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Erwachstumsschübe · Feb 15, 2026

#122: Erwachstums-Vorgeschmack

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Erwachstumsschübe · Erwachstumsschübe

Dieser Text ist Teil einer unregelmäßigen Reihe zum Thema Erwachsenwerden. Mein Aufschlag zu dem Thema war Ausgabe 50. Mein bisher wichtigster Text dazu ist „Die Erwachsenden“. Alle Texte sind in der Kategorie “Erwachsener sein” zu finden.

Chris Williamsons (”Modern Wisdom”-Podcast) hat in einer seiner Podcast-Episoden mal sinngemäß gesagt, der Aufbau von Muskelmasse sei das einzige Unterfangen, bei dem man — in Form des sogenannten pump1 — schon während der Tätigkeit eine Vorschau auf die bevorstehenden Erfolge bekomme. Das wiederum erhöhe die Motivation, am Ball zu bleiben: Man sähe ständig eine etwas muskulösere Version seiner selbst im Spiegel, auf die man hinarbeiten könne.

Als jemand, der regelmäßig Kraftsport betreibt, kann ich bestätigen, dass der pump — zumindest für mich persönlich — durchaus hilfreich ist, um die Selbstquälerei mit der nötigen Regelmäßigkeit zu betreiben.

Aber ich stimme Williamson nicht zu, dass man einen motivierenden Blick in die eigene Zukunft nur beim Kraftsport bekommen kann.

Noch vor wenigen Jahren war ich ein prototypischer people-pleaser: “Ja” war meine reflexartige Antwort zu so ziemlich allen Anfragen, Bitten, Einladungen und Vorschlägen. Ich war dermaßen harmoniebedürftig und konfliktscheu, dass die Vorstellung, jemanden zu enttäuschen oder ein Hilfegesuch abzulehnen, mir körperliches Unbehagen bereitete.

In diesem Zusammenhang ist mir eine total profane Situation in deutlicher Erinnerung, die für mich gewissermaßen einen Wendepunkt markierte. Vor ungefähr fünf Jahren war meine Mutter zu Besuch bei meiner Frau, unserem neugeborenen Sohn und mir. Angedacht war ein gemeinsamer Spaziergang nach dem Mittagessen. Was die beiden Frauen nicht wussten, war, dass ich jemandem wenige Tage vorher ein Telefonat um 14:00 Uhr am selben Tag zugesagt hatte.

Während meine Frau und Mutter sich und den Kleinen für den Ausflug fertig machten, rückte der Stundenzeiger unerbittlich in Richtung der Zwei; meine Nervosität angesichts der absehbaren Kollision stieg. Aber ich brachte es schlicht nicht übers Herz, die drei entweder ohne mich loszuschicken oder das Telefonat abzusagen. Ich konnte es einfach nicht. Stattdessen redete ich mir ein, dass ich sicher nur irgendwelche fünf Minuten am Telefon sein würde und die beiden das gar nicht merken würden.

Es kam, wie es kommen musste: Das Telefonat dauerte deutlich über eine halbe Stunde — denn ich brachte es auch nicht übers Herz, meinem Gesprächspartner zu signalisieren, dass ich nicht viel Zeit hatte; währenddessen warteten meine Frau und meine Mum vor der Tür auf mich und wunderten sich über die Verzögerung. Erst als meine Frau irritiert den Kopf in mein Arbeitszimmer steckte, bekam sie mit, dass ich am Telefon war.

Gut möglich, dass für den einen oder die andere kaum nachvollziehbar ist, was mein Problem war. Warum habe ich nicht einfach meine Familie über das Telefonat informiert oder es verschoben?

Aber das ist genau der Punkt: Ich konnte nichts von beidem einfach tun. Die Vorstellung, irgendjemanden auch nur im Ansatz enttäuschen zu können, lähmte mich selbst in solchen banalen Momenten.2

Aber in diesem banalen Moment, als meine Frau in der Tür stand und sich wunderte, wo ich blieb, erkannte ich, dass das so nicht weitergehen konnte. Es war der sprichwörtliche Tropfen, der ein bis zum Rand mit Leidensdruck gefülltes Fass zum Überlaufen brachte.

