RSS Amplifier

Gott suchen · Aug 24, 2025

Warum Männer nicht toxisch sind und Bossgirls langweilen

0
Sign in to vote or save

Gott suchen · Gott suchen

Peter Pan, Anführer der Lost Boys, im giftgrünen Outfit. Doch müssen Jungen sich als ›toxisch‹ rechtfertigen?; Film: Peter Pan (Disney 1953)
Peter Pan, Anführer der Lost Boys, im giftgrünen Outfit. Doch müssen Jungen sich als ›toxisch‹ rechtfertigen?; Film: Peter Pan (Disney 1953)

›Männer sind Schweine, traue ihnen nicht mein Kind‹ – so sang (wie immer mit einem Augenzwinkern) die deutsche Rockband Die Ärzte. Der Blick, den wir letztes Mal in den Giftschrank der Männlichkeit geworfen haben, scheint ein solches Klischee zu bestätigen. Doch reichen einige Giftphiolen im Schrank aus, um gleich die ganze Männlichkeit zur ›toxischen Zone‹ zu erklären?

Den Begriff ›Toxische Männlichkeit‹ halte ich, höflich formuliert, für wenig hilfreich. Einige Kritikpunkte möchte ich hier kurz wiedergeben:

  1. Wenn es bloß um toxisches Verhalten wie Aggressivität, Chauvinismus oder Misogynie geht, stehen bereits diese Begriffe bereit, um den Missstand ins Wort zu bringen. Und wenn es bloß um gefährliche Rollenbilder geht, ließe sich exakter von ›toxischen Männerrollen‹ sprechen, statt von ›toxischer Männlichkeit‹.

  2. Der Begriff ›toxische Männlichkeit‹ lässt offen, ob nicht sogar ›die‹ Männlichkeit an sich toxisch ist. Er staut ein trübes Gewässer auf, in dem eine generalisierte Abwertung von Männlichkeit zu bequem auf- und untertauchen kann.

  3. Der Begriff verwickelt sich in philosophische Unstimmigkeiten. Denn die heute beliebte konstruktivistische Kritik geht davon aus, dass Männlichkeit keine feste Größe, sondern kulturell-diskursiv hervorgebracht ist. Wenn sie nun aber ›die (eine) toxische Männlichkeit‹ angreift, die als quasi-dämonische Macht unter den Männern waltet, fällt sie in einen Essentialismus zurück, den sie selbst zurückweist.

  4. Wenn, wo Männlichkeit thematisiert wird, primär problematisiert wird, bleiben die positiven Aspekte einer ›wohltuenden Männlichkeit‹ unterbestimmt. Damit geben wir sie widerstandslos an reaktionäre Ideologen ab, die dann behaupten können, sich als letzte Mohikaner noch für Männlichkeit auszusprechen.

  5. Der Begriff schafft selbst ein von Buzzwords summendes, toxisches, ödes und vorwurfsvolles Klima. Nicht jeder Mann, der eine Meinung ausführen möchte, betreibt ›mansplaining‹; und nicht jeder Mann, der sich entspannt hinsetzt, ›manspreading‹ usf.

Soweit zu einigen Kritikpunkten an der Rede von der ›toxischen Männlichkeit‹. Schauen wir uns nun einige Irrwege an, die gerne mit diesem Begriff im Gepäck beschritten werden.

Seit den 1990ern sprechen manche Akademiker statt von ›Männlichkeit‹ (im Singular) von ›Männlichkeiten‹ (im Plural). So lasse sich die Pluralität möglicher Männlichkeitsentwürfe besser abbilden. Mir scheint diese sprachliche Differenzierung wenig sinnvoll, da es schließlich zu allen Themen verschiedenen Entwürfe gibt. Analog könnten wir dann auch nicht mehr von ›der Kunst‹, sondern nur noch von ›den Künsten‹ sprechen, ebensowenig von ›der Philosophie‹, sondern nur noch ›Philosophien‹ usf.

Außerdem verbirgt sich hinter dieser Pluralisierung oft nicht nur die postmoderne Lust am Heterogenen, sondern eine bewusst auf Verunsicherung abzielende, befangene und tendenziöse Agenda.

