
2. Grundstandpunkt und Grundbegriffe
Zu der langen Verkennung, die Hobbes getroffen hat und zum Teil noch immer - nicht am wenigsten in seinem Heimatlande - trifft, hat haupts�chlich der Ruf des Atheismus, in den er gekommen war, sowie seine entschiedene Verteidigung des K�nigtums beigetragen. Seine Philosophie aber hat man entweder als eine zweite Auflage des Baconschen Empirismus oder als groben Materialismus vernachl�ssigen zu d�rfen geglaubt, bis erst neuere Forschungen auf seine wahre Bedeutung als Mitbegr�nder der modernen Weltanschauung aufmerksam gemacht haben.
Hobbes steht ausdr�cklich und fest auf dem Boden der von Kopernikus und Kepler, Galilei und Harvey begr�ndeten neuen Naturwissenschaft. Auch er hat geholfen, die anthropomorphen und animistischen Anschauungen zu zerst�ren. Auch bei ihm hat sich �durch lange Lebenserfahrung und scharfes Nachdenken� die Ansicht festgesetzt, dass in der Natur alles auf mechanische Weise geschehe, und dass aus der einen, durch mannigfache Arten und Ma�e von Bewegungen erregten Materie alle Erscheinungen der Dinge entspringen, sowohl in bezug auf die Empfindungen der lebenden Wesen als die Affektionen der �brigen K�rper, Er will nicht blo� das Universum im ganzen, sondern auch den Staat und den einzelnen Menschen wie ein Uhrwerk oder �eine andere etwas komplizierte Maschine� betrachten, in der das Herz die Feder, die Nerven die Schn�re, die Gelenke die R�der seien.
Bis dahin k�nnte man vielleicht von reinem Materialismus sprechen. Aber nun beginnt f�r Hobbes erst die philosophische Arbeit. Die �Maschine� in ihre Einzelteile zu zerlegen, d.h. das der Empfindung und durch die Empfindung Gegebene zu analysieren, ist die Aufgabe des Philosophen, der nur so zu Grundbegriffen oder Prinzipien gelangen kann. Alle Wissenschaft mu�, schon als gemeinsamer Wissensbetrieb, ausgehen von Definitionen, d. i. willk�rlich verabredeten Namen der Dinge, �die Wahrheit haftet am Worte, nicht an der Sache� [Nachkl�nge des Oxforder. Nominalismus seiner Jugend?]. Aber das Wort ist schlie�lich doch nur dazu da, um die Allgemeing�ltigkeit der Erkenntnis zu erm�glichen, und Wissenschaft im strengeren Sinne ist Erkenntnis der Ursachen. Sie ist also nur m�glich von Gegenst�nden, deren Ursache oder Entstehung wir kennen, die wir demnach im Grunde selber erzeugen, wie z.B. die geometrischen Figuren oder die Begriffe von Recht und Unrecht, �weil wir deren Prinzipien, n�mlich Gesetze und Vertr�ge, selber geschaffen haben�.
Gesetzt, es bliebe nach Vernichtung der Dinge nur der philosophierende Mensch �brig, so w�rde er sie aus seiner Erinnerung wieder erzeugen. So streift dieser �Materialist� ganz nahe an den idealistischen Grundgedanken, dass reine Wissenschaft in Geometrie, Physik und Politik nur m�glich ist von - Gedankendingen. Gewi� verk�ndet er ausdr�cklich: Es gibt keine Geister. Aber dieser echt materialistisch klingende Satz richtet sich nur gegen die Engel, Gespenster und �hnlichen Phantasmagorien der Scholastik, die mindestens in die Philosophie nicht geh�ren; allerdings auch gegen das Seelengespenst, dieses �so poetische und doch so schreckliche Phantasiegebilde� (T�nnies), dem er mit dem Schwerte der Kritik zuleibe geht. Hobbes will nichts als Tatsachen und deren kausale Zusammenh�nge darstellen. Ein gewisser Materialismus war notwendig gegen�ber dem immer noch in den Gelehrtenk�pfen herrschenden Formalismus der Scholastik. Der Begriff einer materiellen Substanz mu�te gebildet werden, um eine Naturwissenschaft �berhaupt erst m�glich zu machen. Aber die �benannten Dinge�, mit deren Scheidung, Ordnung und Einteilung die Philosophie beginnt, sind f�r Hobbes im Grunde doch nur unsere Empfindungen bezw. Vorstellungen von den Dingen. Von seinen vier etwas willk�rlich aufgestellten Kategorien: K�rper, Akzidentien, Vorstellungen, Namen, sind die Vorstellungen (zu denen auch Raum und Zeit geh�ren!) die urspr�nglichsten. Freilich kann er sich - und darin liegt die Schw�che seiner Methode - noch nicht v�llig von dem Gedanken freimachen, dass eine Abstraktion ein Nichtseiendes bedeute. Die Wissenschaft habe Kenntnis von wirklichen Dingen zu geben, und wirkliche Dinge seien K�rper. Philosophie ist daher K�rperlehre. Aber ebenso klar ist ihm, dass Bewegung und Gr��e, die Grundlagen des K�rperbegriffs, zun�chst �an sich� und auf abstrakte Weise betrachtet werden m�ssen. Denn sein erster Grundsatz lautet: Alle Ver�nderung ist Bewegung. Von diesem Grundsatze aus entwirft er sein System der Wissenschaft als Lehre von den Bewegungen oder T�tigkeiten der nat�rlichen und politischen K�rper.