RSS Amplifier

Gott suchen · Sep 7, 2025

Der Mann als Maß? Warum es christlichen Feminismus geben muss

0
Sign in to vote or save

Gott suchen · Gott suchen

Sollte ein so selbstgefälliger Mann auch noch angeschmachtet werden?; Bild: Jean-Auguste-Dominique Ingres, Jupiter und Thetis (1811); Quelle: Wikimedia
Sollte ein so selbstgefälliger Mann auch noch angeschmachtet werden?; Bild: Jean-Auguste-Dominique Ingres, Jupiter und Thetis (1811); Quelle: Wikimedia

Wie angekündigt betrachten wir heute das Gegenstück zu den ›Bossgirls‹: wenn nämlich Männer sich für die geborenen Herrscher halten.

Auf den Androzentrismus als blinden Fleck des männlichen Blicks sind wir bereits in einem früheren Beitrag aufmerksam geworden. Der Androzentrismus als Weltanschauung bedeutet kurzgefasst:

»Der Mann ist das Maß des Menschen.«1

Bis zur Entdeckung der Eizelle 1827 meinte man zum Beispiel, ein neuer Mensch werde allein vom Mann gezeugt und wachse dann bloß in der Frau wie in einem Brutkasten heran. Aus solchen Vorstellungen sowie aus der körperlichen Überlegenheit der Männer wurde abgeleitet – die Philosophie spricht hier von einem ›naturalistischen Fehlschluss‹ –, dass Männer von Natur aus über die Frauen herrschen sollten.

In den daraus folgenden patriarchalen Gesellschaften galt dementsprechend allein der Mann, genauer: der Vater, als Träger: des Rechts, damit Besitzer (der Frau(en), Kinder, Sklaven, Tiere usf.), religiöser Vertreter und schließlich Träger des Geistes und der Wissenschaft.2 Kurz: Maßgeblich entschieden (bestimmte) Männer, wer welche Rollen zu spielen hat, darunter auch die Frauen.

Bis ins 20. Jh. waren, vereinfacht gesagt, Männer für die Kultur, Frauen für die Natur zuständig.3 Frauen hatten vor allem Mütter zu sein – in manchen Sprachen gibt es sogar nur ein Wort für Mutter und gar kein eigenes für Frau.4

Frauen wurde in der Konsequenz (besonders im 19. Jh.) das ›Drinnen‹, das Gefühl und die Häuslichkeit als Lebensbereich zugewiesen. Die Männer bewegten sich hingegen im ›Draußen‹, im Verstand, der Arbeit, der Welt. Frauen gehörten ›unter die Haube‹ und wurden oft schon mit der Geschlechtsreife verheiratet.

Die arrangierte Ehe ist im Westen heute weitgehend durch die Konsensehe abgelöst, doch in Teilen Asiens und Afrikas noch immer üblich:

»Es wird mit 700 Millionen zwangsverheirateten Frauen gerechnet.«5

Hinzukommen die millionenfachen Abtreibungen von Mädchen.6 Denn in Ahnenkulturen gelten oft nur die männlichen Nachkommen als ›vollwertig‹.7 Verbrechen wie Mitgiftmorde, Braut- oder Witwenverbrennungen treffen ebenfalls Frauen.8 (Obschon wir wie erwähnt im Hinterkopf behalten sollten, dass insgesamt die Opfer männlicher Gewalt meist andere Männer sind.)

Ehrenvorstellungen – die sogar noch tiefer in viele Kulturen eingebrannt sind als religiöse Vorstellungen –, wirken »positiv zu Gunsten des Mannes und negativ zu Lasten der Frau«; besonders deutlich wird das am Beispiel der ›Unberührtheit‹:

»Denn immer erforderte die Ehre des Mannes die Unberührtheit seiner Braut; er selbst aber mußte nicht unberührt sein.«9

Verwitwete Männer heirateten in der Regel erneut, während von Frauen bis ins 19. Jh. hinein erwartet wurde, dem verstorbenen Mann in ewiger Liebe anzuhangen.10

Die Misogynie, also frauenfeindliche Texte, die die Schwäche und vermeintliche ›Untugend‹ von Frauen thematisieren (denken wir zurück an Schopenhauer), bilden seit der Antike quasi eine eigene Literaturgattung.11

Vielfach wurde und wird das Weibliche verdrängt und als schwach abgewertet. Gerade, dass die Frau Leben gebären kann, erhebt sie zwar in vielen Kulturen und Religionen, wird aber zugleich auch mit Tabus umgeben.

Besonders schlimm wirkte sich die Vorstellung der ›Pollution‹ aus: also der Gedanke, Frauen würden durch biologische Vorgänge wie die Menstruation, den Beischlaf oder die Geburt ›befleckt‹ oder ›unrein‹.

