlegenheit bezieht, für den ist jede Kritik, jede Zurückweisung kein kleiner Nadelstich, sondern ein Angriff auf das Fundament selbst. Subjektiv steht dann weit mehr auf dem Spiel als ein Parkplatz, eine Bitte um Ruhe oder ein verweigerter Zugang. Es steht die Frage im Raum, ob dieses Selbst überhaupt bestehen bleiben darf.

Was Jungen oft nicht lernen dürfen

Ein altbekannter Erklärungsansatz lautet: Viele Jungen lernen früh, Verletzlichkeit eher zu verbergen als zu zeigen. Angst, Trauer, Hilflosigkeit oder das Bedürfnis nach Trost passen weniger zu traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit als Stärke, Kontrolle und Durchsetzungsfähigkeit. Wut dagegen ist häufig leichter erlaubt.

Die mögliche Folge: Für Verletzung, Kränkung oder Beschämung fehlt später manchmal eine Sprache. Was nicht als Trauer, Angst oder Bedürftigkeit ausgedrückt werden kann, zeigt sich dann vielleicht als Rückzug, Kälte oder Aggression. Zugespitzt gesagt: Wir bringen Jungen bestimmte Formen des emotionalen Ausdrucks nur unzureichend bei und wundern uns später, wenn manche Männer diese Sprache nicht sprechen.

Dieser Gedanke hat die Diskussion über männliche Sozialisation über Jahrzehnte geprägt. Und er erscheint zunächst plausibel, gerade wenn wir verstehen wollen, warum Kränkungen bei manchen Männern so schnell in Wut umschlagen können.

Aber können wir das heute tatsächlich noch so vertreten? Reicht diese Erklärung aus oder ist unser heutiges Wissen über männliche Entwicklung, Emotionen und Aggression inzwischen differenzierter?

Die Gegenrede

An dieser Stelle möchte ich dich bitten, mir kurz zu folgen, auch wenn der nächste Gedanke unbequem ist: Diese Erklärung darf natürlich nicht zur Entschuldigung werden. Nicht jeder Junge erhält dieselben Botschaften. Temperament, Bindungserfahrungen, soziale Lage, Beziehungsgeschichte und persönliche Entscheidungen spielen ebenfalls eine Rolle. Millionen Männer werden kritisiert, verlassen oder gekränkt, ohne gewalttätig zu werden.

Gesellschaftliche Bedingungen können destruktive Wut verständlicher machen. Sie entschuldigen sie aber nicht. Beide Sätze gehören zusammen. Ich möchte, dass du sie auch zusammen im Kopf behältst, während du weiterliest.

Und doch bekommt diese alte Frage in der digitalen Gegenwart eine neue Aktualität. Wir leben inzwischen in einer sozialen Umwelt, in der Anerkennung, Vergleich, Zustimmung und Zurückweisung nahezu permanent sichtbar werden. Likes, Kommentare und öffentliche Reaktionen machen soziale Bestätigung messbar – und ihr Ausbleiben mitunter unmittelbar spürbar.

Dass Kränkung dabei eine wichtige Rolle spielen kann, ist gut belegt. In einer großen Metaanalyse von 437 Studien mit insgesamt mehr als 123.000 Teilnehmenden zeigten Kjærvik und Bushman (2021), dass Narzissmus mit Aggression und Gewalt zusammenhängt. Besonders deutlich wurde dieser Zusammenhang unter Bedingungen von Provokation: Wird das eigene Selbstbild angegriffen oder infrage gestellt, steigt bei stärker narzisstisch geprägten Personen die Wahrscheinlichkeit aggressiver Reaktionen.

Digitale Medien erzeugen diese Verletzlichkeit natürlich nicht alleine. Aber sie können Situationen vervielfachen, in denen sie aktiviert wird. Das zeigt auch eine neuere experimentelle Untersuchung in einer simulierten Social-Media-Umgebung. Personen mit stärker ausgeprägter narzisstischer Rivalität reagierten auf geringe soziale Bestätigung mit mehr narzisstischer Wut. Diese Wut wiederum sagte anschließend deutlich mehr aggressives und weniger prosoziales Verhalten gegenüber anderen voraus (Wang et al., 2025).

Vielleicht reicht die alte Erklärung allein nicht mehr aus und wir müssen sie erweitern, so wie man ein altes Haus erweitert, ohne das Fundament zu verraten. Es geht heute nicht mehr nur darum, was Jungen früher nicht lernen durften, in welchem Wohnzimmer, von welchem Vater, mit welchem Schweigen. Es geht auch darum, in welcher Welt junge Männer heute überhaupt mit Kränkung, Anerkennung und Zurückweisung leben müssen, denn diese Welt ist eine andere geworden als die, in der Kohut noch schrieb.

