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Erwachstumsschübe · Mar 29, 2026

#125: Kämpfen können

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Erwachstumsschübe · Erwachstumsschübe

Als politisch interessierter Brandenburger und langjähriger Bewohner dieses schönen Bundeslandes ist mir grundsätzlich bewusst, wie es um die politische Landschaft hier steht. In meinem Landkreis — und den meisten anderen Landkreisen — wurde die AfD bei den letzten Wahlen mit deutlich über 30% der Stimmen stets Wahlsieger. “Im Jahr 2024 erreichte das rechtsextremistische Personenpotenzial [...] den höchsten Stand in der Geschichte des Landes Brandenburg”, steht im letzten brandenburgischen Verfassungsschutzbericht.

Lange war mir dieser Umstand nur theoretisch bewusst. Bis auf eine Gelegenheit, zu der ich einen jungen Mann beim Ankleben von fremdenfeindlichen Stickern beobachtet hatte, waren Rechtsextreme kein reales Problem in meinem privaten Alltag. Vor einigen Monaten kam ich aber ausnahmsweise einmal erst nach Mitternacht von der Arbeit nach Hause. Als ich aus der Innenstadt in den Stadtpark einbog, sah ich zu meiner Überraschung mehrere Personengruppen, die mitten im Park im Halbdunkel zusammenstanden. Zunächst dachte ich, dass die Polizei Personenkontrollen durchführen würde, und ging unbeirrt weiter. Wenige Schritte später erkannte ich meinen Irrtum: Dort, im Halbdunkel der Straßenlaternen und Bäume, standen locker zwanzig Nazis herum und steckten die Köpfe zusammen. Es war kein einziger Polizist anwesend. Außer mir.

Ich hatte kaum Gelegenheit, diese wenigen Wahrnehmungen zu verarbeiten, da stellte sich mir und dem Fahrradfahrer, der gleichzeitig in den Park wollte, plötzlich ein dunkel gekleideter Mann in den Weg und herrschte uns an: “Handys aus!” Der Fahrradfahrer, der tatsächlich zu der kleinen Versammlung hinzustoßen wollte, wurde gezwungen, sein Handy vorzuzeigen und vor den Augen des Türstehers auszuschalten. Ich ließ erkennen, dass ich einfach nur durch den Park wollte, und wurde nicht weiter behelligt.

Die gesamte Szenerie hatte etwas Bedrohliches. Das Verhalten der Rechtsausleger war dermaßen konspirativ und ihre Zahl so groß, dass ich im Vorbeigehen verstohlen nach Waffen Ausschau hielt. Ich erkannte zwar glücklicherweise keine, aber ich war keine fünf Schritte in den Park gelaufen, da hatte ich bereits beschlossen, den Herren die Party zu versauen. Kaum war ich außer Sichtweite, informierte ich die örtliche Polizeidienststelle. Kurze Zeit später umstellten mehrere Streifenwagen die Personengruppe und unterbrachen, was auch immer sich dort anbahnte.

Wie sich herausstellte, hatten dieselben Intelligenzverweigerer wenige Stunden zuvor in der Innenstadt Hitlergrüße und Naziparolen gegrölt und dafür Platzverweise kassiert.

An diesem Abend wurde mir erstmals vor Augen geführt, dass zumindest einige der gewaltbereiten Rechtsextremisten, von denen ich bisher — zumindest im privaten Kontext — nur in Verfassungsschutzberichten gelesen und Nachrichten gehört hatte, in meiner Nachbarschaft leben.

Nur wenige Meter von der Kita meiner Kinder entfernt — am Rande desselben Parks, in dem ich die unerfreuliche Begegnung mit dem Haufen Nazis hatte — gibt es einen kleinen, wohlsortierten Bio-Laden. Regelmäßig kehren wir nach Abholung der Kids dort ein, um ein paar Kleinigkeiten einzukaufen oder einen Kaffee oder Snacks zu holen. An der Kasse wird man von freundlichen älteren Damen, jungen Frauen oder einem einzelnen älteren Mann bedient. Und an der Tür zu dem Laden informiert einen dieses Schild über ein weiteres Angebot:

Im Lichte meiner nächtlichen Begegnung mit einem Park voller Nazis weiß ich diese Geste wirklich sehr zu schätzen. Als langjähriger Kampfsportler und Polizist — und nachdem ich im dienstlichen Kontext durchaus mit Rechtsextremisten zu tun hatte — befürchte ich aber, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bio-Ladens unterschätzen, was auf sie zukommt, sollte eine rassistische Hetzjagd jemals in ihrem Laden enden.

Die reale Konfrontation mit körperlicher Gewalt — die Erfahrung, dass jemand sich ernsthaft bemüht, einem möglichst heftige Verletzungen beizufügen — ist geradezu surreal; sie kann regelrecht traumatisch sein. Kein Wunder, dass ein Großteil der Menschen, die unvorbereitet in eine solche Situationen geraten, nur zur Flucht oder Angststarre in der Lage sind. Die schlechte Nachricht also ist: Man kann zu Gewalt entschlossenen Aggressoren nicht nur mit moralischer Überlegenheit und gutem Willen gegenübertreten und auf einen guten Ausgang der Begegnung hoffen.

Die gute Nachricht ist: Kämpfen ist ein Sammlung von Fertigkeiten — und Fertigkeiten kann man erlernen. Wie mit jedem anderen Skill auch ist man auch in der gezielten Anwendung von Gewalt notwendigerweise schlecht, wenn man es nie übt. Und wenn ich “schlecht” sage, meine ich: Lächerlich, blamabel schlecht — so wie die Herrschaften in diesem Video, die wahrscheinlich allesamt der Meinung sind, gefährliche Kämpfer zu sein:

Aber wie in jedem anderen Bereich von Können macht man schnell Fortschritte, wenn man sich reinhängt. Es braucht nicht allzu viel Training, um einem völlig untrainierten Laien in einer körperlichen Auseinandersetzung deutlich überlegen zu sein. Ein paar Monate intensives Training in der richtigen Kampfsportart machen aus einem potenziellen Opfer einen ernstzunehmenden Gegner.

Schon für jeden Normalbürger ist das in meinen Augen eine wertvolle Investition von Zeit und Energie. Wenn man anderen Menschen Schutz vor körperlicher Gewalt anbietet, ist man in meinen Augen verpflichtet, dieses Versprechen auch tatsächlich einlösen zu können.

Eine Demokratie muss für ihre Auseinandersetzung mit gewaltbereiten Rechtsextremen und anderen Verfassungsfeinden nicht nur juristisch, sondern auch tatsächlich wehrhaft sein. Dasselbe gilt für die Menschen, die sich solchen Gewalttätern entgegenstellen und Schutzräume anbieten wollen.1

In jedem zwischenmenschlichen Konflikt egal welcher Dimension gibt es grundsätzlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder verständigt man sich gewaltfrei — oder die größere Gewaltfähigkeit gewinnt. Es ist wichtig, dass die good guys in unserer Gesellschaft zu beidem in der Lage sind.

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Denkbar, dass ich den Damen und Herren in dem kleinen Bio-Laden Unrecht tue. Ich wäre ein sehr glücklicher Kunde, wenn der nächste Nazi, der sich an den Fersen eines verängstigten Opfers in das Geschäft wagt, kurz darauf auf einer Trage in einen Krankenwagen geschoben wird. Und natürlich ist ein Faustkampf nicht die einzige Möglichkeit, in einem solchen Szenario mit der Gefahr körperlicher Gewalt umzugehen.

Read the original on felixboelter.substack.com

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