Ich schreibe seit vielen Jahren Bücher. Und wenn alles gut läuft, schaffe ich ein Buch pro Jahr. Meist eher eins in zwei Jahren.
Nicht, weil ich langsam arbeite. Sondern weil Schreiben Arbeit ist.
Idee haben.
Lesen.
Abwägen.
Verwerfen.
Formulieren. Neu formulieren. Verwerfen.
Und am Ende: Verantwortung übernehmen für das, was gedruckt wird.
Deshalb stellt sich mir immer wieder dieselbe Frage:
Wie ist es möglich, neben einem vollen beruflichen Alltag von 50 - 60 Stunden pro Woche mehrere Ernährungsbücher pro Jahr zu veröffentlichen?
Als Student war ich ein großer Fan von Stephen Hawking. Ja, jetzt ergibt die Vorede ein bisschen Sinn.
Nicht nur wegen seiner Physik, sondern auch, weil er trotz schwerster körperlicher Einschränkungen Bücher veröffentlichte, die weltweit gelesen wurden.
Gleichzeitig hat mich etwas irritiert.
Hawking veröffentlichte nicht ein Buch. Er veröffentlichte viele.
Wir haben damals – eher aus Neugier als aus Skepsis – angefangen zu rechnen. Anhand von Filmaufnahmen, in denen man sieht, wie er seine Tastatur bediente. Buchstabe für Buchstabe. Selbst mit sehr großzügigen Annahmen wären wir bei Zeiträumen gelandet, die für ein einziges Buch weit über ein Menschenleben hinausgehen.
Die Rechnung war simpel. Und offensichtlich nicht realistisch.
Die Erklärung kam später.
Natürlich stammten Hawkings Ideen von ihm. Natürlich war er der geistige Urheber. Wissenschaftliche Arbeiten hatte er seit den frühen 1980ern keine mehr schreiben können. Die Bücher, die wir in den 2000ern gelesen haben, waren keine Texte, die er selbst Seite für Seite geschrieben hat. Sie entstanden im Team. Strukturiert, formuliert, geglättet, redigiert.
Das ist im populärwissenschaftlichen Bereich nicht ungewöhnlich. Problematisch wird es erst dann, wenn diese Produktionsweise unsichtbar bleibt und stattdessen das Bild entsteht, eine einzelne Person habe diese Bücher „nebenbei“ geschrieben.
Heute begegnet man diesem Modell sehr häufig – auch im Ernährungsbereich.
Viele Bücher entstehen nicht dadurch, dass eine Ärztin oder ein Arzt sich hinsetzt und schreibt.
Sondern dadurch, dass ein Name zur Verfügung gestellt wird.
Der Name liefert:
Autorität
Vertrauen
Verkaufsargumente
Der eigentliche Text entsteht anderswo.
Manchmal schreibt die genannte Person ein Vorwort. Manchmal liefert sie Stichpunkte oder Interviews. Manchmal nicht einmal das.
Das ist keine Unterstützung beim Schreiben. Das ist eine Trennung von Name und Text.
Meist nicht am Cover. Auch nicht am Klappentext. Wer genauer hinschaut, findet Hinweise an Stellen, die viele Leser:innen überblättern.
Im Impressum finden sich oft Formulierungen wie:
„mit Texten von …“
„Texte: …“
„redaktionelle Mitarbeit: …“
„unter Mitarbeit von …“
Das klingt unauffällig. Ist aber aufschlussreich. Denn hier steht häufig der Name der Person, die den Text tatsächlich geschrieben hat.
Googelt man diesen Namen, zeigt sich nicht selten ein anderes Bild:
Plötzlich stammt das Buch eines „Dr. med.“
faktisch aus der Feder
einer Heilpraktikerin
einer Texterin mit Schwerpunkt „Gesundheit & Lifestyle“
oder einer Person mit Psychologiestudium und Interesse an Gesundheitsthemen
Das ist rechtlich korrekt. Aber es verschiebt die Frage der Autorenschaft und der Frage woher kommt das Wissen eigentlich erheblich.
Diese Konstruktion bleibt meist unsichtbar, weil sie formal sauber ist. Der Name auf dem Cover erfüllt seine Funktion. Der Text ist gut lesbar. Das Buch verkauft sich.
Für Leser:innen entsteht der Eindruck, sie würden hier direkt die Gedanken einer medizinischen Fachperson lesen. Wissenschaftlich fundiert.
Und genau das ist der kritische Punkt.
Wenn Texte nicht aus einem eigenen Denkprozess entstehen, sondern aus einem Produktionsprozess, haben sie bestimmte Eigenschaften:
sie sind sehr glatt
sie vermeiden Widersprüche
sie sind erstaunlich eindeutig, also an anderen orten wiederfindbare Ideen
sie lassen kaum Unsicherheit zu
Sie sind nicht zwingend falsch. Aber sie sind austauschbar. Es sind eben Zusammenfassungen von Zusammenfassungen. Es sind nicht Zusammenfassungen aus wissenschaftlicher Literatur und aktueller Diskussion ergeben.
Nicht, weil Ärzt:innen schlechte Fachleute wären - obwohl man darüber auch mal substacken könnte -, sondern weil ihre eigentliche Expertise nicht im Schreiben dieser Bücher liegt.
Ein Buch, das in wenigen Monaten entsteht, kann nicht dieselbe Tiefe haben
wie eines, an dem jemand ein Jahr oder länger arbeitet.
Das ist keine Wertung. Das ist eine Konsequenz von Zeit.
Wer mehrere Bücher pro Jahr veröffentlicht, hat nicht mehr Erfahrung –
sondern ein anderes Produktionsmodell.
Nicht, weil jemand seinen Namen zur Verfügung stellt. Ich bin vielleicht nur neidisch, dass ich nicht berühmt genug bin meinen Namen lizensieren zu können, Sondern weil Leser:innen glauben sollen, sie hätten hier direkten Zugang
zum Denken einer einzelnen Fachperson.
In Wirklichkeit lesen sie oft ein Produkt, bei dem Fachlichkeit, Textarbeit
und Verantwortung voneinander getrennt wurden.
Das ist effizient. Es hilft Verlagen zu überleben. Aber es ist etwas anderes als Autor:innenschaft.
Wenn ich ein Jahr an einem Buch arbeite, dann nicht aus Prinzip. Sondern weil Vereinfachung Zeit braucht, wenn sie ehrlich sein soll.
Ein Buch pro Jahr ist kein Zeichen von Ineffizienz. Es ist ein Hinweis darauf,
dass jemand bereit ist, für seine Inhalte einzustehen.
Vielleicht ist das der Unterschied zwischen vielen aktuellen Ernährungsratgebern
und denen, die bleiben: Die einen entstehen schnell. Die anderen entstehen verantwortlich.
Und manchmal erkennt man den Unterschied nicht daran, was im Buch steht –
sondern daran, wer es tatsächlich geschrieben hat.

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