Stell dir eine digitale Öffentlichkeit vor wie einen Raum ohne Wände, in dem ununterbrochen gezählt wird, wer Zustimmung bekommt und wer nicht, in Herzen, in Likes, in der Zahl der Leute, die zurückschreiben. Dieser Raum schläft nie, und er vergisst nichts, und genau deshalb kann er eine alte Wunde berühren, die eigentlich schon vernarbt schien, immer wieder, an Stellen, von denen man selbst nicht mehr wusste, dass sie noch offen sind.

Der Trost der Zahlen

Lass uns kurz einen Umweg machen, einen historischen, weil sich manche Dinge besser verstehen lassen, wenn man sie aus größerer Entfernung betrachtet, fast so, als würde man einen Stern klarer sehen, sobald man den Blick leicht daran vorbeilenkt. Narzisstische Wut ist nämlich kein Kind unserer Zeit, kein Nebenprodukt von Bildschirmen und Benachrichtigungen. Sie lässt sich weit zurückverfolgen, bis in Biografien, die längst zu Legenden geworden sind.

Isaac Newton kam 1642 zur Welt, drei Monate nachdem sein Vater gestorben war, sodass er in eine Lücke hineingeboren wurde, die schon vor ihm da war. Mit drei Jahren verlor er dann noch etwas: Seine Mutter heiratete erneut und zog fort, zu einem neuen Mann, in ein neues Leben, während Newton bei der Großmutter zurückblieb, wie ein Gegenstand, den man vorübergehend verwahrt. Erst Jahre später kehrte die Mutter zurück in sein Leben, als wäre nichts gewesen. Diese Daten stehen fest, sie lassen sich nachlesen wie ein Fahrplan. Was sie aber im Inneren eines Kindes anrichteten, welche Kälte oder welchen Hunger nach Anerkennung sie hinterließen, das bleibt Deutung, keine Gewissheit (Manuel, 1968).

Der Historiker Frank Manuel beschreibt Newton als zurückgezogen, misstrauisch und ausgesprochen empfindlich gegenüber Kritik. Widerspruch konnte er offenbar nur schwer als sachliche Einwendung verstehen. Er erlebte ihn schnell als persönlichen Angriff. Besonders deutlich wurde das in seinem jahrzehntelangen Streit mit Gottfried Wilhelm Leibniz über die Erfindung der Infinitesimalrechnung. Newton reagierte mit einer Verbissenheit, die selbst viele seiner Zeitgenoss:innen befremdete.

Ein Mann, der die Bewegungen der Planeten berechnen konnte, verlor über wissenschaftliche Fußnoten und Prioritätsfragen immer wieder die Fassung.

Die Bühne war eine andere als in Berlin oder Gammertingen. Die innere Struktur könnte jedoch ähnlich gewesen sein: ein vergleichsweise begrenzter Anlass, eine maßlose Reaktion und ein Gegner, der nicht mehr als eigenständiger Denker, sondern nur noch als Bedrohung der eigenen Größe wahrgenommen wird.

Zugleich besaß Newton eine außergewöhnliche Fähigkeit, sich in Mathematik, Physik, Astronomie, Alchemie und Theologie zu versenken. Er konnte Mahlzeiten vergessen und den Schlaf verschieben, bis er eine Antwort gefunden hatte. Diese Hingabe war zweifellos Ausdruck enormer Begabung und Erkenntnislust. Vielleicht bot ihm die Ordnung der Natur aber zusätzlich etwas, das menschliche Beziehungen nicht immer bieten konnten: Verlässlichkeit.

Naturgesetze verlassen niemanden. Ein Planet kehrt an den berechneten Ort zurück. Eine Bezugsperson nicht unbedingt.

Wo menschliche Nähe als unsicher, beschämend oder verlustgefährdet erlebt wird, kann die Ordnung der Welt zu einem inneren Halt werden. Newtons wissenschaftliche Leistung darf deshalb nicht auf eine Kindheitsverletzung reduziert werden. Doch schöpferische Arbeit und der Schutz vor schmerzhafter Abhängigkeit können gleichzeitig wirksam sein.

„Manche Menschen berechnen die Bahnen der Planeten, weil die Menschen um sie herum sich nicht berechnen ließen.“

Jonas allein zuhause

Doch zurück zur Gegenwart, denn Newton ist weit weg, und die meisten von uns tragen ihre alte Wunde nicht in einem Duell mit anderen Wissenschaftlern aus, das Jahrzehnte dauert. Nicht jeder verletzte Mann zieht ein Messer. Die wenigsten führen einen Kampf, der so laut ist, dass ihn die Geschichte aufschreibt. Die meisten sehen eher aus wie Jonas: unauffällig, beherrscht, jemand, dem man von außen nichts ansieht.

