Von Nicole Hammer, Wissensgeist.TV
Rückblick auf den Vortrag vom 8. März 2023 | Mittwoch, 18:30 Uhr | Universität Zürich | Veranstalter: SIAF (Schweizerisches Institut für Auslandforschung)
Drei Jahre sind vergangen seit diesem Abend an der Universität Zürich – und doch wirkt das, was Alec Gagneux (www.fairch.com) damals unmittelbar nach dem Vortrag von Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann sagte, erschreckend aktuell. Der Krieg in der Ukraine wird weiter befeuert. Was Gagneux als Kriegspropaganda aus deutschen Politikerkreisen bezeichnet, läuft nach seiner Einschätzung unvermindert weiter. Und in der Schweiz – dem Land der verfassungsmäßig verankerten Neutralität – klatschen die vermeintlich Intellektuellen nach wie vor, was das Zeug hält, wenn Abgeordnete aus Berlin kommen und ihnen erklären, wofür Europa «aufzustehen» habe.
Strack-Zimmermann selbst sitzt heute, drei Jahre später, nicht mehr im Deutschen Bundestag, sondern seit Juli 2024 im Europäischen Parlament. Dort leitete sie zunächst den Unterausschuss für Sicherheit und Verteidigung, bevor sie im Januar 2025 zur Vorsitzenden des zum Vollausschuss aufgewerteten Ausschusses für Sicherheit und Verteidigung (SEDE) gewählt wurde. Ihr Einfluss auf die europäische Verteidigungspolitik ist damit nicht kleiner geworden, sondern größer.
Was Gagneux an diesem Abend erlebte, ließ ihn erschaudern – und es ließ Bilder aufsteigen, die man nie vergessen kann. Ein Publikum an einer renommierten Schweizer Universität, das applaudiert. Eine Rednerin, die mit scharfer Kriegsrhetorik, mit Waffen, Raketen und dem Aufruf zur Solidarität das Publikum in ihren Bann zieht. Und alle klatschen. Begeistert. Widerspruchslos.
Unweigerlich drängen sich Bilder auf, die 80 Jahre zurückliegen: 18. Februar 1943, Berliner Sportpalast. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels schwört rund 15.000 Menschen nach der Niederlage von Stalingrad auf den totalen Krieg ein. Er stellt seine berühmten zehn Fragen – und der Saal tobt.
Wie Historiker, darunter Peter Longerich, dokumentieren, war die Veranstaltung bis ins Detail inszeniert: Das Publikum bestand aus handverlesenen Parteianhängern, Sprechchöre studierten Parolen ein, eine eigens instruierte Hundertschaft gab vor, wann und wie lange applaudiert werden sollte. Über die Lautsprecheranlage des Sportpalastes wurde später sogar Applaus von Schallplatte eingespielt. Die Begeisterung war organisiert – aber sie wirkte. Auf diejenigen, die im Saal saßen. Und auf Millionen, die die Rede im Radio hörten.
So muss der Wahn gewesen sein: Wer nicht klatscht, ist der Feind.
80 Jahre später, Hörsaal KOH-B-10, Universität Zürich, Rämistrasse 71. Ein Saal mit 463 Sitzplätzen – rund 300 Menschen darin. Kein Sportpalast – ein Hörsaal. Keine 15.000 – aber ein gut gefüllter Saal mit Schweizer Intellektuellen, Studierenden, Akademikern. Keine Uniform – ein Blazer. Und doch: Das Publikum klatscht. Für Gagneux drängte sich der Eindruck auf, dass ähnliche Mechanismen der Mobilisierung und Gruppendynamik wirksam wurden. Menschen, die sich mitreißen lassen. Die nicht fragen. Die klatschen. Der Maßstab ist kleiner geworden – der Wahn, so empfand er es, nicht.
Das ist es, was Gagneux an diesem Abend erschüttert hat – und was ihn bis heute nicht loslässt. Nicht die Politikerin allein. Sondern das Publikum.
Am 8. März 2023 hielt Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages, an der Universität Zürich (Rämistrasse 71) einen Vortrag unter dem Titel «Wie der Krieg Europa verändert». Veranstalter war das SIAF (https://siaf.ch). Das Publikum applaudierte den Ausführungen.
In der Fragerunde richtete Alec Gagneux seine Kritik direkt an Strack-Zimmermann und bezeichnete sie als «Kriegsgurgel».
Gagneux beschreibt den Vortrag als «unglaubliche Propaganda», die er in dieser Form erwartet habe. Er habe sich bewusst im Hintergrund gehalten und einen «Winterpullover» angezogen – in Anspielung auf das, was er als die emotionale Kälte der Rednerin empfand. Das Publikum habe geklatscht und damit, seiner Einschätzung nach, die manipulative Wirkung der Rede bestätigt:
«Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine zutiefst kranke Gesellschaft zu sein.»
— Jiddu Krishnamurti (1895–1986), indischer Philosoph
Dieses Zitat sei ihm beim Applaus des Publikums spontan in den Sinn gekommen.
Gagneux kritisiert, dass Strack-Zimmermann die Einschätzung führender Militärs ignoriere. Sowohl deutsche als auch US-amerikanische Generäle hätten klar und deutlich erklärt, dass es militärisch nicht möglich sei, Russland zu schlagen. Strack-Zimmermann hingegen vertrete das Gegenteil. Gagneux zieht eine historische Parallele:
«Die Deutschen versuchen jetzt zum dritten Mal, Russland zu schlagen – nach Napoleon und Hitler. Es wird nicht gelingen.»
