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Alliteratus | Ihr Onlinemagazin rund um Literatur & Medien · Nov 22, 2025

Stephen King: Kein Zurück

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Moseron · Alliteratus | Ihr Onlinemagazin rund um Literatur & Medien

Ich gebe es zu: Wenn ich mich für einen einzigen Autor entscheiden müsste, dessen Bücher ich auf die sprichwörtliche einsame Insel mitnehmen dürfte, ich würde mich ohne ein Zögern für Stephen King entscheiden, dessen Œuvre nicht nur quantitativ phänomenal ist (und daher für lange Jahre auf einsamen Inseln mehr als geeignet), sondern dessen Texte auch thematisch für alle Situationen und Gefühlslagen anwendbar sind.

Was bietet sich daher besser an nach fast zehn Jahren Rezensionspause für meinen Neueinstieg beim Alliteratus-Team als das neueste Werk von Stephen King: Kein Zurück? Oder im Original Never Flinch, eine Formel, die nicht nur ganz konkret im Buch eine Rolle spielt, sondern geradezu ein Lebensmotto sein kann, gerade in heutigen Zeiten.

Das gut 19-stündige Hörbuch (ich hatte es als CD-Version vorliegen) wurde wie immer gelesen von David Nathan, der eigentlich keine weitere Erklärung benötigt. Zu ihm reicht es, die Worte aus Thees Uhlmanns Hommage-Song an Stephen King zu zitieren: „David Nathan spricht das letzte Gebet …“ – so vertraut und eng verbunden mit Stephen Kings Charakteren ist inzwischen die Stimme seines deutschen Vorlesers.

Und sowohl Nathan mit seiner ruhigen und verlässlichen Stimme als auch King (und dessen Übersetzer Bernhard Kleinschmidt) enttäuschen auch diesmal nicht mit diesem weitgehend klassischen Thriller! Es sei allerdings vorweggeschickt: Dieser Roman steht nicht für sich allein, sondern ist ein weiterer Band rund um die Protagonistin Holly Gibney – eine Figur, die Stephen King als Nebenfigur in den „Mr. Mercedes“-Romanen eingeführt und der er dann seit 2018 eigene Geschichten geschrieben hat („I just love Holly“). Dies ist nach Der Outsider und Holly der dritte große Roman, in dem sich Holly bewähren muss. Eine Einschränkung besteht mithin dadurch, dass man den Roman wahrscheinlich nur vollständig wertschätzen kann, wenn man ein bisschen mit Hollys Vorgeschichte und Hollys Freund*innen und Bekannten aus den vorherigen Büchern vertraut ist – das Buch ist jedoch auch ohne dieses Vorwissen verständlich und unterhaltsam.

Doch genug des Vorgeplänkels, worum geht es eigentlich? Wie oft im kingschen Universum entwickelt sich die Handlung der Geschichte an ganz unterschiedlichen Ecken auf der Landkarte und wird nach und nach zu einem Großen und Ganzen verwoben, wobei alles auf einen explosiven Kulminationspunkt hinausläuft.

In der fiktiven Kleinstadt Buckeye City, in der Holly wohnt, ist die Polizei mit einem schnell außer Kontrolle zu geraten scheinenden Fall von Serienmorden konfrontiert, die von einem Brief des Mörders an die Polizei eingeleitet werden – in dem er seine Morde verklausuliert ankündigt. Grund genug für Polizei-Detective Isabelle Jaynes, auch ihre Freundin Holly Gibney, Inhaberin der Detektei „Finders Keepers“ zurate zu ziehen – natürlich nur unter der Hand! Fast zeitgleich bekommt Holly Gibney einen ungewöhnlichen Auftrag, nämlich als Bodyguard die Frauenrechtlerin Kate McKay und ihre Assistentin Corrie zu beschützen, die auf ihrer Buchtour durch die USA Opfer brutaler Übergriffe einer bisher unbekannten Person geworden sind. Die Tour zieht die mediale Aufmerksamkeit auf sich, denn Kate streitet für das Recht der Frauen auf Abtreibung in den einzelnen Bundesstaaten und zieht damit Unterstützerinnen, aber auch den Hass von „Pro Life“-Anhängern auf sich. Ein dritter Handlungsstrang beginnt damit, dass eine aus früheren Zeiten berühmte Gospel-Sängerin, Sista Bessie, nach vielen Jahren ein Konzert plant. Nicht aus Zufall in Buckeye City, sondern weil sie den Kontakt zu Barbara Robinson sucht, die junge Freundin Hollys und einer der Menschen, die Holly am meisten am Herzen liegen, der im Ausgang des letzten Romans Holly die Veröffentlichung eines gefeierten Gedichtbandes gelungen ist.

Das klingt zunächst einmal nach Kuddelmuddel, aber über die kurzweiligen 19 Stunden hinweg baut sich eine stringente Handlung auf, auf deren Weg sich immer wieder ein neues Puzzleteil in das Gesamtbild hineinlegen lässt, bis alle drei Handlungsstränge schließlich zu einem großen und dramatischen Finale in Buckeye City zusammenfließen. Das sei jedoch noch nicht verraten! Stephen King gelingt es auch diesmal, eine komplexe Story zu einem schlüssigen Ende zu geleiten.

Und nicht nur das: Ganz am Ende, in den letzten Minuten – die Handlung dieses klassischen Thrillers ohne übersinnliche Elemente ist eigentlich abgeschlossen; als Hörerin/Leserin wähnt man sich schon in Sicherheit – da stößt Stephen King schließlich doch noch die Tür zum Raum der Albträume ein paar Millimeter auf, gerade so weit, dass man noch hineinspähen kann, und dabei jedoch mehr sieht, als einem lieb ist.

Und nicht nur das: Der letzte Paukenschlag ist ganz unvermutet der Epilog, in dem Stephen King einen direkt anspricht. Hier wird es noch einmal ernst und plötzlich liest uns David Nathans Stimme eine lange Liste von Menschen aus den USA vor – alles reale Personen, Männer und Frauen, die über die Jahre von Anhängern der sogenannten „Pro Life“-Bewegung ermordet worden sind. Stephen King hält sich nicht mehr aus der Politik heraus.

Katharina Reinecke, Oktober 2025: King, Kein Zurück

Read the original on alliteratus.substack.com

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