Hallöchen,
wieder mal ein verspäteter Newsletter. Aber der Grund dafür ist zur Abwechslung mal erfreulich: Nachdem ich mein Handy vor kurzem gründlich entrümpelt habe, lese und schreibe ich in meinem Alltag nun nochmal deutlich mehr als vorher schon. Allerdings lese ich viel rund um sehr komplexe Themen und arbeite an langen Texten. Das hat meine Newsletter-Schreib-Zeiten zuletzt ziemlich aufgefressen, wird langfristig aber hoffentlich einige umfangreiche und lesenswerte Texte für meinen Blog hervorbringen.
Hier nun aber ein kurzer Text zu einem der wertvollsten Mentalmodelle, die ich kenne:
Vor wenigen Tagen war ich mit meiner Familie in der Stadt unterwegs, als ein Auto auf meiner Höhe anhielt und parkte. Am Steuer saß ein junger Mann, auf dem Beifahrersitz vielleicht vier Jahre alter (und damit für den Beifahrersitz viel zu kleiner) Junge; auf der Rückbank ein leerer Kindersitz.
Ich weiß und habe schon darüber geschrieben, dass man mit vorschnellen Urteilen meist falsch liegt, aber ich konnte nicht verhindern, dass mir beim Anblick des kleinen Kinderkopfes, der gerade so durch die Seitenscheibe zu erahnen war, der Gedanke kam: Hier droht eine tragische Multiplikation mit Null.
Hier ist eine meiner Grundüberzeugungen: Jeder möchte ein Leben voller Glück und Zufriedenheit führen. So manche Schwierigkeit oder Herausforderung mag man begrüßen oder sogar bewusst aufsuchen, um daran zu wachsen. Aber niemand wünscht sich ein in Summe beschwerliches, unglückliches und unzufriedenes Leben.
Bevor man darüber nachdenken und daran arbeiten kann, den eigenen Alltag erfüllender zu gestalten, muss man in meinen Augen allerdings dafür sorgen, dass ein Grundmaß an Zufriedenheit vorherrscht. Wer finanziell kaum über die Runden kommt, sich durch eine schwere Krankheit kämpft oder mit der Pflege eines sterbenden Angehörigen ausgelastet ist, hat wahrscheinlich ganz andere Prioritäten als die eigene Selbstverwirklichung.
Eine weitere Facette dieser Grundzufriedenheit ist das Vermeiden schrecklicher Fehler, die die Lebensqualität oder Gesamtzufriedenheit schlagartig herunterreißen. Genau diesem Kontext entstammt die Idee, eine “Multiplikation mit Null” zu vermeiden.
Mit der “Multiplikation mit Null” ist im Kontext von Lebensgestaltung gemeint: Das Treffen einer Entscheidung, durch die ohne Not das Risiko entsteht, in einem wichtigen Aspekt des Lebens bisherige Erfolge unwiederbringlich zunichte zu machen.
Oder weniger geschwollen ausgedrückt: Eine katastrophale Fehlentscheidung treffen, obwohl sie schon vorher als solche erkennbar war.
Die Liste der Möglichkeiten, mit Null zu multiplizieren, ist lang: Auto fahren ohne angelegten Sicherheitsgurt. Klettern ohne Sicherungsleine. Ungeschützter Geschlechtsverkehr mit Unbekannten. Schwimmen mit Eisbären. Reisen in Tropengebiete ohne empfohlene Schutzimpfungen. Sich schließende Bahnschranken noch schnell umfahren.1
Natürlich kann man es übertreiben mit dem Sicherheitsbedürfnis, mit dem Wunsch nach Kontrolle über kaum Kontrollierbares. Ab einem bestimmten Punkt schlägt Kontrollwütigkeit um in neurotisches oder anderweitig behandlungsbedürftiges irrationales Verhalten.