Einige Monate und Entwicklungsschritte später war ich immerhin soweit, dass ich — mit ein bisschen innerlichem Anlauf — ein Telefonat mit einem guten Freund verschieben oder eine Einladung ausschlagen konnte. Und genau hier setzt mein Widerspruch gegen Chris Williamson an: In diesen ersten Momenten, in denen ich mit einiger Mühe eine Grenze ziehen, eine Absage erteilen oder eine Erwartung enttäuschen konnte und anschließend registrierte, dass die Welt nicht unterging und Beziehung nicht beendet wurde, bekam ich einen Vorgeschmack darauf, wie es sich als jemand leben würde, für den das kein Problem darstellt.3

Ich schreibe diese Zeilen im Rückblick auf eine frühere Version meiner Selbst, die in dieser Hinsicht ein gewaltiges Firmware-Update bekommen hat. Aber auch heute noch ist die Stimme der Konflikt- und Enttäuschungsvermeidung in meinem inneren Team ziemlich laut. Heute kann ich die Sichtweise von Menschen nachvollziehen, die womöglich kopfschüttelnd und ohne ernsthaftes Verständnis auf meine geschilderten Denkmuster blicken.

Ich kann mich aber auch noch sehr gut in das Innenleben dieses früheren Felix hineinversetzen, denn all diese Impulse und Befürchtungen sind immer noch da. Sie sind nur nicht mehr so handlungsleitend — und das ist der Punkt dieses Artikels: Sobald ich erkannte, dass ich diesen unerfreulichen Aspekt meiner Persönlichkeit ändern konnte, war auch absehbar, dass ich das schaffen würde.

Es war auch absehbar, dass das einige Mühe und Zeit kosten würde. Aber der relativ leicht zu erhaschende Blick in die Zukunft, die mich am Ende dieser Mühen erwarten würde, war enorm hilfreich, um sich auf diese Entwicklung einzulassen. Und genau wie beim Kraftsport wurde dieselbe “Übung” mit jedem “Workout” etwas leichter.

Genau wie eine fordernde Sporteinheit, von der man weiß, dass sie einen an seine Belastungsgrenze bringen wird, braucht es auch in solchen mentalen Stressmomenten einen ersten Sprung aus der Komfort- in die Entwicklungszone, eine Initialzündung der Leidensbereitschaft. Aber es lohnt sich:

Wer das erste Mal eine Grenze setzt, erkennt womöglich, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit respektiert wird.

Wer sich erstmals gegen die Gruppe stellt und seine Meinung vertritt, wird vielleicht davon überrascht, dass ihm das Respekt einbringt, nicht nur Irritation.

Wer zum ersten Mal Verletzlichkeit zeigt, wird möglicherweise mit Anerkennung und Mitgefühl belohnt, statt für Schwäche ausgelacht zu werden.

Und wer das erste Mal riskiert, jemanden mit einer Absage zu enttäuschen, könnte entdecken, dass die allermeisten Menschen dankbar, nicht wütend, auf eine klare Information reagieren.

Jeder sieht in irgendeiner Hinsicht Verbesserungsbedarf bei sich selbst. Aber gerade bei größeren Herausforderungen ist es schwer, die Motivation aufzubringen, sich überhaupt auf sie einzulassen — geschweige denn, lange genug am Ball zu bleiben.

Und doch: In dem Moment, in dem man auch nur die ersten vorsichtigen Schritte in die gewünschte Richtung geht, besteht die Chance, einen kleinen Vorgeschmack auf das Ergebnis der nächsten Etappe auf diesem Weg zu bekommen.

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Anschwellen von Muskeln während des Krafttrainings durch erhöhte Durchblutung der beanspruchten Muskelgruppen.

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Die grausame Ironie war: Ich selbst erkannte, wie banal diese Situationen waren. Ich konnte mir problemlos vorstellen, wie entspannt ich selbst in der umgekehrten Rolle — also als jemand, der eine Absage bekommt — reagieren würde. Aber in dem Moment, wo ich derjenige war, der die Absage hätte aussprechen müssen, befürchtete ich warum auch immer Zurückweisung und Ächtung.

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Die entscheidenden zwei Erkenntnisse, die ich wieder und wieder sammeln musste, um irgendwann glauben zu können, dass sie stimmten, waren: Die von mir befürchtete enttäuschte oder wütende Reaktion auf eine Absage bleibt erstens in den allermeisten Fällen aus; die Beziehung zu der Person oder mein Ansehen in ihren Augen leidet darunter nicht. Und zweitens reagieren Leute auf eine deutliche An- oder Absage meist verständnisvoll — nicht aber darauf, dass man versucht, allen gerecht zu werden und es am Ende keinem tatsächlich recht machen kann.

Read the original on felixboelter.substack.com

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