RSS Amplifier

Erwachstumsschübe · Apr 12, 2026

#126: Re-Identifikation

0
Sign in to vote or save

Erwachstumsschübe · Erwachstumsschübe

Kürzlich habe ich darüber geschrieben, dass ich in meinen Zwanzigerjahren u.a. an der Gründung und Führung einer politischen Kleinstpartei beteiligt war.

Dieser Ausflug in die Politik kam nicht aus dem Nichts, sondern war eingebettet in mein mehrjähriges Engagement in der deutschen rationalistisch-humanistischen Szene rund um die Giordano-Bruno-Stiftung und die GWUP1, der ich mich immer noch verbunden fühle.

Im Laufe meiner Ausbildung zum Polizisten hatte mich die Frage gepackt, warum Menschen überhaupt so regelmäßig ihren Mitmenschen schaden, sich unmoralisch verhalten oder die Regeln des friedlichen Zusammenlebens verletzen. Auf der Suche nach Erklärungsansätzen stieß ich auf schnell auf einen ziemlich naheliegenden: Religion.

Einige Vorträge und Interviews von Michael Schmidt-Salomon später steckte ich mitten im Thema Religionskritik. Ich las u.a.

  • “The End of Faith” und “Letter to a Christian Nation” (Sam Harris),

  • “Der Gotteswahn” und “Die Magie der Wirklichkeit” (Richard Dawkins),

  • “God Is Not Great” und “The Portable Atheist” (Christopher Hitchens),

  • “Der gefälschte Glaube” (Karlheinz Deschner),

  • “Warum ich kein Christ sein will” (Uwe Lehnert)

und einiges mehr zu dem Thema. Ich schaute mir stundenlange formale “Gibt es Gott?”-Debatten im Oxford-Stil an und schrieb die Argumente für und gegen die Existenz eines Gottes mit. Und ich lieferte mir über Jahre hinweg selbst zahllose Diskussionen mit Gläubigen, egal ob in Facebook-Gruppen oder auf Kirchentagen.

Von der Religionskritik war der nächste Schritt — Auseinandersetzung mit und Kritik von Verschwörungstheorien, Esoterik u.ä. — naheliegend. Die genauso naheliegende Suche nach Gleichgesinnten führte mich zur Giordano-Bruno-Stiftung. Und die Lektüre der vielleicht wichtigsten Schrift aus dieser Szene, dem “Manifest des Evolutionären Humanismus” von Michael Schmidt-Salomon, machte aus meinem bis dato vor allem auf Abgrenzung, Widerlegen und Bezweifeln beschränkten Auftreten ein umfassendes Weltbild.
Im evolutionären Humanismus mit seiner liberalen Grundphilosophie auf wissenschaftlichem Fundament habe ich meine ideologische Heimat gefunden.

Nachdem ich diesen Humanismus schließlich einige Jahre lang vor allem politisch ausgelebt hatte, verschoben sich meine Prioritäten mit der Gründung meiner Familie und einer deutlichen beruflichen Veränderung zunehmend. Mit meinem Rückzug aus der Führungsebene der Partei der Humanisten endete auch mein Engagement in der humanistischen Szene fast schlagartig. Mein letztes Projekt war die Mitgründung und der erste Aufbau des Hans-Albert-Instituts für kritischen Rationalismus. Seitdem ruht diese diskussionsfreudige, philosophisch-wissenschaftliche Seite von mir weitgehend (auch wenn sie gelegentlich in meinen Newslettern durchschimmert).

Bis jetzt.

In den vergangenen Jahren, Monaten und Wochen haben einige verschiedene Ereignisse und Faktoren darauf hingewirkt, dass ich diese Teilidentität reaktiviere:

  • Hier auf Substack begegnet mir seit Monaten immer mehr esoterischer, übernatürlicher und anderer irrationaler content. Ich bin inzwischen nicht mehr so erpicht darauf, anderen ihre vermeintlichen Denkfehler nachzuweisen. Aber mir fehlt das kritisch-rationale Gegengewicht zu all dem Energie-Frequenz-Resonanz-Astrologie-Manifestations-Kram.

