„Mit Fleischeslust und Fleischesfrust durchs ganze Jahr!“, heißt es in der Werbung, und heute, am 29. Januar, habe ich den Kalender aus meinem Postfach geholt. Dabei lese ich, dass der Verfasser und Zeichner (in einer Person) „bekennender Vegetarier“ sei. Als „pervers-komisch“ werden seine Cartoons gern bezeichnet, und hier, in diesem Kalender, hat man offensichtlich die besten zusammengestellt, aber sogar ein Lächeln bleibt einem im Hals stecken.
Da es ein immerwährender Kalender ist, kann man sich an den Illustrationen eine ganze Reihe von Jahren – nein, erfreuen wäre das falsche Wort, und es bleibt auch im Hals stecken. Aber man kann oder könnte sie jedes Jahr auf Neue ansehen und für kurze schlagwortartige Einträge nutzen, vorausgesetzt, man hat diese nur mit ausradierbarem Bleistift gemacht. Bei jedem der 12 Monatsblätter, durch die sehr stabile Spiralbindung oben problemlos und sauber umklappbar, würde jede Abnutzung allenfalls in solchen Notizen auf dem sich darunter anschließenden Kalendarium bestehen. Die Zahlen der 29 bis 31 Monatstage sind in diesem unteren Teil des Blattes in jeweils drei Spalten geteilt, nur das Tagesdatum, von 1 bis 29, 30 oder 31, und hinter der jeweiligen Datumszahl gibt es eine waagerechte Linie, ca. 6 cm lang, für einen schlagwortartigen Termineintrag. Tatsächlich ist diese Einteilung sehr schlicht, aber genau das, was man eigentlich braucht für eine generelle Monatsübersicht oder um mal eben ein Ereignis zu späterem Zeitpunkt einzutragen und später nachzuschlagen.
Das Titelblatt ist ja noch harmlos. Das setzt sich aber im Inneren keinesfalls fort, und ich muss schlucken, als ich auch nur die erste Seite, den Januar, mit den (vom Grillfeuer) brennenden Tieren sehe.
Generell lebt der Kalender von seinen Illustrationen, die kommen allerdings nicht so lieb und nett daher, wie die Beschreibung klingen mag. Die Zeichnungen sind künstlerisch, aber nicht schön und schon gar nicht lieblich oder niedlich. Da sind gleich zu Beginn die Einhörner, jämmerlich in Brand geraten, weil sie mit dem Horn in das Grillfeuer gekommen sind. Da ist das Ferkel, das sich die Pfote verbrannt hat, und die Mutter freut sich über den köstlichen Duft des Fleisches. Besonders böse finde ich das Juni-Bild, es zeigt ganz offensichtlich die Arche Noah und paarweise springen allerlei Tiere frohgemut darauf, während sie auf der anderen Seite der Arche das Schiff bereits in Teilstücke zerlegt und verpackt verlassen und in das wartende Auto „Noahs Fleischwaren“ gepackt werden. Auf anderen Seiten bemühen sich zwei Kühe um die Ausreise nach Indien; eine Schlange glaubt ihr Kind zu erkennen in einer am Boden liegenden Würstchenkette, und im Dezember versucht ein Schlachter ein Schwein vor (Zirkus-)Publikum zu bewegen, durch seinen hochgehaltenen Reif zu springen, mitten in die Bratpfanne auf dem offenen Feuer.
Nein, es ist kein schöner Kalender, aber die Botschaft kommt an. Für dieses Jahr scheint der Kalender ausverkauft. Wem er aber nach dieser kurzen Beschreibung gefällt, der kann sich ja rechtzeitig um ein neues Exemplar bemühen oder seine Einträge eben auf wiederkehrende Ereignisse wie Geburtstage oder Fest- und Feiertage mit dem Bleistift beschränken.
Astrid van Nahl, Februar 2026: Ottitsch, Immerwährender Fleischerkalender

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