Solche Vorstellungen, bei denen es sich leider um einen Grundbestand jeder Religion handelt,12 sind – das muss deutlich gesagt werden – vorethische Konzepte,13 weil hier tatsächlich behauptet wird, körperliche Vorgänge könnten einen Menschen moralisch (!) kontaminieren.

Erst die moderne Medizin setzte dem ein Ende, indem sie die moralisch aufgeladene ›Reinheit‹ durch die Hygiene ersetze und damit versachlichte.14

Leider hat sich auch das Christentum, obschon es viele Neuerungen brachte, rege am Sexismus der Jahrhunderte beteiligt und diesen sogar religiös legitimiert.15 Ehe wir also zu den Errungenschaften kommen, müssen wir uns auch hier den Schattenseiten zuwenden, und können die christliche Theologie nicht schadlos halten.

Im Judentum und im Islam sieht es übrigens wenig besser aus – hier zwei Beispiele:

»Jüdische Männer dankten beim Morgengebet dafür, nicht Heide und auch nicht Frau zu sein.« Und: »sunnitische Muslime sehen die Aussage eines Mannes erst durch die von zwei Frauen aufgewogen«16.

Wirkmächtig wurde in der Tradition vor allem eine einseitige Lesart der Erzählung vom Sündenfall, wonach gerade Evas (und damit der Frauen) vermeintliche Hinfälligkeit und Verführbarkeit, salopp gesprochen, an allem Schuld sei:17

»Von einer Frau kommt der Anfang der Sünde / und durch sie sterben wir alle.« (Jesus Sirach 25,24)

In den Briefen des Neuen Testaments werden Frauen wiederholt zu Schweigsamkeit und Gehorsam ermahnt.18 Für heutige Ohren ist bei aller Liebe zur Heiligen Schrift besonders das zweite Kapitel des Timotheusbriefs schwer zu hören, wo behauptet wird, nur Eva sei verführt worden (V 13)19 und die Frauen sollten sich durch das Gebären von Kindern retten (V 15).

Dass der Mann über die Frau herrschen werde (Genesis 3,16) wurde oft nicht als Folge des Sündenfalls, sondern gerade als Legitimation für männliche Herrschaft gelesen.20 Jedoch hat das Christentum bei all diesen Bruchstellen auch viele Fortschritte gebracht, denen wir uns nun zum Schluss zuwenden.

Von Beginn an hat das Christentum daran festgehalten, dass Mann und Frau gleichermaßen berufen und erlöst und damit Kategorien wie männlich und weiblich sekundär geworden sind (vgl. Galater 3,28). So betont Karl Rahner:

»In der letzten Heilsfrage, in der totalen Entscheidung des Lebens sind die Geschlechter gleich — gültig. Man hat in dieser Hinsicht keinen Vorsprung schon darum, weil man Mann ist oder weil man Frau ist.«21

Seit dem Urchristentum schlug sich diese Theologie bei aller Anpassung auch in Abgrenzungen zu patriarchalen Normen nieder: so spricht der Epheserbrief (5,21) von einer gegenseitigen Unterwerfung von Mann und Frau, was einem römischen Familienvater wohl Schnappatmung verursacht hätte.

Frauen nehmen gleichberechtigt am Gottesdienst teil, nicht in einem Nebenraum wie im Judentum; sie gehen zur Eucharistie und bekennen selbst ihre Sünden, statt in alledem durch einen Mann vertreten zu werden; die Witwen werden aufgewertet usf.

Besonders wichtig: »Das in der ganzen Antike von Männern praktizierte Vorrecht auf Nebenbeziehungen sollte aufhören.«22 So waren es gerade in den ersten drei Jahrhunderten vor allem Frauen, die sich zum Christentum hingezogen fühlten.

Später konnten sich Frauen außerdem in den christlichen Orden dem Druck entziehen, heiraten zu müssen. All diese Errungenschaften bleiben historisch gesehen jedoch weiter von männlicher Herrschaft durchzogen, denn soziale Systeme sind bekanntlich träge.

Der frischeste Wind schlägt uns (wie könnte es anders sein), nicht so sehr in den Pastoralbriefen entgegen, die immer schon mit der Konvention liebäugeln müssen, sondern in den Worten Jesu, der in seiner göttlichen Kompromisslosigkeit die Menschensatzungen links liegen lässt.

Wie Jesus als Mann lebte und wie er mit Frauen umging, werden wir in einem eigenen Beitrag noch betrachten – darum hier zum Abschluss nur drei zentrale Aussagen Jesu, die sich gegen die oben beschriebenen Formen des Unrechts wenden:

  1. Jesus begegnet der blutflüssigen Frau, lässt sich von ihr berühren und nennt sie ›meine Tochter‹ (Markus 5,34). Hier und an anderen Stellen (z.B. Matthäus 15,18ff) räumt er radikal auf mit den vorethischen Vorstellungen von Unreinheit.