Vielleicht erkennst du ihn sogar, wenn du kurz innehältst. Einen Kollegen vielleicht, einen Freund, einen Bruder. Oder, und das ist der Satz, bei dem ich dich bitte, nicht schnell weiterzulesen, dich selbst, in einer bestimmten Phase deines Lebens, die du vielleicht lieber nicht mehr genau anschaust.

Jonas ist Mitte dreißig. Seine Beziehung ist seit sechs Wochen vorbei. Die Bücher seiner ehemaligen Partnerin stehen noch im Regal, ihr Duschgel im Bad.

Seine Schwester ruft mehrmals an. Als er schließlich abnimmt, sagt er, es gehe ihm gut, und beendet das Gespräch schnell. Ein Freund fragt, ob er mit ihm ein Bier trinken möchte. Jonas antwortet zwei Tage später mit einem knappen Satz, der eher abwehrt als antwortet.

Seine Abende füllt er mit einem Onlinespiel, in dem er Rang, Übersicht und Kontrolle besitzt. Er schaut Videos, die ihm erklären, wie die Welt angeblich wirklich funktioniert. Dort ist alles eindeutig. Schuldige sind klar benannt. Zweifel kommen kaum vor.

Außerdem arbeitet er bis spät in die Nacht. Sein Vorgesetzter hält das für Ehrgeiz. Als eine Kollegin ihn auf sein zunehmend schroffes Verhalten anspricht, reagiert Jonas verletzend und nimmt später nichts davon zurück.

Nach außen wirkt er kalt, sarkastisch und gelegentlich verächtlich. Besonders Menschen, die offen über Gefühle sprechen, reizen ihn, als würden sie eine Schwäche zeigen, die er sich selbst nicht mehr erlauben darf.

In seinem Inneren sieht es anders aus. Dort gibt es eine Verlassenheit, für die er keine Worte hat. Scham darüber, wie sehr ihn die Trennung getroffen hat. Und die hartnäckige Überzeugung, für niemanden mehr wirklich zu zählen.

Nachts liegt er wach. Unter seinem Brustbein spürt er ein Gewicht, das er mit Arbeit, Lärm und Kontrolle zu überdecken versucht.

Zwischen dem Mann mit dem Messer und Jonas liegt ein weites Feld, das will ich nicht kleinreden. Aber ich glaube, dass darunter, verborgen, derselbe Mechanismus arbeitet, bei beiden. Der verletzte Mann hält an seiner Wut fest, an seiner Kälte, an seiner Härte, nicht weil sie ihm gefallen, sondern weil sie ihn vor etwas viel Schwererem schützen: davor, spüren zu müssen, wie sehr er geliebt werden wollte, und wie tief ihn der Verlust dieser Liebe tatsächlich getroffen hat.

Die Wut, die sich verbirgt

Manchmal dreht sich die Wut einfach um und geht auf den Menschen los, der sie trägt. Dann heißt sie Selbstabwertung, Sucht, Risiko, Rückzug oder eine Härte gegen sich selbst, die keine Pause kennt. Auch manche Depression trägt diese Handschrift, wobei Depressionen zu viele mögliche Wurzeln haben, um sie pauschal als verdrängte Wut zu lesen.
Der Mensch selbst spürt davon oft nichts. Er fühlt sich leer, erschöpft, erstarrt, nicht wütend. Die Wut hat sich nicht aufgelöst. Sie hat nur die Kleidung gewechselt.

Der immer freundlich-lächelnde Mann

Manche tragen diese Kleidung sehr überzeugend. Ein Lächeln, ein verbindlicher Ton, eine Höflichkeit, hinter der sich Zorn stauen kann, ohne dass jemand ihn je zu Gesicht bekommt. Vielleicht fällt dir gerade ein Name ein. Ich kenne viele.
Sigmund Freud nannte es Sublimierung, wenn Wut ihren Weg in Musik, Kunst, Forschung oder Handwerk findet und aus etwas Destruktivem etwas Schöpferisches wird. Das ist keine Notlösung, das kann reif sein, kulturell wertvoll sogar, nur löst es die Verletzung darunter nicht auf. Ein Mensch kann Großes schaffen, wie wir bei Newton gesehen haben, und trotzdem von einer Wut regiert werden, die er selbst nie zu Gesicht bekommt.
Kompensation nimmt einen anderen Weg. Ohnmacht wird gegen Leistung getauscht, Unsicherheit gegen Kontrolle, Minderwertigkeit gegen Status. Solange die Leistung hält, hält auch das Gleichgewicht. Bricht sie weg, kommt die Wut zurück an die Oberfläche, gegen andere oder gegen sich selbst.

