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Benjamin-Immanuel Hoff · Aug 18, 2026

Das interessengeleitete Gerede über die "Privilegien" der Industriearbeiter:innen

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Benjamin-Immanuel Hoff · Benjamin-Immanuel Hoff

An zwei aufeinanderfolgenden Tagen der vergangenen Woche erläuterte das Handelsblatt seinen Leserinnen und Lesern, dass die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie und ihre Gewerkschaft sich von überkommenen Ansprüchen verabschieden müssten.

Am 12. August 2026 hieß es bei Sven Prange, das „goldene Zeitalter der Industriearbeiter“ sei vorbei und ihre „Privilegien“ müssten beschnitten werden.

“Worüber dagegen kaum gesprochen wird: Die Krise der Industrie ist auch eine Krise ihrer Arbeiter. Denn was deutschen Industrieunternehmen die Wettbewerbsfähigkeit nimmt, sind nicht nur falsche Rahmenbedingungen und Managementfehler – es sind auch Privilegien der Industriebelegschaften, die aus der der Zeit gefallen sind.”

Einen Tag später erklärte Thomas Siegmund die 35-Stunden-Woche zum „puren Luxus in der Krise“. Die IG Metall halte an „alten Privilegien“ fest und riskiere damit Arbeitsplätze.

“Auch wenn die Gewerkschaften die 35-Stunden-Woche hart erkämpft haben, sollten sie jetzt wie auch soinst immer an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter denken. Es dauert nicht mehr lange, bis eine halbe Million Industriearbeitsplätze verloren sind. Und was nutzt da ein tarifvertragliches Recht, wenn das nötige wirtschaftliche Fundament weggebrochen ist?”

Aus Sicht von Prange und Siegmund sollen die Beschäftigten länger arbeiten, auf tarifliche Ansprüche verzichten und geringeren Schutz akzeptieren. Von der IG Metall wiederum erwarten die Handelsblatt-Kommentatoren, bisherige Positionen zu räumen, die Logik der Arbeitgeber- und Kapitalseite zu übernehmen und sie ihren Mitgliedern als verantwortungsvolle Krisenpolitik zu vermitteln.

Aus dem Blick geraten dabei die unterschiedlichen Interessen von Arbeit und Kapital und die Institutionen, die zu ihrer Aushandlung geschaffen wurden.

Auch wenn einige in der Handelsblatt-Redaktion diese Beschreibung vermutlich für antiquiert halten: An den grundlegenden Interessenverhältnissen hat sich nichts geändert. Auf der einen Seite stehen Lohnabhängige – Menschen also, die ihren Lebensunterhalt dadurch bestreiten, dass sie ihre Arbeitskraft verkaufen. Sie organisieren sich gewerkschaftlich, um ihre Interessen kollektiv durchsetzen zu können. Auf der anderen Seite stehen Unternehmen und ihre Eigentümer. Sie setzen Arbeitskraft ein, um Wertschöpfung und Gewinne zu erzielen, und verfolgen Interessen an Rentabilität und der Verzinsung des eingesetzten Kapitals.

Diese Interessen können sich überschneiden, sie sind aber nicht identisch. Tarifautonomie und Mitbestimmung schaffen den institutionellen Rahmen, in dem die daraus entstehenden Interessengegensätze ausgetragen und Kompromisse ausgehandelt werden.

In den beiden Kommentaren wird diese Interessenstruktur weitgehend ausgeblendet. Tarifliche Ansprüche erscheinen als Vergünstigungen, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in guten Zeiten angesammelt hätten. Jetzt seien die Zeiten schlechter, also müsse ein Teil dieser „Privilegien“ wieder abgegeben werden.

Die Interessen der Kapitalseite verschwinden dagegen hinter vermeintlichen ökonomischen Sachzwängen: Die eine Sichtweise wird zur wirtschaftlichen Realität erklärt, die andere soll sie akzeptieren.

Die 35-Stunden-Woche wurde in langen und harten Tarifauseinandersetzungen durchgesetzt. Das gilt ebenso für Entgelte, Urlaub, tarifliche Sonderzahlungen, Alterssicherung, Qualifizierungsregelungen oder Beschäftigungssicherung. Diese Standards sind Ergebnisse organisierter Interessenvertretung, von Verhandlungen, Arbeitskämpfen und Kompromissen.

