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Die Eskapade · Apr 6, 2025

Ein Füßling macht noch keinen Frühling

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Andreas Laux · Die Eskapade

Ich möchte ein weitverbreitetes Trübsinn-Phänomen in den Kanon der Niedergeschlagenheiten einführen: die März-Melancholie. Ob sie tatsächlich so weitverbreitet ist, muss sich noch herausstellen. Aber für zwei, drei Postkarten-Texte und einen Deutschpop-Knödelhit sollte es reichen.

Das Konzept der März-Melancholie bezieht sich nicht etwa auf die Revolution gleichen Namens, die vor 177 Jahren das schwarz-rot-goldene Banner auf Barrikaden pflanzte und uns heute deshalb traurig stimmt, weil sie vorführt, was für verzogene Blagenbürger wir eigentlich sind. Sonst würden wir, was wir haben, mehr zu schätzen wissen.

Ganz geistgaukelnd nenne ich das Phänomen hin und wieder Frühblüher-Elegie, wenn nämlich stern.de anruft, um mit mir, dem Entdecker dessen zu sprechen, „von dem ganz Social Media gerade spricht“. Dieses Gefühl also beschreibt im Wesentlichen hohe Erwartungen, die mit der Realität kollidieren.

Und das geht so.

Ein langer Winter hat die Sehnsucht nach Sonne und Wärme ins beinahe Unermessliche gesteigert. Die allzu große Erwartung greift über auch auf die anderen Themen, die wir gerne zum Besseren gewendet sähen. Dann kommt der erste Krokus und wir stellen fest, dass das mit der Wärme ganz gut geklappt hat, aber die dumme Chefin, der miese Kontostand und die abgelaufene TÜV-Plakette sind immer noch da.

„Ein Füßling macht noch keinen Frühling“ – so soll der Sat.1-Film heißen, der der März-Melancholie ihr Denkmal setzt und Sophie Schütt ein fulminantes Schauspiel-Comeback beschert. Anika Decker bekommt 100 Prozent der Einnahmen, versprochen.

Im abgelaufenen Monat habe ich Kaffee getrunken mit einer Freundin. Wir hatten uns in den zweieinhalb Jahrzehnten davor manchmal gesehen, in echt oder im Internet, aber nie wirklich gesprochen.

Das Geplänkel, mit dem man den Staub runterpustet von den Jahren, bevor es an die guten Themen geht, drehte sich bei uns um Putzmänner. Bei ihr wurde nämlich in eben jenem Augenblick für Sauberkeit durch Dritte gesorgt und sie war deshalb froh, raus aus dem Home Office zu sein.

Ich konnte das sehr nachfühlen. Wenn der Dienstleister im Haus ist, verklemmt sich ja sofort unser ETF-gepolstertes Gemüt zwischen theoretischem Dafürsein fürs bedingungslose Grundeinkommen und der ganz praktischen Wohltat einer haushaltsnahen Dienstleistung.

Auf dem Nachhauseweg zurück in den gediegenen Berliner Südwesten habe ich mich dann beim Schmunzelgedanken erwischt, was für ein formidabler Service es doch wäre, wenn man abends ins Bett ginge und am nächsten Tag wacht man auf und die Wohnung ist picobello, weil fleißige Putzmänner über Nacht für zitronige Frische im Altbau gesorgt haben.

Da war meine März-Melancholie für fünf Minuten wie weggeblasen. Denn offensichtlich geht es mir verzogenem Blag noch zu gut.

Was sagt das über den eigenen Geschmack aus, wenn das einzige Buch, das man mit dem Präfix „Lieblings“ versehen würde, seit Jahrzehnten nur noch antiquarisch zu kriegen ist? Ich weiß um die Verknappung, weil ich Jörg Uwe Sauers „Uniklinik“, eine groteske Satire auf den Geistbetrieb, gerne schenke. Das Geschenk daran ist der Aufwand dafür. Vielleicht hoffe ich, dass die Beschenkten meine Anwandlungen besser nachvollziehen, wenn sie den Blödsinn gelesen haben, den ich vergöttere. Oder besser: Wir lachen nachher zusammen über den Blödsinn, der immer gerade irgendwo passiert.

Dass es Rap auch mal ohne Shisha und Hustensaft gab, hatte ich fast vergessen. Dabei wird irgendwo immer noch Boomer Bap gemacht. So lange Kopfnicken noch keine Schäden beim Boomer verursacht, nicke ich im Moment zu Dendemann.

Ich formuliere mal frei nach den Tesla-Fahrern, die vom süßen Milliardärsfratz mit der Motorsäge plötzlich nix mehr wissen wollen: Ich hab schon versucht, das Internet loszuwerden, bevor Elon abgedreht ist. Nach Feierabend und an Wochenenden bleiben Socials, E-Mails und News konsequent draußen. Weil ich selbst gar nicht konsequent bin, übernimmt das Aussperren jetzt die App „Freedom“. Jemand, bei dem ein Tesla unterm Carport steht, würde sagen: ein echter Gamechanger.

Komisch das: Nachdem ich mich berufsbedingt jahrelang damit auseinanderzusetzen hatten, was gerade der heißeste Scheiß beim Streamer ist, empfinde ich heute wohltuende Lulligkeit beim Schauen von Serien, die Hauptsache nicht cool sind. „Only Murders in the Building“ passt perfekt in diese Anspruchsschwerelosigkeit. Die Krimicomedy mit Selena Gomez, Martin Short und Steve Martin verursacht genauso viel Herzrasen wie der Abspann einer Hercule Poirot-Verfilmung. Short und Martin haben ihren Slapstick seit den „Drei Amigos“ gottlob gelassen, wie er ist. Noch absurder als all die Altbackigkeit ist nur der Star-Wucher von „Only Murders in the Building“. Staffel fünf wird wohl Ende dieses Jahres erscheinen, mit dabei sind Renée Zellweger und Christoph Waltz. Eine Oscar-Preisträgerin und ein Oscar-Preisträger als Nebendarsteller, was sonst.

Die Eskapade erscheint zweimal im Monat. Auf diesen Rückblick mit handgemachten Bildern folgt in zwei Wochen ein Text aus der Fantasie. Und so weiter. Ein Herzchen unten wäre schöner als Gold!

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Read the original on andreaslaux.substack.com

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