Ich backe in letzter Zeit so viel, wenn ich es nicht besser wüsste, ich würde glauben, ich bin schwanger.
Letzte Woche gab’s Schokobrötchen auf Skyr-Basis. Die stellte das vegane Bananenbrot allerdings in den Schatten. Und Zimtschnecken, naja, die sind sowieso die beste Sache auf der Welt, die nicht mit Käse überbacken ist.
Inzwischen ist meine letzte Amtshandlungen jeden Freitag, bevor ich rüberrutsche ins Wochenende, das Absurfen diverser Backblogs. Dann wird entschieden, was Neues probiert wird.
Woher der neue Hang zu Mehl, Ober- und Unterhitze kommt, konnte ich mir anfangs nicht erklären. Ein gesteigerter Nesttrieb ist eher nicht typisch für mich. Herbstliche Häuslichkeit ist auch kein Verhaltensmuster, für das ich in meinem Umfeld anerkannt bin.
Als ich dann gestern einen Hefeteig zum Gehen in meine Bettdecke einschlug, da kam mir spontan eine Erkenntnis. Backen hat alles, was meine Seele gerade gut gebrauchen kann. Teig zu walken ist wie, die Schläfen zu kneten.
Beim Backen ist nichts mehr zu machen, wenn sich erst einmal die Ofentür geschlossen hat. Backen verlangt deshalb Präzision.
Was ich am Kochen so mag, das Rumgewurschtel bis zum Schluss, das Ersetzen und das Auswetzen, sogar noch auf dem Teller, wenn man denn will, das ist beim Backen nicht drin. Backen ist auf seine Art anspruchsvoller. Es verlangt gewissenhafte Planung (was meiner Persönlichkeit entgegenkommt) und Disziplin (das auch).1
Je höher der Anspruch, umso größer ist die Befriedigung, wenn’s trotzdem klappt.
Backen steht sinnbildlich fürs Erschaffen von etwas Neuem.
Im Grunde lässt sich ja jedes Buch über Kreativität auf diesen Satz reduzieren: Kreativität passiert, wo zwei bekannte Dinge neu zusammengesetzt werden und etwas Drittes entsteht.
In der Musik gelten bestimmte Regeln und starke Konventionen. Tonleitern sind nun mal Tonleitern. Dixieland ist kein Black Metal. Die Kunst besteht nun darin, Dixieland und Black Metal zu einem Schoko-Erdnussbutter-Cup zu vereinen.
Auch beim Backen kann nicht einfach alles mit allem zusammengeknetet werden. Aber wenn etwas neues entsteht, dann wird’s auf jeden Fall ein Hit.
Vor vielen Jahren habe ich in einem dritten Programm eine typische Drittes-Programm-Reportage gesehen. Es ging um einen Besenbinder. Der fasste seinen Tag so zusammen: „Ich mach morgens ‘n Besen. Und nachmittags ‘n Besen. Und am nächsten Tag wieder von vorne.“
Die Sätze blieben mir im Gedächtnis, weil sie nach dem Paradies klingen. Was nämlich ich am besten kann, verändert die körperliche Welt so gar nicht. Mein Beitrag zum Fortkommen der Menschheit – falls es den überhaupt gibt! – kann man nicht am besten genießen, wenn er frisch aus dem Ofen kommt.
Wenn meine Tochter und ich zusammen ein Schokobrötchen wegmampfen (auf Skyr-Basis, Sie wissen schon), verbindet uns das ungleich mehr, als würde ich ihr diese eine Tabelle zeigen, die mein Chef angeblich so dringend gebraucht, aber dann nie angeschaut hat.
Das Wort von der Selbstwirksamkeit mag inzwischen überbeansprucht sein. Aber das ändert ja nichts an der wohltuenden Wirkung von Ergebnissen, die man sehen kann.
Noch so ein sehr strapaziertes Wort: Achtsamkeit.
Achtsamkeit soll unseren Köpfen die Verschnaufpausen zurückgeben, die sie heute nicht mehr bekommen. Durch die Info-Sintflut und die süchtigmachenden Hormondosen aus dem Internet läuft unser Hirn nämlich ständig unter Volllast.
Vor nicht einmal zwei Jahrzehnten sorgte noch die Langeweile für natürliche Entspannung im Kopf (und für mehr Einfälle). Im Intercity den Regentropfen zuschauen, wie sie das Fenster herabzuckeln? Achtsamkeit!
Der Drang zum Smartphone ist wie weggeblasen, wenn ich mich Messerspitzen-genau durch ein Backrezept arbeite. Die Frage, wie ich in sechs Monaten Geld verdienen soll, stellt sich gerade nicht, wenn die viel wichtigere Frage ist, ob ich die Tara-Taste gedrückt habe oder nicht.
Gestern habe ich 15 Minuten durchs Ofenglas statt durch die Displayscheibe geguckt. Ich wollte auf keinen Fall verpassen, wie die Zimtschnecken aufgehen. Achtsamkeit!
Von den vielen therapeutischen Nebenwirkungen des Backens einmal abgesehen, eröffnet die Perfektionierung einer neuen Fertigkeit natürlich auch beruflich ganz neue Möglichkeiten.
Vielleicht sehen wir uns demnächst in einem dritten Programm.
Morgens ein Bananenbrot. Nachmittags ein Bananenbrot.
Und dann von vorne.
Ja, schon gut, Tim Raue! Ein Fünf-Gänge-Menü punktgenau auf den Tisch zu bringen, ist so viel mehr anspruchsvoll in Sachen Planung und Disziplin, als gemütlich fünf Kuchen hintereinander wegzubacken. Wenn ich sage, Backen ist präziser als Kochen, dann meine ich, Backen ist präziser als mein Kochen.

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