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Erwachstumsschübe · Mar 15, 2026

#124: Geheime Identitäten

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Erwachstumsschübe · Erwachstumsschübe

Das Thema Identität hört nicht auf, mich zu faszinieren: Wie sie sich herausbildet und verändert, inwieweit das ein aktiver oder passiver Prozess ist, welche Rolle externe Einflüsse dabei spielen; aber auch, wie sehr man sich der verschiedenen Aspekte der eigenen Identität bewusst werden kann (oder eben nicht).

Meine aktuelle Sicht ist diese: Die eigene Identität besteht aus diversen — von Handlungen, Gewohnheiten und Verhaltensweisen gestützten —Aspekten und Teil-Identitäten, die sich im Laufe der Zeit immer wieder verändern, deren Relevanz und Gewichtung zu- oder abnehmen und die das eigene Verhalten auf unterschiedliche Art beeinflussen.

Ich bin beispielsweise Ehemann und Vater, ich bin Sohn und Bruder, Cousin, Onkel und Freund. Ich bin aber auch Polizist und Polizeitrainer, Kampfsportler, Schreiberling und Sportler. Ich bin Hobby-Musiker, Ideen-Enthusiast, Produktivitäts- und Schreibwaren-Nerd und ein Gamer. Ich bin evolutionärer Humanist und Liberaler, Rationalist und Skeptiker, Naturalist und agnostischer Atheist. In meinem Facebook-Profil stand mal die Selbstbezeichnung “Utilitarist mit deontologischen Ausrutschern".1

Die Fragestellung, die mich in diesen schreibdenkerischen Text zieht, lautet: Warum ist die Zahl der Menschen, die diese Liste ähnlich erschöpfend hätten zustande bringen können, so überschaubar?

Jedes Individuum steht vor der Herausforderung, sein persönliches Mosaik aus Identitätsteilen zu einem einigermaßen koheränten Gesamtbild zusammenzufügen.2

Bei alldem spielen die Menschen, mit denen man sich regelmäßig umgibt, eine große Rolle. Sie beeinflussen die Herausbildung unserer Identitäts-Teile ganz erheblich (siehe z.B. looking glass self). Dementsprechend präsentieren wir in bestimmter Gesellschaft üblicherweise auch nur bestimmte Seiten von uns selbst — eben die, die im jeweiligen Kontext angemessen scheinen.

Das gilt anders herum ebenso: Die Menschen um uns richten ihr Verhalten ebenfalls danach aus, wen sie meinen, in ihrem Gegenüber zu erkennen. Wie zutreffend diese Ausrichtung ist, hängt demnach unmittelbar damit zusammen, wie gut sie einen kennen — also auch, wie viele unserer Identitätsaspekte ihnen bekannt sind.3

Und das ist der Punkt, an dem ich kürzlich ins Grübeln kam: Wie gut kennen die Menschen in meinem unmittelbaren Umfeld mich wirklich? Wie umfassend und zutreffend ist ihr Gesamtbild von dem, was den ihnen bekannten Felix ausmacht?

Viele Aspekte in einer Person

Es ist schon herausfordernd genug, sich selbst einigermaßen gut kennenzulernen und einschätzen zu können — und auch dieses Thema beschäftigt mich oft.

Aber immerhin hat man aus der Innenperspektive meist einen einigermaßen leichten Zugriff auf die verschiedenen Facetten der eigenen Identität: Man kann sich an Situationen erinnern, in denen man sich so oder so verhalten hat, man kann das eigene Auftreten reflektieren und innere Konflikte zumindest im Ansatz bearbeiten.

Alle anderen Menschen sehen einen nur von außen: Sie müssen aus dem Verhalten, dem Erscheinungsbild, aus Mimik und Gestik und allen anderen Kommunikationskanälen diverse Dinge ableiten. Oder man kann sich ihnen zumindest ein Stück weit offenbaren und ihnen ein ausgewogeneres Gesamtbild von der eigenen Person eröffnen.

An dieser Stelle, wenn es um das Offenlegen des eigenen Facettenreichtums geht, scheinen starke Vorbehalte zu bestehen. Zumindest spüre ich in mir ein deutliches Zögern, wenn ich mir vorstelle, vor meinen Kollegen laut zu singen oder über die Magie des Schreibens zu sinnieren; oder aber meinem Onkel erklären zu wollen, warum es wichtig ist, kämpfen zu üben. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich möchte, dass meine engsten Vertrauten — meine Frau, meine Mutter, mein Bruder, meine engsten Freunde — einen genauen Eindruck davon bekommen, mit wie viel und wie vielen Facetten von Gewalt ich professionell zu tun habe.

Ist es nicht unvermeidlich, dass sich der Blick auf jemanden verändert, wenn sich das Gesamtbild ändert, das man von demjenigen hat?

Von einigen wenigen Menschen möchte man eigentlich, dass sie einen wirklich umfassend kennen — aber zugleich erfüllt einen die Vorstellung, was man ihnen dann offenbaren müsste, mit einiger Furcht.4

Vielleicht kann es deswegen so schmerzhaft sein, wenn ein Elternteil oder ein (vermeintlich) enger Freund so gar kein Interesse für eine Teil-Identität zeigt, die einem selbst sehr wichtig ist.

Und womöglich ist es anders herum ein deutliches Zeichen für eine längst eingetrocknete Beziehung, wenn ein solches Desinteresse keine Irritation auslöst.

Könnte es nicht sein, dass dieses (im Idealfall gegenseitige) Immer-Besser-Kennenlernen gar nicht unbedingt ein passiver Prozess ist, in dem nach und nach immer mehr Facetten des jeweils anderen zum Vorschein kommen — sondern dass es nötig ist, zumindest den Menschen, denen man sich wirklich offenbaren möchte, einen Vertrauensvorschuss zu gewähren und das Risiko der irritierten Zurückweisung einzugehen?

Ich fürchte: Wer sich das Signal wünscht, mit zunehmender Offenlegung seiner selbst — wenn überhaupt — noch mehr wertgeschätzt zu werden, hat keine Wahl, als das Gegenteil zu riskieren.

Zugleich sind die Menschen, mit denen das funktionert — die Kollegen, die auch enge Freunde werden; die Lebenspartner, die detaillierte Einblicke in die Arbeitswelt des anderen einfordern — die wertvollsten Begleiter, die man sich wünschen kann.
Das Risiko ist es also wert.

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1

Je nachdem, wie eng oder weit man den Begriff “Identität” fasst, kann so eine Liste sehr lang werden oder in angrenzende Themenfelder wie Persönlichkeit oder Überzeugungen hinein reichen.

2

Und erfahrungsgemäß wird man immer dann, wenn man mit dem Ergebnis gerade einigermaßen zufrieden ist, von einer Identitätskrise heimgesucht.

3

Ganz Ähnliches gilt nach meinem Eindruck auch für die eigene Vergangenheit: Man selbst legt bestimmte Aspekte der eigenen Identität womöglich mit der Zeit ab. Aber Erfahrungen aus diesen vergangenen Zeiten können weiterhin verhaltensbestimmend sein. Jemand, der um bestimmte Aspekte der eigenen Vergangenheit nicht weiß, kann demnach manchen Verhaltensweisen auch nicht richtig einordnen.

4

Da das hier ein quasi-öffentlicher Text ist, den jede Menge Fremde lesen, habe ich hier naturgemäß nur einen Schwung unproblematischer Aspekte meiner selbst gewählt.

Read the original on felixboelter.substack.com

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