Ein Beispiel: Der Titel des Sammelbands Under Construction. Kunst, Männlichkeiten und Queerness seit 19701 (von 2024) suggeriert, Männlichkeit befinde sich lediglich ›under construction‹, also ›im Umbau‹. Das entspräche der Beschwichtigung, die Dekonstruktion bedeute keine Destruktion (= Zerstörung).

Liest man dann indes die Titel der einzelnen Beiträge – wie: ›Masculinity as a Joke‹, ›Fucking with the men’s minds‹ oder ›Wounded Men‹ –, wird schnell deutlich, dass es hier nicht um einen wissenschaftlich neutralen Diskus im ›Umbruch‹ geht, geschweige denn um eine Renovierung, einen Ausbau oder gar einen Aufbruch der Männlichkeit, sondern um ein Abbruchunternehmen.

Die Psychologie kennt den Begriff der ›Dunklen Triade‹ aus Machiavellisten, Narzissten und Psychopathen. Tatsächlich finden sich all diese toxischen und statusgetriebenen Persönlichkeitstypen vor allem bei Männern. Dennoch schüttet man das Kind (in diesem Fall den kleinen Jungen) mit dem Bade aus, wenn man darum die Abrissglocke pauschal gegen ›die Männlichkeit‹ insgesamt richtet, als würde das Wort ›Männer‹ ein verschworenes Kollektiv bezeichnen.

Zwar gibt es patriarchale Systeme, doch auch in diesen stehen Männer oft gegeneinander. Frauenfeinde sind nicht automatisch Männerfreunde. Toxisches Verhalten (christlich gesprochen: Sünde) mag Massen verklumpen, aber es stiftet niemals echte Gemeinschaft, auch nicht unter Männern.

So nutzen z.B. die selbsternannten ›Internet-Coaches‹ mit ihren Pyramidensystemen gerade ihre Mitmänner aus, die ihren Verheißungen auf das schnelle Geld ins Netz gehen. (Ich kannte selbst einmal einen Mann, der durch solche unseriösen Investmentversprechen viel Geld verloren hat.) Ebenso sind die meisten Opfer von männlicher Gewalt andere Männer.2

Auch rechte Ideologen sind mitnichten ›Agenten‹ oder ›Vertreter‹ der Männlichkeit, so sehr sich als solche aufblasen, sondern instrumentalisieren sie gerade für ihre antidemokratischen Machtphantasien.3 Was solche Männer aus sich machen, ist nicht identisch mit dem, was Männer sind oder sein können.

Die Rede von ›den toxischen Männern, die Privilegien zu verlieren haben‹ scheint mir insgesamt die Situation zu kurzsichtig einzuordnen. Eher geht es um Jungs, die ins Ressentiment abgleiten, nicht weil sie etwas verlieren, sondern weil sie nichts bekommen hatten: keinen Auftrag, keinen Ruf.

Peter Pans ›Lost Boys‹ sind Jungen, die aus der Wiege gefallen und nicht binnen sieben Tagen geholt wurden. Sie kommen nach Nimmerland. ›Lost Girls‹, so die Geschichte, gibt es keine, da Mädchen ›viel zu klug sind, um aus der Wiege zu fallen‹. Wer gerne Filme und Serien schaut, wird festgestellt haben, dass manche Filmschaffende auf den Trichter gekommen sind, Mädchen seien überhaupt klüger als Jungs und könnten folglich männliche Protagonisten auf der Leinwand einfachhin ersetzen.

Das hat den Vorzug, dass man keine kreativen Frauenrollen schreiben muss, sondern eindimensionale Abziehbildchen der männlichen Helden präsentieren kann, die dann als ›starke Frau‹ durchgehen. Wo die Frau einst abhängig war vom Mann, ist sie nun in ihm aufgegangen. Damit werden aber gerade keine interessanten oder feministischen Neuansätze vorgelegt, sondern lediglich männliche Klischees kopiert. Das Bossgirl ist bloß ein Echo vermeintlicher Männlichkeit, keine originelle Figur.

Denn anders als Superman kennen viele der ›Superfrauen‹ im Kino kein Kryptonit. Sie sind bereits perfekt und haben allein damit zu kämpfen, dass die Gesellschaft ihre Großartigkeit noch nicht gebührend zur Kenntnis genommen hat. In Wirklichkeit handelt sich dabei also nicht um feministische, sondern um narzisstische Erzählungen.

