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Erwachstumsschübe · Mar 3, 2026

#123: Meine Ent-Politisierung

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Erwachstumsschübe · Erwachstumsschübe

Dies ist der erste und hoffentlich letzte Newsletter, den ich erst mit mehrere Tagen Verspätung veröffentliche. Aber der Grund dafür ist ein guter: Inspiriert von einem rührenden Video des YouTubers und Substack-Autors Nathaniel Drew, in dem er seinem besten Freund einen langen “Liebesbrief” schreibt und vorliest, habe ich meine Schreibzeiten der letzten Woche damit gefüllt, einen Brief an einen meiner besten Freunde zu entwerfen. Ganz im Felix-Stil habe ich den am Ende aber handschriftlich verfasst und überreicht. Schreibt mehr Briefe, Leute!

Nun aber zum heutigen Text:

Im Jahr 2015, mit zarten 24 Jahren, trat ich der damals frisch gegründeten Partei der Humanisten bei. Schon wenige Monate später war ich Teil des Bundesvorstandes — und blieb das bis 2019. Zwischenzeitlich war ich für zwei Jahre sogar der Bundesvorsitzende dieses Politprojektes.

In dieser Führungsrolle lernte ich eine ganze Menge: Über mich selbst, meine Teamfähigkeit (und ihre Grenzen), meine Führungsqualitäten (und ihre Grenzen), über Gruppendynamiken, ideologische Grabenschlachten und was Verantwortung und Macht schon in solch einem überschaubaren Rahmen mit Menschen machen können. Daneben aber festigte meine politische Tätigkeit — immerhin einschließlich Fernseh-Interviews, Podcast-Auftritten und Reden auf Versammlungen — meine Teil-Identität als hochpolitische Person.

An den Anblick des eigenen Gesichts auf einem Plakat habe ich mich nicht gewöhnt.

Selbstverständlicher, indiskutabler Teil meiner Verantwortung und meines Selbstanspruches als Mitglied der Parteiführung war, dass ich über das politische Geschehen in Deutschland und Europa, über tagesaktuelle Ereignisse, über die großen und kleineren Debatten der Zeit und über unsere Parteiposition dazu bestens informiert war. Ich hatte natürlich meine persönlichen Schwerpunkt-Themen — aber als Bundesvorsitzender musste ich jederzeit in der Lage sein, unsere humanistische Positionierung zu eigentlich jedem politischen Thema überzeugend darlegen zu können.

Dementsprechend sah mein Nachrichten- und Medienkonsum aus. Und dementsprechend unvorstellbar wäre es für mein zehn Jahre jüngeres, von politischem Weltverbesserungstrieb durchdrungenes Ich gewesen, Politik und Nachrichten so zu konsumieren, wie ich es heute tue: Alle paar Tage. Unaufgeregt, ohne Meinungsbildungshektik und ohne den selbst auferlegten Zwang, über die allermeisten Themenfelder gut informiert zu sein.

Meine Wenigkeit 2018 auf dem WWDOGA in Köln

Wie deutlich sich meine Auseinandersetzung mit Politik (und gesellschaftlichen Debatten insgesamt) gewandelt hat, ist mir in den letzten Monaten immer mal wieder aufgefallen, wenn ich von einer wirklich weitreichenden Nachricht erst Tage später als die allermeisten erfuhr. Zuletzt wurde mir das verdeutlicht, als ein Kollege am Freitag mit einem Blick auf sein Handy kopfschüttelnd irgendwas von einem Angriff der USA auf den Iran erzählte. Ich hatte davon nichts mitbekommen.

In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich an den meisten Tagen der letzten Wochen nicht mal mehr, wie vorher lange üblich, die Deutschlandfunk Nachrichten gehört hatte — eigentlich meine tägliche Nachrichtenquelle; nun aber bekam ich von wichtigen Beschlüssen auf dem CDU-Bundesparteitag, von den neuesten Skandalen in den USA unter Trump oder eben vom Ausbruch eines neuen Krieges im Nahen Osten erst sehr verzögert etwas mit.

Diese Entwicklung ist keine Folge einer bewussten Entscheidung, sondern wahrscheinlich eher eine Mischung aus einem Zurückfallen auf mein Naturell und eine Veränderung meiner Prioritäten. Die tagtägliche Politik-Druckbetankung meiner Zeiten in der humanistischen Spitzenpolitik (^^) war ohne die Motivation einer solchen Tätigkeit sowieso kaum durchzuhalten. Aber nach meinem Ausscheiden aus dem Parteivorstand habe ich mich erstaunlich schnell erstaunlich deutlich ent-politisiert: Zu den meisten politischen Themen habe ich keine starke Meinung, und bei den wenigen Themen, mit denen ich mich vertieft auseinandersetze, sehe ich oft gute Argumente auf mehreren Seiten einer Debatte. Diese Argumente lasse ich mir meist in ausführlichen Podcasts oder Artikeln darlegen, die im besten Fall erst Tage oder Wochen nach irgendeinem Ereignis das Gesamtthema beleuchten, Hintergründe und verschiedene Blickwinkel liefern, wissenschaftliche Einordnungen beisteuern etc.

Aus der Perspektive eines heute 35-jährigen mehrfachen Familienvaters mit einem fordernden Beruf und diversen erfüllenden Nebenprojekten ist es kaum vorstellbar, meinen Medien- und Nachrichtenkonsum wieder deutlicher an die Verhältnisse von vor zehn Jahren anzupassen: Das Hetzen von Eilmeldung zu Eilmeldung, die hektische Aufholjagd mit den neuesten Entwicklungen, die Meinungsbildung irgendwo zwischen Bullshit-Vermeidung und Informiertheit — all das vermisse ich wirklich nicht.

Vielleicht ist das ein Zeichen von Erwachsenwerden; vielleicht einfach ein Ergebnis veränderter Lebensführung; vielleicht auch nur eine weitere Phase, auf die ich wenigen Jahren ähnlich verwundert zurückblicken werde wie jetzt auf meine Zeit im Parteivorstand. Vielleicht hat sich aber auch tatsächlich etwas an meiner Identität gewandelt: Ich lege keinen gesteigerten Wert mehr darauf, bei den allermeisten Themen irgendwie mitreden zu können. Ich höre inzwischen gern einfach mal zu, nehme zur Kenntnis, dass ich völlig uninformiert bin und wedele die herbeiwabernden Schuldgefühle, diese subtile Meinungs-FOMO, schnell wieder weg.

Die Welt kommt bestens ohne meine Positionierung zurecht — und ich ebenfalls.

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