„Wut, die man umleitet, verschwindet nicht. Sie zieht nur in ein anderes Zimmer.“

Warum kleine Kränkungen so groß werden

Ich beziehe mich jetzt am Ende dieses Textes noch einmal auf den Parkplatz, weil der Parkplatz die Wahrheit schon in sich trägt, nur kleiner verpackt, als die Wahrheit eigentlich ist. Ein Blick, eine Ermahnung, ein verwehrter Eingang, und plötzlich steht da ein Mensch, der aussieht, als hätte man ihm etwas viel Größeres genommen als einen Stellplatz.
Heinz Kohut hätte darauf eine Antwort gehabt. Kinder, die früh genug erfahren dürfen: Du wirst gesehen, du bist wichtig, du bist nicht allein, tragen diesen Satz später wie ein Fundament in sich, auf dem sich ein Selbst errichten lässt, das auch einmal wackeln darf, ohne einzustürzen. Fehlt dieser Satz, oder kommt er zu selten, zu spät, zu unzuverlässig, wächst manchmal trotzdem ein Selbst heran, nur eines, das zwar von außen wie ein Turm wirkt, aber von innen wie Glas ist, durchsichtig, kalt und beim leisesten Riss bereit, zu zerspringen. Kohut nannte dieses Gebilde das grandiose Selbst, und in einem Selbst aus Glas kann sich schon ein einziger Widerspruch anfühlen wie ein Erdbeben (Kohut, 1981).

Der Funke und der Brennstoff

Genau hier beginnt narzisstische Wut. Aber sie lügt dich an, wenn sie behauptet, es ginge um den Parkplatz. In Wahrheit geht es um die Angst, dass dieses Glas einen Riss bekommt oder sogar zerspringen könnte, um ein Selbstgefühl, das in diesem Moment zusammenzubrechen droht, und die Wut ist die Bandage, die schnell um das Zerbrechliche gewickelt wird, bevor es jemand bemerkt.
Darunter liegen leisere Gäste: Scham, Angst, Trauer, Ohnmacht. Sie werden kaum eingelassen, also verkleiden sie sich als Wut, denn Wut fühlt sich an wie Handeln, während Ohnmacht sich anfühlt wie Ertrinken. Manchmal schlägt sie nach außen, als Abwertung oder Gewalt. Manchmal frisst sie sich nach innen, als Selbsthass, Sucht, Rückzug. Und manchmal wird sie umgeleitet, in Arbeit, Sport, Kunst, als hätte sie gelernt, sich anständig zu benehmen.

Ich unterscheide in meinem eigenen Emotionskonzept zwischen Gefühlen, die im Moment geboren werden, und solchen, die sich zu Mustern verhärtet haben (Schneller, 2026). Wut kann beides sein. Als unmittelbares Gefühl ist sie jedoch eher Ärger als Wut. Sie zeigt eine reale Grenze an und hilft dir, sie zu verteidigen, ohne gleich alles niederzureißen. Als verfestigtes Muster dagegen reagiert sie längst nicht mehr auf heute, sie reagiert auf eine viel ältere Verletzung und nutzt den heutigen Anlass nur als Bühne.

Die Wut, die er nicht verlieren darf

Zurück zu Jonas und zu allem, was in Berlin, Gammertingen und Troisdorf sichtbar wurde. Unter der Kälte, unter der Gewalt liegt fast immer dasselbe: Trauer, Sehnsucht, Angst vor Bedeutungslosigkeit, Scham. Die Wut übersetzt das in etwas, das sich handhaben lässt. Sie gibt zurück, was die Ohnmacht genommen hat. Genau deshalb lässt sie sich so schwer weglegen.

Der Weg heraus liegt nicht im Unterdrücken und nicht im moralischen Urteil, beides ändert nichts an der Wunde darunter. Er beginnt damit, die Wut zu bemerken, bevor sie handelt, und die Gegenwart von der alten Verletzung zu trennen. Das braucht Zeit, und du darfst dir das eingestehen, egal ob du selbst mittendrin steckst oder jemanden begleitest, der es tut.

„Manche Wut ist keine Waffe. Sie ist ein Wächter, der zu lange allein an der Tür stand.“

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Transparenzhinweis:

Für Recherche, Quellenarbeit, Korrektur, Struktur, Gestaltung und Dokumentenerstellung wurde KI eingesetzt. Inhaltliche Einordnung, Argumentation und Bewertung stammen von mir.

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