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Alliteratus | Ihr Onlinemagazin rund um Literatur & Medien · Feb 20, 2026

T.C. Boyle: No Way Home

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Gelesen von Florian Lukas ⋅ der Hörverlag 2025 ⋅ Download: 10h 50min, ungek. ⋅ 21,95 € ⋅ 978-3-8445-5482-3 ⋅ **** von Katharina Reinecke

Mein Verhältnis zu T.C. Boyles Büchern ist von alters her ein zwiegespaltenes. In jungen Jahren las ich den Roman „América“, in dem es um den Gegensatz von Arm und Reich, den Rassismus und die Naturkatastrophen in Kalifornien geht und der mich so sehr beeindruckte, dass er für mich sofort zu den besten bis dahin gelesenen Büchern überhaupt gehörte. Andererseits war er inhaltlich und in seinem Blick auf die Welt so dunkel, dystopisch und irgendwie das Böse berührend, dass er mich geradezu traumatisierte – worauf ich beschloss, nie wieder ein Buch von T.C. Boyle zur Hand zu nehmen.

Bis mir dieses neu erschienene Hörbuch vom Hörverlag ins Auge sprang – eine Einlesung von Boyles neuestem Roman mit dem Schauspieler Florian Lukas, unter anderem bekannt aus dem Kinofilm „Good Bye, Lenin!“. Ich gab T.C. Boyle noch einmal eine Chance und wurde nicht enttäuscht, gibt es doch in der Welt nicht allzu viele zeitgenössische Autoren, die so leichtfüßig, immer passend, immer genau beobachtend und in der Realität verankert mit Sprache Bilder malen können, die einen mitten ins Geschehen setzen – auch wenn die Figuren einfach nur an der Bar sitzen, einen Krankenhausflur entlang laufen oder einen See in Nevada betrachten. Und auch in einem anderen Punkt enttäuschte Boyle auch bei diesem Roman nicht: Alles, was geschieht, ist von dunklen Ahnungen umgeben, als ob die Handlung immer einem unberechenbaren Fluss mit schwarzen, giftigen Wassern folgt.

Aber was geschieht hier eigentlich? Die Dreiecksgeschichte, die in ihrer Konzentration an ein Kammerspiel erinnert, beginnt mit dem Assistenzarzt Terry, der inmitten des Chaos einer klinischen Notaufnahme in Los Angeles den Anruf erhält, dass seine Mutter gestorben ist. Also macht er sich auf in das neue, ihm fremde Zuhause seiner Mutter: ein kleiner Touristenort am Rande der Mojave-Wüste am Lake Mead, ein durch den Hoover-Damm künstlich entstandener See. Geschockt durch den Tod seiner Mutter und überfordert von den plötzlichen Aufgaben, die das hinterlassene Haus und der Hund seiner Mutter bedeuten, verfällt er in Windeseile dem Charme der jungen Frau Bethany, die er am ersten Abend in einer Bar kennenlernt. Sie bindet Terry in einer Geschwindigkeit an sich, die man nur als toxisch bezeichnen kann – Terry ist unfähig, sich wieder von ihr zu lösen. Natürlich lebt in dem Ort auch Jesse, ein ungehobelter Zeitgenosse und Ex-Freund Bethanys – und so nimmt das Geschehen seinen Lauf, wie sich eine Haarsträhne verknotet, bis nichts mehr sie zu lösen vermag.

Die große Stärke Boyles ist die absolute Realitätsnähe, mit der die immer schlimmeren Verstrickungen als natürlicher, fast nebenbei stattfindender Prozess dargestellt werden. Der Sprecher Florian Lukas hat dafür die perfekte Stimme – leicht schnoddrig, aber dennoch immer fehlerfrei und gleichmäßig wie eine Nähmaschine, leicht distanziert, was die schon genannte besondere Ebene bei T.C. Boyle erst so richtig ans Licht holt: Als Leser und Leserin ist einem durchgängig etwas mulmig zumute, man erwartet an jeder Ecke ein Unglück, es stellt sich von Anfang an ein Gefühl der Unausweichlichkeit ein, und über allem liegt eine an eine Depression grenzende Melancholie.

Es handelt sich also fast um einen perfekten Roman – und dieses „fast“ hat wieder mit der anfangs erwähnten Zwiegespaltenheit der Rezensentin zu tun. Insgeheim nämlich hatte sie sich etwas Größeres erhofft – eine allumfassende Geschichte mit weltumspannender Botschaft –, auch wenn sie Angst vor einer möglichen erneuten Traumatisierung gehabt hatte. Doch T.C. Boyle geht hier einen anderen Weg und zeigt vielmehr die ganz alltägliche Dunkelheit und Toxizität auf, die im Kleinen so oft den Geschehnissen zugrunde liegt – das aber schafft er mit absoluter Präzision.

Katharina Reinecke, Januar 2026: Boyle, No Way Home

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