Das hätte ich nie gedacht!
Ich habe ein gespaltenes Verhältnis zum Feuilleton. Nicht in der Funktion des Medientheoretikers, der ich nicht bin. Sondern als Leser, der eines Besseren belehrt wurde.
Der Nimbus des Pseudoliterarischen hinten im Kulturteil hat nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass ich einmal Journalist werden wollte. Die späteren Einblicke in den tatsächlichen Beruf haben dann eher das Gegenteil bewirkt.
Erst recht wegen des Kulturteils. Wenn einem nämlich eine Journalistin von großem Rang und Namen nicht nur durch die Blume zu verstehen gibt, dass das völlig in Ordnung sei, wenn nur ein Bruchteil der Lesenden ihre Texte überhaupt verstünde.
Seitdem kann ich gar nicht anders, als Feuilleton-Texte nur noch durch die Vierte Wand zu beäugen (um „vorurteilsbeladen“ einmal feuilletonistisch zu verbrämen).
Je feinziselierter der Text, umso mehr muss ich schmunzeln über den Herrn Redakteur oder die Frau Autorin, wie sie sich selbst gefallen und vor lauter kaprizierter Textverausgabung am Ende selbst nicht mehr wissen, worum es eigentlich mal ging, bevor sie von der Muse so um den Verstand geknutscht wurden.
Und dann lese ich neulich einen Feuilleton-Text und kann nicht anders, als Tage lang darüber nachzudenken.
Das hätte ich nicht im Traum gedacht.
Der Text von Boris Pofalla geht sehr offen, aber eben auch kritisch um mit einer Ausstellung von Lars Eidinger in der staatlichen Kunstsammlung K21 in Düsseldorf.1 Eidinger ist schon längst nicht mehr nur Schauspieler, sondern eben auch Teilzeit-DJ und Gelegenheitsfotograf.
Es mag einerseits am Zufall gelegen haben, dass mich der Text so fing. Denn keine zwei Wochen zuvor hatte ich den gleichnamigen Bildband zur Ausstellung „O Mensch“ in Händen gehalten und dachte da noch leicht zögerlich: „Och, das gefällt mir vielleicht.“
Das war in Teilen auch Selbstschutzbehauptung. Denn manches, was Eidinger so fotografiert, könnte auch bei mir den Knipsreflex auslösen.
Aber es lag eben auch an der grundsätzlichen Frage, um die der Artikel kreist, die die Menschheit schon seit Jahrhunderten beschäftigt und über die folglich auch ich gerne grüble: Was ist Kunst?
Das eigentlich grausame an der Frage ist ja, dass nie ein Prüfschema vorliegen wird, das eindeutige Antworten liefert. Wenn ich Fotos betrachte, antwortet mein Bauch innerhalb von Sekundenbruchteilen. Das hilft mir, kann aber kaum als allgemein verbindliche Regel dienen.
Ich kann es drehen und wenden, am Ende ist Kreativität mein kleinster gemeinsamer Nenner für Kunst. Ob etwas viel, schön, außerordentlich oder sonstwie kreativ, ist ohne Belang. Denn das sind Kategorien des Geschmacks. Das schiere Vorhandensein einer Idee, eines Konzepts oder des Versuchs davon, das aber kann ganz geschmacksfrei festgestellt werden.
Und wo eine Idee, da ist schon Kreation.
Fotografiert ein berühmter Schauspieler einen Schlafenden auf einer Bank, ist das zunächst ein Schnappschuss.
Fotografiert ein Irgendwer die immer selbe Tischtennisplatte und dokumentiert damit, wie Menschen die Platte im Zeitverlauf in Besitz nehmen,2 dann wird ein Kontext geschaffen, der übers Bild hinauswächst.
Lars Eidinger kann einem ein bisschen leidtun. Der Frage, ob das schon Kunst ist, was er macht, liegt ja die ungute, weil neidende Annahme zugrunde, dass es nicht mit rechten Dingen, sondern vielmehr mit seiner Prominenz zugegangen sein muss.
Aber leider muss sich seine K21-Ausstellung die Kunst-Frage wirklich mehr gefallen lassen als andere.
Erstens kann den Erweiterten Kunstbegriff, der Kunst raus aus den Akademien und runter auf die Straße holen sollte, eine privilegierte Berühmtheit nun mal schlecht für sich in Anspruch nehmen.
Und zweitens gelingt eine ultraliberale Ausflucht – Kunst ist, was die freien Kräfte des Marktes dafür halten – im Falle einer steuerfinanzierten Kunstsammlung eben auch nicht.
Seine Kunst muss für sich standhalten.
Das ist der monatliche Foto-Post der Eskapade. Einmal im Monat veröffentliche ich hier die Bilder, die ich nicht mehr auf sozialen Plattformen poste. Denn da sind sie nur digitaler Abraum. Und doch habe ich keinen Kunst-Anspruch! Mein Fotografieren – so unvollkommenen es heute noch ist – wird immer mehr dem Dokumentieren nachstreben als dem Kreieren.
Im Februar 2023 fanden in Berlin Abgeordnetenhauswahlen statt, nachdem der Verfassungsgerichtshof bei der vorangegangenen Wahl massive Unregelmäßigkeiten festgestellt hatte. Die Wiederholungswahl fügte sich reibungslos ins gängige Berlin-Klischee ein, nach dem in dieser Stadt so gar nichts funktioniert. Andererseits hatte die Entscheidung einen sechswöchigen Hauruck-Wahlkampf zur Folge, der die Lokalpolitiker vor große Herausforderungen stellte.
Beide Aspekte fand ich so faszinierend, dass ich einen dieser Lokalpolitiker sechs Wochen lang im Wahlkampf begleitete (alle Fotos für zahlende Abonnent*innen).

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