Sie als Privilegien zu bezeichnen, macht aus erkämpften Rechten vermeintliche Sondervorteile einer kleinen Gruppe. Tarifabschlüsse setzen dagegen Standards. Die 35-Stunden-Woche zeigte, was bei hoher Produktivität, technologischer Entwicklung und gewerkschaftlicher Durchsetzungsmacht möglich war. Dass Beschäftigte anderer Branchen auf diese Arbeitsbedingungen blickten und sie ebenfalls erreichen wollten, spricht für ihre Ausweitung, nicht für ihre Absenkung.

Hinzu kommt ein konkreter Widerspruch der aktuellen Debatte. Barbara Resch, Bezirksleiterin der IG Metall in Baden-Württemberg, hat darauf hingewiesen, dass die von Mercedes-Benz geforderte Verlängerung der Arbeitszeit auf unterausgelastete Werke trifft. Wo Produktionskapazitäten nicht ausgeschöpft werden, schafft eine längere individuelle Arbeitszeit keine zusätzliche Nachfrage und verkauft kein zusätzliches Auto. Der argumentative Klassenkampf von oben nimmt offenkundig auch solche Logikbrüche in Kauf.

Die Erzählung vom „goldenen Zeitalter“ als historischem Sonderfall, dessen Niedergang nun die Rückkehr zur „Normalität“ erfordere, fällt zudem hinter einen Anspruch zurück, der einmal zum Kernbestand der Sozialen Marktwirtschaft gehörte. Ludwig Erhard – gewiss kein gewerkschaftlicher Gewährsmann – gab seinem 1957 erschienenen Buch den programmatischen Titel „Wohlstand für alle“. Freier Wettbewerb sollte in dieser Vorstellung durch wirtschaftliches Wachstum den Lebensstandard breiter Bevölkerungsschichten heben. Erreichter Wohlstand war gerade nicht als zeitweiliges Privileg besonders begünstigter Beschäftigtengruppen gedacht.

Heute hingegen werden - gegen ökonomische Vernunft - gute Löhne, kürzere Arbeitszeiten und tarifliche Sicherheit diskreditiert. Das ist mehr als ein Streit über die richtige Krisenpolitik. Es geht um nicht weniger als Diskurshegemonie für die Interessen der Kapitalseite. Darin liegt die Bedeutung der beiden Handelsblatt-Kommentare.

Herrschaft stützt sich bekanntlich auch darauf, welche Deutungen in das Alltagsbewusstsein eingehen und dort als selbstverständlich gelten. Beschäftigte erleben den Druck im Betrieb, sorgen sich um Aufträge und Arbeitsplätze und können deshalb Forderungen nach Kostensenkungen nachvollziehbar finden.

Dieselben Beschäftigten erfahren, dass ihre Arbeitszeit verlängert, Einkommen gekürzt oder Beschäftigungssicherheit geschwächt werden soll, während Dividenden, Renditeerwartungen und Aktienrückkäufe einer anderen Rechtfertigungslogik folgen.

Wo gesellschaftliche Erfahrungen fragmentiert bleiben und ihre Zusammenhänge schwerer erkennbar werden, wächst die Bedeutung jener Institutionen, die Erfahrungen einordnen und gesellschaftliche Zusammenhänge verständlich machen und den Orientierungsnotstand (Oskar Negt) überwinden können. Parteien, Kirchen, Vereine und andere Organisationen, die solche Orientierungsleistungen lange übernommen haben, verlieren an Bindungskraft, weshalb die Orientierungs- und Bildungsfunktion von Gewerkschaften im Sinne kommunizierender Röhren ansteigt.

Gewerkschaftliche Bildungsarbeit verbindet in diesem Sinne die Erfahrungen der Beschäftigten mit den ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen sie entstehen und legt Interessenwidersprüche zwischen Kapital und Arbeit offen. Dadurch werden Alternativen zur behaupteten Alternativlosigkeit diskutier- und erkämpfbar.

Wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt muss seine Tragfähigkeit auch in Krisen beweisen. Die Tarifpolitik hat dafür über Jahrzehnte Instrumente entwickelt. Arbeitszeitkonten, Kurzarbeit, tarifliche Beschäftigungssicherung, flexible Arbeitszeitmodelle und betriebliche Vereinbarungen ermöglichten es, auf Auftragsrückgänge zu reagieren, Beschäftigung zu stabilisieren und industrielle Kapazitäten zu erhalten.

Die 1. Vorsitzende der IG Metall, Christiane Benner, erinnerte Anfang dieses Jahres in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an die Krisenbewältigungserfahrungen durch kluge Tarifpolitik:

“Deutschland bewältigte die Wirtschafts- und Finanzkrise ab 2009 auch deshalb vergleichsweise erfolgreich, weil die Sozialpartner rasch tarifliche Lösungen vereinbarten und gemeinsam Kurzarbeiterregelungen bei der Politik durchsetzt haben.”