  2. Jesus wenden sich auch gegen die üblichen Ehrenvorstellungen, indem er geächtete Frauen wieder integriert (vgl. Lukas 7,47) und den Hohepriestern unbekümmert zuwirft: »Amen, ich sage euch: Die Zöllner und die Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr.« (Matthäus 21,31)

  3. Jesus ersetzt die Blut-Abstammung durch eine Geist-Abstammung und befreit damit gerade Frauen zumindest ideell aus den Händen ihrer Ahnen und Familien, indem er ihnen eine direkte Gottesbeziehung zuspricht, die tiefer liegt als alle Konvention.23

Im nächsten Beitrag werden wir uns einigen Scheinlösungen für das Problem des Sexismus zuwenden und sind damit beim heißesten Eisen unserer Thematik angelangt: dem Thema Gendern.

Gottes Segen und bis bald,

1

So formulierte 1977 die us-amerikanische Religionswissenschaftlerin Rita Gross, zit. nach Heller, Birgit/Franke, Edith, »Methodologische und theoretische Grundlagen« in: Religion und Geschlecht, hrsg. v. Birgit Heller u. Edith Franke, Berlin/Boston: De Gruyter 2024, S. 15-64, hier S. 24.

2

Vgl. Gerl-Falkovitz, Frau – Männin – Menschin, S. 69f.

3

Vgl. Gerl-Falkovitz, Frau – Männin – Menschin, S. 64.

4

Vgl. Gerl-Falkovitz, Frau – Männin – Menschin, S. 65, dort Anm. 69.

5

Angenendt, Ehe, Liebe und Sexualität im Christentum, S. 19.

6

Vgl. Angenendt, Ehe, Liebe und Sexualität im Christentum, S. 20.

7

Vgl. Angenendt, Ehe, Liebe und Sexualität im Christentum, S. 27ff.

8

Vgl. Angenendt, Ehe, Liebe und Sexualität im Christentum, S. 27-36.

9

Angenendt, Ehe, Liebe und Sexualität im Christentum, S. 32.

10

Vgl. Angenendt, Ehe, Liebe und Sexualität im Christentum, S. 192.

11

Vgl. Angenendt, Ehe, Liebe und Sexualität im Christentum, S. 17.

12

Vgl. Angenendt, Ehe, Liebe und Sexualität im Christentum, S. 30.

13

Vgl. Angenendt, Ehe, Liebe und Sexualität im Christentum, S. 31.

14

Vgl. Angenendt, Ehe, Liebe und Sexualität im Christentum, S. 31.

15

Zu theologisch verbrämten Abwertungen der Frau vgl. Angenendt, Ehe, Liebe und Sexualität im Christentum, S. 116-119.

16

Angenendt, Ehe, Liebe und Sexualität im Christentum, S. 35.

17

Vgl. als prominentes Beispiel Augustinus, De civitate Dei XIV,11. Man muss jedoch fairerweise hinzufügen, dass sich viele zentrale Stellen (wie z.B. auch Thomas von Aquins Summa Theologica I,92) bei aller unleugbaren Problematik, wenn man sie dann liest (und einen Blick für die historische Distanz aufbringt), nicht annähernd so frauenfeindlich lesen, wie sie in der Literatur mitunter dargestellt werden.

19

Das widerspricht aus exegetischer Sicht dem Text der Genesis; vgl. Angenendt, Ehe, Liebe und Sexualität im Christentum, S. 67; eine Zusammenfassung über die Deutungen der von 1 Timotheus 2 bietet ein Übersichtsvideo von The Bible Project.

20

Vgl. Angenendt, Ehe, Liebe und Sexualität im Christentum, S. 72. Zu den exegetischen Hintergründen vgl. auch die Anmerkungen im ersten Beitrag dieser Reihe.

21

Rahner, Karl, »Der Mann in der Kirche«, in: Ders., Sendung und Gnade. Beiträge zur Pastoraltheologie, Innsbruck: Tyrolia (3. Aufl.) 1961, S. 282-306, hier S. 282; vgl. Gerl-Falkovitz, Frau – Männin – Menschin, S. 84: »Erst im jüdisch-christlichen Kulturraum vollzog sich die Menschwerdung der Frau […].«

22

Angenendt, Ehe, Liebe und Sexualität im Christentum, S. 70.

23

»Die Blut-Abstammung wird durch die Geist-Abstammung ersetzt.« (Angenendt, Ehe, Liebe und Sexualität im Christentum, S. 28); vgl. bspw. Matthäus 10,37. Johannes 1,13. Markus 3,33ff.

Read the original on gottsuchen.substack.com

Comments

Nothing yet. Say the first thing.

    Sign in to join the conversation.