  • Vor einigen Wochen geriet ich seit langem mal wieder in eine kurze Diskussion rund um Religion und Gott. Ich habe meinem Diskussionspartner noch nicht wieder geantwortet, weil ich seitdem so viele Benachrichtigungen bekommen habe, dass ich den Thread nicht mehr finde. Aber der Funke ist geschlagen.

  • Bereits vor Monaten befragte ich meine Mutter, welche inhaltliche Schwerpunktsetzung sie sich für meinen Newsletter vorstellen könnte. Wie aus der Pistole geschossen und mit großem Nachdruck regte sie an, mehr über rationales Denken, über Denk- und Argumentationsfehler zu schreiben. Als Lehrerin an einem Gymnasium sieht sie diesbezüglich offenbar einigen Bedarf an zugänglichen Informationen.

  • Vor einigen Tagen fragte mich mein Bruder, was ich neben der Stimmabgabe alle paar Jahre zu unserer Demokratie beitragen würde. Es ist wohl an der Zeit, dass ich mir selbst eine bessere Antwort auf diese Frage eröffne als die, die ich ihm in dem Moment geben konnte.

  • Für meinen letzten sowie den nächsten Artikel für DIE ZEIT habe ich mich gründlich in das Thema Verhaltensgenetik vertieft, mehrere Fachleute interviewt und dabei meine Freude an der Auseinandersetzung mit Wissenschaft und ihrer Alltagsrelevanz wiederentdeckt.

  • Seit einigen Wochen suchen Christoph Klinger und Conrad Knittel nach Diskussionsteilnehmern rund um ihre inzwischen sehr umfangreichen Ausführungen zu philosophischen Themen wie dem (un)freien Willen, einem meiner Lieblingsthemen. Der Einladung möchte ich gerne folgen, weshalb ich mich wieder vermehrt mit Philosophie beschäftige.

  • Ich habe im Laufe der Monate, in denen ich nun schon alle zwei Wochen diesen Newsletter schreibe und parallel versuche, meinen Blog mit längeren Texten zu befüllen, realisiert: Die Autoren, die ich selbst am allermeisten respektiere und deren Arbeit ich am meisten abgewinnen kann, schreiben unregelmäßige, aber lange und sehr gründlich durchdachte Texte.2 Ich möchte mich zunehmend in diese Richtung bewegen: Ein komplexes Thema oder eine weitreichende Fragestellung aus diversen Blickwinkeln beleuchten; mich nicht mit kurzen Anekdoten oder Lebensweisheiten zufrieden geben, sondern mir selbst beim Verfassen und dem Leser bei der Lektüre ein bisschen was abverlangen.

Aus all diesen Gründen und wahrscheinlich noch einigen mehr, die mir nicht bewusst sind, ist der kritisch-rationale Humanist in mir wieder erstarkt. Ob das irgendwann dazu führt, dass ich einen separaten Newsletter, eine neue Rubrik oder einfach gelegentliche Beiträge zu diesem neuen Themenfeld veröffentliche, kann ich noch nicht absehen. Mein Hauptthema bleibt aber unverändert das Erwachsenwerden und was damit einhergeht. Ich erweitere dieses Themenfeld einfach um einen großen Aspekt: Rationales und kritisches Denken.

Das heißt allerdings auch: Es könnte hier künftig etwas kontroverser zugehen als bisher. Nicht, weil ich es auf Streit anlege, und ganz sicher nicht, weil ich irgendwen gegen mich aufbringen möchte. Aber: Esoterische, religiöse, politische oder andere ideologische Haltungen sind meist sehr eng mit der persönlichen Identität verzahnt. Das macht es zum Teil sehr schwer, inhaltlichen Widerspruch nicht als persönlichen Angriff aufzufassen.

Ich werde mich redlich bemühen, nur Ideen zu kritisieren — aber gerade die werde ich kritisieren, wenn ich es für nötig erachte.

Mein Newsletter ist und bleibt kostenlos. Wenn du dennoch daran mitwirken magst, dass meine Kaffeemaschine stets gut befüllt bleibt, kannst du das hier tun. Vielen Dank!

Kaffee spendieren ☕

Read the original on felixboelter.substack.com

Comments

Nothing yet. Say the first thing.

    Sign in to join the conversation.