Mit den vergangenen Tarifabschlüssen wurden gesellschaftliche Veränderungen aufgegriffen und auf neue Anforderungen reagiert. In vielen Branchen bestehen tarifliche Möglichkeiten zur betrieblichen Ausgestaltung. Demografie-Tarifverträge, Regelungen zu Weiterbildung, Digitalisierung und zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie zeigen, dass Tarifpolitik die Lebensrealitäten in der Arbeitswelt abbildet. Dies gilt nicht zuletzt auch für die tariflichen Möglichkeiten, Arbeitszeit zu flexibilisieren.

Tarifverträge regeln deshalb nicht nur die Verteilung wirtschaftlicher Erträge. Sie stellen Verfahren und Instrumente bereit, mit denen Krisen bewältigt und Anpassungsprozesse organisiert werden können, ohne die Lasten automatisch auf Beschäftigung, Einkommen und Arbeitsbedingungen zu verlagern. Davon hat die deutsche Volkswirtschaft in vergangenen Krisen erheblich profitiert. Die Behauptung, Gewerkschaften hielten lediglich an den Errungenschaften besserer Zeiten fest, verkennt diese Funktion von Tarifpolitik.

In beiden Kommentaren wird sehr konkret beschrieben, was Beschäftigte zur Bewältigung der Krise beitragen sollen: Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich, Verzicht auf Sonderzahlungen und die Schwächung des Kündigungsschutzes.

Die Verwendung der Gewinne vergangener Jahre, Dividenden, milliardenschwere Aktienrückkäufe und Investitionsentscheidungen bleiben dagegen weitgehend außen vor.

Im Kapitalismus ist das Gewinnerzielungsinteresse von Unternehmen konstituierend. Eigentümer erwarten eine Rendite auf das eingesetzte Kapital. Ebenso selbstverständlich verfolgen Beschäftigte Interessen an Einkommen, Sicherheit und guten Arbeitsbedingungen. Wer über die Verteilung von Krisenlasten spricht, muss beide Seiten betrachten.

Der Zeitpunkt der beiden Kommentare fällt in eine der härtesten Auseinandersetzungen um den Strukturwandel der Automobilindustrie und zugleich in die Vorbereitung der Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie. Tarifauseinandersetzungen sind immer auch Auseinandersetzungen um ihre öffentliche Deutung. Wer seine Interessen als ökonomische Notwendigkeit darstellen kann, während die Interessen der anderen als „Privilegien“ erscheinen, hat bereits einen Teil dieses Konflikts für sich entschieden.

In Richtung der Handelsblatt-Kommentare von Sven Prange und Thomas Siegmund: Wer von Gewerkschaften und insbesondere von der IG Metall erwartet, Verantwortung für die Zukunft der Unternehmen zu übernehmen, muss ihre Möglichkeiten zur Mitgestaltung stärken, statt sie zu beschneiden. Oder wie Christiane Benner in der FAZ formulierte:

Sozialpartnerschaft ist kein Naturzustand und die Tarifautonomie kein Selbstzweck. Ihre Stärken liegt in ihrer Friedensfunktion. Sie kanalisieren Konflikte, ermöglichen Interessenausgleich und schaffen Verlässlichkeit für Beschäftigte und Unternehmen. Unsere Betriebsräte sagen, dass ungefähr die Hälfte der Unternehmen keine Zukunftsstrategien besitzen. Das müssen wir ändern, statt durch schrille Meinungsäußerungen vom Wesentlichen abzulenken: unsere heimische Industrie und Wertschöpfungsnetzwerke zukunftsfähig zu machen, in Zukunftsfelder zu investieren, zu innovieren, Beschäftigung zu sichern, unsere Stärken voranzubringen.”

Verantwortung für die Zukunft der Industrie und die Durchsetzung der Interessen ihrer Mitglieder stehen für eine Gewerkschaft nicht im Widerspruch. Beides gehört zusammen.

Benjamin-Immanuel Hoff leitet das Ressort Grundsatzfragen und allgemeine Wirtschaftspolitik und Frank Herrmann den Funktionsbereich Gewerkschaftliche Bildungsarbeit beim Vorstand der IG Metall. Beide Autoren geben in diesem Beitrag ausschließlich ihre private Meinung wieder.

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