Das ist Kapitel zwei. Wer wissen möchte, wie alles begann, kann noch schnell Kapitel eins nachlesen.
Zu spät. Jetzt geht’s los.
Alle Mächtigen machen diese Erfahrung irgendwann. Dass gar nicht sie die Fäden in Händen halten, sondern das System, in dem sie stecken. Denn wer viel zu sagen hat, braucht Weitersager, damit das klappt mit dem ganzen Teilen und dem Herrschen.
Leider entwickeln die Schranzen beinahe unvermeidlich einen Hang zu eigener Meinung und eigenem Wollen. Die Merowingerkönige hatten die Hausmeier. Heidi Klum hatte Papa Günther. Und mir sagt der Traumschiff-Fahrplan, was ich zu tun habe.
Für mich stand eigentlich von Anfang fest, wohin die Reise gehen sollte, meine eigene Jungfernfahrt mit der MS Amadea. Auf zu den Lofoten!
Ich war ganz überrascht von der heiligen Entschlossenheit, die mich überkam, sobald ich begriffen hatte, dass ich ein Schiffseigner bin. Ich habe kein Skandinavien-Faible, beäuge die grassierende Verbullerbüung des deutschen Spießers sogar skeptisch und mitnichten hatte ich vor, unter den Nordmännern genealogische Recherchen zu betreiben, obwohl mein Teint genau das nahegelegt (die gleißende Blässe mit roten Einschüssen erinnert stark an die Füllung einer Yogurette).
Eine mögliche Erklärung, die ich fand für meinen Lofoten urge, war das schlechte Gewissen. Suchte ich Absolution in den Fjorden Norwegens?
Meine Todsünde hieß Claudia Thomas beziehungsweise meine Sünde war der Hochmut, den ich und die anderen Siebtklässler ihr angetan hatten, als Claudia ein perfekt ausgearbeitetes Erdkunde-Referat hielt zum Thema Lappland. Jedes Mal, wenn sie dessen Einwohner korrekterweise Lappen benamte, brach die Klasse in schallendes Gelächter aus. Ich ganz vorne mit dabei.
Ich weiß nicht, was aus Claudia geworden ist. Ich habe mir immer vorgestellt, ihr Leben wäre verlaufen wie in den Hollywood-Filmen aus den Neunzigern, in denen eine junge Frau am Tiefpunkt angekommen stets eine Torte an die Wand wirft, anfängt zu joggen und Jahre später als CEO ihres eigenen Unternehmens Mannequin-gleich hereinschneit auf der Highschool-Reunion. Dann löst sie das Wallehaar, schüttelt in Zeitlupe ihre Mähne und die Peiniger von einst pullern sich schön ein.
Wir werden es wohl nie erfahren. Meine Schule macht keine Reunions.
„Leute, lasst das cruisen sein! Reiht euch in die Demo ein!“ Als ich die Gangway halb erklommen habe, erschallt der Sprechchor zum ersten Mal. Unten auf dem Kai haben sich an die 30 junge, als Aktivist*innen gelesene Menschen versammelt. Sie haben alles, was sie wollen: Plakate, Megaphon und Furor.
Das muss die Gruppe sein, von der mir der PR-Stab zerknirscht berichtet hat. Die internationale Weltuntergangsnaturschützerszene hat Kreuzfahrten zum neuen Pelztragen erklärt, wie’s scheint.
Mir wurde nahe gelegt, öffentlich nicht über Zahlen zu sprechen, aber so viel kann ich verraten: Würde ich eine Avocado-Farm betreiben, zu der das Wasser durch 3.000 Kilometer lange Rohre gepumpt wird und nach Feierabend widmete ich mich dem Betrieb meiner sieben Großrechenzentren, die für mich Bitcoins minen, meine Ökobilanz nach einem Jahr wäre immer noch besser als nach einmal auf dem Traumschiff für kleine Reeder zu gehen.
Darüber hinaus ist die Ausbeutung auf Kreuzfahrtschiffen leider so offenkundig. Wenn das fabrikneue iPhone aus der Verpackung flutscht, sieht man immerhin die entzündeten Kinderaugen im Sweatshop nicht. Den Filipino, der für 350 Dollar im Monat jeden Morgen brav an der Eierstation vom Frühstücksbüffet steht, können Rita und Joachim allerdings nur schwer übersehen.
Einen Etappensieg haben die Protestierenden errungen. Ziel unserer Fahrt sind nicht die Lofoten, sondern, exakt, die Philippinen. Da wird die Mannschaft einen Tag Landgang extra bekommen. Irgendjemand aus der Presseabteilung dachte, das sei eine gute photo opportunity. Den gönnerhaften Kolonialherren-Geist, den die Aktion ausschwitzt, hat irgendjemand aus der Presseabteilung anscheinend übersehen.
Statt sich an irgendwas festzukleben, wird jetzt unten eine Agitprop-Party gezündet. Die Protest-Personen haben dicke Lautsprecher angeschmissen und Destiny’s Child wummt „Say My Name“ in Richtung großer, weißer Vergnügungskutter. Hinter ihrem Pult gestikuliert wild Frau Liebhold. Man versteht ja sein eigenes Wort nicht.
Jeder Protest, der tiktokable sein will, braucht eine anständige Pop-Anleihe. Auf der richtigen Seite der Geschichte darf man gerne cool aussehen. In diesem Fall soll die doppelsinnige Songauswahl offenbar die Dekadenten gemahnen, den gesichtslosen Sklaven des Kapitalismus ihre individuelle Namhaftigkeit zurückzugeben. Aus Solidarität tragen die Aktivist*innen allesamt T-Shirts mit dem eigenen Vornamen drauf.
Ich habe erst zwei Merles, eine Jette und fünf Annalenas gezählt, da gellt sein Ruf: „Andrrreas!“
Hoch oben am Ende der Gangway steht Kapitän Parger. Ein baumdicker Sonnenstrahl hat sich irgendwo hindurchgemogelt und lässt seine blütenweißen Uniform leuchten, als habe er ein Flutlicht verschluckt. Die Arme sind ausgebreitet, das Kurzarmhemd bringt die Tattoos auf dem linken gut zur Geltung.
In diesem Moment begreife ich, was ich im Grunde schon immer wusste. Ich bin uniformschwul. Männer in Uniform dürfen alles von mir verlangen.
Das tut er dann auch. „Komm in meine Arrrme!“
Fortsetzung folgt.
Die Karma-Bilanz der Eskapade ist vorbildlich. Wer einen Text teilt, kriegt mehr Glücksgefühle als in ein Rettungsboot passt.

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