“Es geht darum, die Kraft zu finden, selbst gebaute Mauern einzureißen. Oder es zumindest zu versuchen. Davon will ich erzählen. Weil viele ein Bild von mir zeichneten, bevor ich selbst den Stift in der Hand halten konnte. Weil ich mehr bin als ihre Projektion. Aber der Weg dorthin brauchte Zeit.” (S. 10)
Im Morgen wächst ein Birnbaum gehört zu jenen Büchern, bei denen es mir schwerfällt, meine Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen. Ich möchte mir nicht anmaßen, den Inhalt einer autobiografischen Familiengeschichte zu bewerten, und werde mich in dieser Rezension daher ausschließlich auf die Emotionen konzentrieren, die das Werk in mir ausgelöst hat.
Als Kind türkischer Einwanderer ist Altıntaş’ Leben geprägt von Rassismus, Klassismus und der Suche nach Identität. In kurzen Einblicken und Erinnerungen erzählt der Autor vom Aufwachsen in Deutschland, von Reisen in die Türkei, von der Biografie seiner Eltern, den Opfern, die sie brachten, und der Einsamkeit, die daraus resultierte. Er beschreibt den stillen Kampf gegen gesellschaftliche Vorurteile und die innere kulturelle Zerrissenheit in einer sanften, poetischen Sprache, die berührt.
Ein weiterer thematischer Schwerpunkt liegt auf der Auseinandersetzung mit traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit. Gerade diese Aufarbeitung geschlechtlicher Erwartungen hat mich zutiefst bewegt. Ich bin überzeugt, dass jeder Leser aus Anıls Gedanken und Schlussfolgerungen etwas für die eigene Suche nach Identität mitnehmen kann.
Besonders positiv hervorheben möchte ich die ungeschönte, nüchterne Sprache, mit der der Autor die Beziehung zu seinem Vater beschreibt. Selten habe ich ein so ehrliches Porträt einer Eltern-Kind-Dynamik gelesen. Weniger überzeugt hat mich hingegen die Struktur des Buches. Altıntaş springt häufig zwischen Rückblicken und aktuellen Erlebnissen, was es mitunter erschwert, der Erzählung zu folgen. Insgesamt liest sich Im Morgen wächst ein Birnbaum eher wie eine Sammlung einzelner Momentaufnahmen als wie ein durchgängiger Handlungsstrang. Leser, die einen klassischen Spannungsbogen bevorzugen, könnten das als irritierend empfinden.
Veränderung bei mir heißt nicht, dass meine Familie sich mit verändern möchte. Die Schritte, die ich gehe, mache ich, weil andere noch ihre eigenen Wege suchen. Und vielleicht gar nicht auf meinem Pfad gehen wollen. (S. 166)
Trotz dieser kleinen Schwächen ist Im Morgen wächst ein Birnbaum für mich eine große Empfehlung, und ich möchte das Buch besonders all jenen ans Herz legen, die mehr über die Lebensrealität migrantischer Familien in Deutschland erfahren möchten. Gerade in der heutigen Zeit wird häufiger über marginalisierte Gruppen gesprochen als mit ihnen. Geschichten wie diese zu lesen, ist ein Schritt in Richtung Verständnis, Lernen und Akzeptanz. Denn echtes Verstehen beginnt nicht mit dem Sprechen, sondern mit dem Zuhören und Bücher wie dieses öffnen die Tür zu einem ehrlichen Dialog.
Anna Purgina, Oktober 2025: Altıntaş, Im Morgen wächst ein Birnbaum

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