In eigener Sache: Ich habe meinen persönlichen Blog ERWACHSTUM überarbeitet und auf eine neue Plattform umgestellt. Dort findet ihr, nun in neuer Optik, meine zeitlosesten Newsletter und längere Texte sowie weitere Nebenprojekte.
Aktuell wohnen meine Frau, unsere Kinder und ich inmitten einer Baustelle. Wir haben den Großteil unserer alten Doppelgarage abgerissen; unser Hof gleicht einer Mülldeponie, vor unserem Tor steht ein 10m³-Container, der sich schneller füllt, als uns lieb ist, und auf absehbare Zeit ließe sich jeder Nachmittag und jedes Wochenende mit dem Entsorgen von Gebäudeteilen verbringen.
Dieses Großprojekt begann in der Woche nach Ostern: Zusammen mit einem Schwung Freunde und Verwandte, Vorschlaghämmern und Schlagbohrern rückten wir dem alten Gemäuer zu Leibe. Ein Problem (von diversen, die im Laufe der Zeit natürlich aufgetreten sind) dabei war: Ich konnte mir keinen Urlaub nehmen, sondern musste eine normale Arbeitswoche absolvieren. Glücklicherweise ließ sich mein Chef auf einen Deal ein: Ich würde einfach deutlich früher als sonst zur Arbeit kommen und könnte dafür auch früher gehen, sodass ich am Nachmittag noch ordentlich würde mit anfassen können.
Also saß ich am Dienstag nach Ostern um kurz vor 06:00 Uhr im Zug, hielt um 06:30 Uhr meinen Dienstausweis an das Zeiterfassungsgerät an meiner Dienststelle, absolvierte mein Tagespensum und stürzte mich am frühen Nachmittag mit Arbeitshandschuhen und Schutzbrille in die Abrissarbeiten. Und am Mittwoch. Und Freitag.1 Und obwohl ich von Natur aus eindeutig ins Lager der Nachteulen gehöre, ging das erstaunlich gut.
Ja, am Abend war ich hinüber, und der eine oder andere Powernap war zwischendurch mal erforderlich. Aber in Anbetracht des Umstandes, dass ich normalerweise erst nach Mitternacht ins Bett gehe und nur sehr widerwillig vor 08:00 Uhr aufstehe, war ich überrascht davon, wie schnell und deutlich der frühe Start in den Tag ein verlockendes Dauermodell für mich wurde.
Schon seit langem beneide ich Menschen wie den ehemaligen Navy SEAL Jocko Willink um ihre Disziplin: Jeden Morgen um 04:30 Uhr aufstehen, direkt als erstes ein Workout absolvieren, dann in den produktiven Teil des Tages starten — das klingt nach ”Getting Shit Done”, nach Produktivität bzw. Fitness trotz Kleinkindern, nach Selbstbeherrschung und Prioritätensetzung und Kompromisslosigkeit. Dementsprechend groß war meine Hoffnung, im Zuge meiner Vaterschaft notgedrungen zum Frühaufsteher umprogrammiert zu werden — doch vergeblich.
Doch immer dann, wenn gute Gründe mich mal ein paar Tage lang sehr früh aus dem Bett zwingen, merke ich wieder, wie reizvoll der zeitige Start in den Tag sein kann.
Die einladende Stille, die noch über der Außenwelt liegt. Der seltsame Zustand, irgendwo zwischen Verschlafenheit und Tatendrang, in dem sich das Gehirn befindet. Die Verlockung einer ritualisierten Morgenroutine, für die man sich auch tatsächlich ein bisschen Zeit nehmen kann. Vielleicht könnte ich endlich wieder meine Bullet Journaling-Routine reaktivieren oder an einem Text arbeiten. Und — nennt mich Romantiker — mich reizt die Vorstellung, mit einem Kaffee in den ersten Sonnenstrahlen des anbrechenden Tages zu sitzen.
Ja, ich wäre wirklich gern Frühaufsteher.
Ich habe mich in anderen Kontexten schon gefragt, wie eng oder weit wohl die Grenzen der Selbstveränderung sein dürften. Wie sehr und ich welchen Bereichen kann man mit einer gewissen Erfolgsaussicht daran herumtüfteln, was für ein Mensch man ist?
Auf meinem Blog habe ich für die Idee, bewusst die eigenen positiven Eigenschaften zu stärken und die negativen zu dämpfen, den Begriff ”Selbstzüchtung” eingeführt.
Glaubt man Autoren wie James Clear (”Die 1%-Methode”), dann sind wir in gewisser Hinsicht die Summe unserer Gewohnheiten. Gestalten wir unsere automatisierten Abläufe um, gestalten wir irgendwann auch die Identität dahinter um (oder anders herum).
“Ihre Identität wird durch Ihre Gewohnheiten bestimmt. Mit jeder Handlung stimmen Sie darüber ab, welche Art Mensch Sie werden wollen.”
— James Clear, „Die 1%-Methode“
In mancher, aber bei weitem nicht jeder Hinsicht konnte ich mit solchen Ansätzen in der Vergangenheit einige Fortschritte erzielen. Aktuell bin ich (fast) am Ende eines (fast) koffeinfreien Monats.
Womöglich starte ich als nächstes einen erneuten Versuch, meinen Körper dauerhaft von den Vorzügen des Frühaufstehens zu überzeugen. Womöglich schlafe ich demnächst — wie schon in der Woche nach Ostern — öfter mal im Sitzen beim Abendbrot ein und blase das Experiment wieder ab.
Aber erstmal steht mein Wecker an passenden Tagen auf 04:45 Uhr.
Ich werde berichten.
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Am Donnerstag dasselbe im Home Office (wegen der Anlieferung des Containers).

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