Aber nicht mit Null multiplizieren meint nicht das Vermeiden von Bagatell-Problemen; es geht darum, größtmögliche, lebenslang zu bereuende Dummheiten und Unachtsamkeiten zu verhindern. Es geht darum, die eigenen Denkfähigkeit zu nutzen, um für bestimmte Situationen Regeln aufzustellen oder eigene Prioritäten festzulegen, bevor diese Situationen eintreten und unser rationales Denken womöglich eingeschränkt ist. Denn wer von sich meint, selbst in Momenten der größten Aufregung, der gewaltigsten Versuchung oder des heftigsten Stresses noch ein kühlen Kopf bewahren und die bestmöglichen Entscheidungen treffen zu können, macht sich selbst etwas vor, kennt sich selbst noch nicht sonderlich gut oder war noch nie in einer solchen Situation.2
Konkret kann das zum Beispiel bedeuten, dass man bestimmte Kontexte meidet, von denen man weiß, dass sie zu unbedachtem Verhalten verleiten: Konsum von starken Rauschmitteln; Situationen mit heftiger Gruppendynamik; Umgang mit Menschen, die zu problematischem Verhalten anstiften. Es kann kaum überraschend, dass das folgerichtig bedeuten muss, beispielsweise einen weiten Bogen um Hooligan-Gruppen, kriminelle Gangs und gewaltbereite Demonstrationen zu machen. Und um Junggesellen-Abschiede. Und möglichst die eigene Pubertät zu überspringen.
Aber im Ernst: Man kommt in diesem Leben nicht umhin, ständig zwischen verschiedenen Möglichkeiten abzuwägen — und wo es Entscheidungen zu treffen gibt, gibt es meist bessere und schlechtere Optionen zur Auswahl. Zumindest im Nachhinein betrachtet.
Die Idee, eine Multiplikation mit Null zu vermeiden, entstammt der Sorge vor lebenslangen Gewissensbissen wegen einer wirklich unverzeihlichen Dummheit. Es ist im Interesse jedes Einzelnen, sich eine solche Reue zu ersparen.
Trotzdem glaube ich, es ist zu viel von sich selbst und anderen verlangt, nie das Risiko einer Multiplikation mit Null einzugehen; dafür ist unsere Entschlussfassung einfach zu oft zu spontan und zu irrational. Und unerfreulicherweise gibt es einen recht direkten Zusammenhang zwischen dem Risiko, das mit einer Entscheidung einhergeht, und dem Belohnungsgefühl, das uns am Ende dieser Entscheidung erwartet. Glücksspieler dürften wissen, wovon ich rede; Adrenalin-Junkies auch.
Aber ich glaube auch: Es ist schon viel gewonnen, wenn man sich eine Multiplikation-mit-Null-Alarmleuchte im Kopf installiert, die in den richtigen Momenten knallrot aufleuchtet und einen schrillen Alarm von sich gibt. Genau dafür gibt es Mentalmodelle wie dieses: Als Hilfestellung in Entscheidungssituationen.
Spätestens, wenn man die Irrwege und Merkwürdigkeiten der Pubertät weit hinter sich gelassen hat, wenn man Verantwortung für vieles trägt, was nicht nur einen selbst betrifft und den damit verbundenen Erwartungen gerecht werden möchte, tut man gut daran, Leichtsinn und Fahrlässigkeit von gefährlich schlechten Ideen unterscheiden zu lernen.
Und obwohl ich den Impuls nicht unterdrücken konnte, die Entscheidung des Vaters mit seinem kleinen Sohn auf dem Beifahrersitz als viel zu riskant zu verurteilen, weiß ich auch: Jedes Elternteil — und insbesondere jeder Vater — muss das schwierige Spannungsfeld zwischen Freiraum und Unbeschwertheit für das Kind einerseits und Sicherheit und Kontrolle andererseits permanent ausbalancieren. Und ich erinnere mich an viel zu viele Fahrten auf der Autobahn, bei denen meine Frau unser Kleinkind aus dem Kindersitz auf ihren Schoß genommen hatte, um es zu trösten oder zu stillen, als wir beide das Geschrei nicht mehr aushielten. Und viele Gelegenheiten, bei denen ich mit einem stillen Stoßgebet ans Universum zugelassen habe, dass mein damals Dreijähriger mit seinem Laufrad weit vor mir auf eine vollbefahrene Straße zufährt.
Am Ende müssen wir alle ständig abwägen. Oft tun wir das nicht sonderlich gut; aber hoffentlich wenigstens nicht katastrophal schlecht.
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Gerade dieses tragische Horror-Szenario, das sich viel zu häufig ereignet, verfolgt mich seit meiner Zeit als Bundespolizist.
Mehr Informationen dazu gibt es z.B. unter dem Stichwort “hot-cold empathy gap”

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