Da sie keine inneren Konflikte austragen oder sich mit der eigenen Schwäche konfrontieren müssen, sind diese Figuren vor allem eins: langweilig. Langweilig sind sie für Jungen, die als Vorbild häufig lediglich vertrottelte Sidekick-Männer serviert bekommen, die wie Kleinkinder von ihren augenrollenden Partnerinnen gerettet werden müssen; Langweilig sind sie auch für Mädchen, die von den Alleskönnerinnen paradoxerweise nichts lernen können, da diese ja keine Transformation durchlaufen.

Wer meint, Männer auf die Ersatzbank schicken zu müssen, damit Frauen ihren Platz einnehmen können – allerdings nicht einen eigenen, sondern bloß den der Männer –, spielt Nullsummenspiele (bei denen nur einer gewinnen kann) und unterschätzt die Weite des Spielfeldes. Außerdem entsteht so wie gesagt nichts neues: Denn sind die Geschlechterrollen einmal eingeebnet, tritt man sich bloß noch auf die Füße. Und der Hahnenkampf der Herren wird lediglich von der Hackordnung der Damen abgelöst.

Männer ohne Pointe lächerlich zu machen, ist kein Ausdruck von Tiefsinn oder emanzipatorischem Einsatz, sondern genauso menschenfeindlich wie andere Formen unbegründeter Beleidigung.4

Das Wort Respekt kommt von re-specere, bedeutet also: wieder schauen, noch einmal hinsehen. So begegnen beispielsweise Gefängniswärter den Insassen mitfühlender, wenn sie diese einmal zusammen mit ihren Familien, also als Menschen, gesehen haben. Auch Männer hätten einen solchen ›zweiten Blick‹ durchaus verdient, statt vorschnell als ausgemustert angesehen zu werden.

Viele der schmerzlichen Themen etwa, die Männer häufiger betreffen als Frauen, sind bekannt: Männer haben öfter mit Suchtkrankheiten wie Alkoholismus zu kämpfen; sie werden häufiger straffällig; sie haben in der Schule oft das Nachsehen (und Nachsitzen); sie haben eine geringere Lebenserwartung; begehen häufiger Suizid usf.

Wer Jungen missachtet, weil er sie für kleine patriarchale Monster hält, denen man vermeintliche Privilegien entreißen müsste, hat keine Liebe, und damit keine Erkenntnis. Vielmehr sind Jungs – nach einem Wort von Maria Monteressori –, was alle Kinder und Jugendlichen sind:

Gäste, die nach dem Weg fragen.

Da Mädchen das ebenso sind, werden wir beim nächsten Mal die Bedeutung des Feminismus für das Christentum herausstellen. Die Kritik am Bossgirl könnte sonst Zuspruch aus rechten Jammertälern hervorrufen, wo gerne spiegelbildlich jeder Feminismus als ›toxische Weiblichkeit‹ beklagt wird. Und mir ist wichtig, ausgewogen gegen Links und Rechts zu polemisieren, um einen mittigen Strom zu rudern. ;)

Im Anhang teile ich noch einen sehenswerten Videoessay, der die schlecht geschriebenen Bossgirls und gelunge Frauenfiguren im Kino gegenüberstellt.

Gottes Segen und bis bald,

1

Under Construction. Kunst, Männlichkeiten und Queerness seit 1970, hrsg. v. Änne Söll, Maike Wagner u. Katharina Boje, Berlin/Boston: De Gruyter 2024 [Oyster. Feminist and Queer Approaches to Arts, Cultures, and Genders 1].

2

Darauf kommen wir im Beitrag zur Gewalt noch zurück.

3

Vgl. Sauer, Birgit, »Zorn, Aggressivität und Maskulinismus. Auf dem Weg zu einem rechtsautoritären anti-demokratischen Projekt«, in: Wort und Antwort. Dominikanische Zeitschrift für Glauben und Gesellschaft (66/2025), S. 122-126.

4

Blanker Hohn ist noch kein Humor (vgl. die erste Reihe dieses Blogs zum Thema Humor).

Read the original on gottsuchen.substack.com

Comments

Nothing yet. Say the first thing.

    Sign in to join the conversation.