Ihr autobiographischer Roman Kindheitstrauma sei höchstens für ihre Kinder und Enkelkinder interessant, für niemanden sonst, so schmähte seinerzeit ein allwissender Literaturkritiker die Schriftstellerin Christa Wolf. Dem konnte ich nie zustimmen. Warum soll ein echtes Leben in Zeiten des Krieges und der Umbrüche nicht auch für Leser interessant sein, die Vergleichbares erlebt haben oder die wissen wollen, wie das alltägliche Leben in dunklen Zeiten ausgesehen hat?
Autofiktionale Literatur ist heute – Jahrzehnte später – nicht mehr aus der Belletristik wegzudenken – sie ist nobelpreiswürdig geworden. Man interessiert sich für Privatheit, für Einzelschicksale – wie wurde dieser einzelne Mensch zu dem, was er heute ist.
Im autofiktionalen Roman Onigiri von Yuko Kuhn (1983 in München geboren) spielen politische und historische Gegebenheiten keine Rolle. Im Mittelpunkt steht die japanische Mutter der Erzählerin, die als junge Frau von 28 Jahren, als Lehrerin ausgebildet, begabte Sängerin, ihre Heimat Japan verlässt, um im fernen Deutschland ein neues Leben zu beginnen. Sie heiratet einen reichen, 10 Jahre jüngeren Mann, bekommt zwei Kinder, die Ehe wird unglücklich, der Mann verlässt sie. Sie erzieht ihre Kinder allein, verliert im Laufe der Jahre ihre Antriebskraft und Energie, wird melancholisch, einsam und im Alter dement.
Das ist der Kern der Geschichte, die die Erzählerin Aki aus ihrer eigenen Perspektive als Kind und Tochter auf drei Zeitebenen vermittelt: die Rückschau, die Erzählgegenwart und die letzte Reise mit der schon dementen Mutter nach Japan zu deren Familie.
Trotz dieser Zeitverschiebungen und -verschränkungen wird im klassischen Sinne nichts entwickelt oder erklärt, sondern eigentlich nur beobachtet (Perspektive des Kindes, der erwachsenen Tochter) und beschrieben – und das mit wirklicher Liebe zu einigen Menschen und zum Detail, vom Villeroy&Boch-Geschirr bis zu Kunststoffschlappen, kaputten Fliesen und Miso-Suppe – nie voyeuristisch. Doch gibt es vieles, was der Leser gerne genauer wissen möchte: Da ist beispielsweise die deutsche Großmutter Gesine, elegant, gebildet, in Biologie promoviert, allen Enkeln gegenüber hilfsbereit, gleichzeitig kocht sie täglich, managt den Haushalt, pflegt den Garten und pichelt jeden Abend eine Flasche Wein, gerne mehr – eine Alkoholikerin also. Da ist der Vater, begabter Schüler und Student, künstlerisch talentiert, aber eine Dissertation bringt er nicht zu Ende, geht auch keinem Brotberuf nach. Ein halbherziger Selbstmordversuch scheitert. Da ist auch die Erzählerin selbst, die als Erwachsene psychotherapeutische Hilfe braucht. Der Leser vermisst Hintergrundinformationen – es gibt sehr viele Leerstellen.
Auch die Fragen nach den Beziehungen zwischen den Menschen, den Familien werden nur andeutungsweise beantwortet. Über das Innenleben der Personen erfahren wir fast nichts, die Erzählerin ist zwar mitteilsam, nicht sprachlos, aber sie ‚verrät‘ wenig.
Eine analytische Herangehensweise nach patriarchalisch-autoritären literaturwissenschaftlichen Vorstellungen an diesen Roman fällt schwer, weil der Stoff fehlt. Seminararbeiten auf philologischer Grundlage kann man nicht schreiben, weil Ort, Zeit und Personen impressionistisch hingetupft sind.
Und dennoch liest man diesen Roman mit Vergnügen, er ist nicht langweilig und nie peinlich. (Der Blick auf die japanische Familie ist liebevoll, auf die deutsche etwas strenger.) Es liegt wohl daran, dass der Leser, der implied author, den Text mit seiner Seele und Erfahrung füllt und füllen kann (nicht umgekehrt, wie ein chinesischer Philosoph es gewünscht hat).
Die Andeutungen, die liebevoll gezeichneten Kleinigkeiten des Alltags, der Blick auf die Mutter, die schöne Sprache ermöglichen es dem Leser, das Bild der Figuren zu erweitern und mit Eigenem zu füllen, eine kreative eigene Lesergeschichte also.
Elfriede Jenner-Burger, Oktober 2025: Kuhn, Onigiri

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