— Alec Gagneux
Das Ergebnis, so Gagneux, sei, dass ukrainische Frauen und Kinder «bis zum letzten Atemzug in diesem Krieg ins Gras beißen» würden – was er als «äußerst tragisch» bezeichnet.
Gagneux erkennt an, dass Strack-Zimmermann den Kriegsbeginn korrekt auf das Jahr 2014 datiert und erwähnt habe, dass dabei rund 15.000 Menschen ums Leben gekommen seien – eine Zahl, die auch die OSZE bestätige. Was sie jedoch verschwiegen habe: Wer diese Menschen getötet hat. Gagneux zufolge waren es «vor allem ukrainische Soldaten im Auftrag der Poroschenko-Regierung» – eine Einschätzung, auf die er sich nach eigenen Worten auf Grundlage öffentlicher Quellen stützt.
Ein zentraler Punkt in Gagneux’ Kritik: Strack-Zimmermann habe das Minsker Abkommen zwar erwähnt, aber verschwiegen, was Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel und der frühere französische Präsident François Hollande inzwischen öffentlich eingestanden hätten – nämlich dass das Abkommen nie mit der Absicht abgeschlossen wurde, es zu erfüllen, sondern um Zeit zu gewinnen, die Ukraine mit westlichen Waffen aufzurüsten.
In diesem Zusammenhang wird im Video ein Originalton-Interview mit Wladimir Putin (9. Dezember 2022) eingespielt:
«Ich bin enttäuscht, ehrlich gesagt. So etwas hatte ich von der Altbundeskanzlerin nicht erwartet. Ich bin stets davon ausgegangen, dass die deutsche Staatsführung tatsächlich bestrebt war, eine Regelung zu erreichen – auf der Grundlage der Prinzipien, die wir in Minsk vereinbart haben. […] Nun wissen wir: Niemand hatte von vornherein die Absicht, das Minsker Abkommen zu erfüllen. Auch der ehemalige Präsident Poroschenko sagte, er habe das Dokument unterschrieben, ohne die Absicht zu haben, sich daran zu halten. Wir haben das wohl einfach zu spät verstanden.»
— Wladimir Putin, Präsident der Russischen Föderation (Interview, 9. Dezember 2022)
Gagneux zählt, dass Begriffe wie «Kanonen», «Raketen» und «Waffen» in Strack-Zimmermanns Vortrag mehr als 30-mal gefallen seien – das Wort «Verhandlung» hingegen kaum. Auch habe sie Humor und «gewisse Vulgaritäten» eingesetzt – etwa den Ausdruck «den Arsch retten» –, was das Publikum belustigt habe. Gagneux wertet dies als bewusstes rhetorisches Mittel zur Publikumsbindung.
Gagneux ist überzeugt, dass Strack-Zimmermann die Schweiz nicht zufällig besucht:
«Sie ist hier auf Tour, damit die Schweizer ihre Neutralität verlassen. Sie nennt das eine Solidaritätsübung – aber wir wissen, was Solidarität in den Augen dieser Leute bedeutet.»
— Alec Gagneux
Gagneux verweist auf weitere Zusammenhänge, die Strack-Zimmermann unerwähnt gelassen habe: den Anschlag auf die Nord Stream-Pipelines. Er bezieht sich auf den Bericht des investigativen Journalisten Seymour Hersh, wonach die USA in Zusammenarbeit mit Norwegen hinter den Sprengungen steckten. US-Präsident Joe Biden habe öffentlich angekündigt, Nord Stream zu stoppen, sollte Russland in die Ukraine einmarschieren – gemeinsam mit Bundeskanzler Olaf Scholz bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus, rund zwei Wochen vor dem Einmarsch.
Gagneux verweist außerdem auf den geopolitischen Analysten George Friedman vom Thinktank STRATFOR, der in einem Interview aus dem Jahr 2015 erklärt habe, die größte Gefahr für die USA seit 100 Jahren sei eine wirtschaftliche Annäherung zwischen Deutschland und Russland – Russland mit seinen Rohstoffen, Deutschland mit seiner Ingenieurkunst.
Er nennt zudem eine ARD Monitor-Sendung, die den Maidan-Umsturz von 2014 analysiert und als Putsch eingestuft habe, sowie das bekannte Telefonat, in dem Victoria Nuland («fuck the EU») die westliche Einflussnahme auf die Ukraine bestätigte. Vor diesem Hintergrund vertritt Gagneux die Auffassung, die USA hätten rund 5 Milliarden Dollar in die Destabilisierung der Ukraine investiert.
Im Video kommt Erich Vad, ehemaliger Brigadegeneral der Bundeswehr, in einem eingespielten Interview-Ausschnitt zu Wort:
«Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass wir eine militärische Lösung hier herbeibomben werden und dann alle nach Hause gehen und Frieden herrscht. Wir müssen versuchen, aus dieser Eskalationslogik irgendwann rauszukommen – weil das Risiko eines Dritten Weltkrieges, eines Nuklearkrieges, massiv hoch ist.»
— Erich Vad, ehemaliger Brigadegeneral der Bundeswehr
Vad vergleicht die Situation mit Afghanistan: Nach 20 Jahren und Tausenden Toten habe man einfach gehen können. Im Fall Russland sei das nicht möglich – Russland stehe mit dem Rücken zur Wand, ein Rückzug würde nicht nur Putin, sondern Russland als Staat in seiner Existenz treffen. Gleichzeitig erkennt Vad an, dass der russische Einmarsch völkerrechtswidrig sei und die Ukraine das Recht habe, sich zu verteidigen – fordert aber eine politisch klügere Strategie.
Die schärfste Formulierung des Abends: Gagneux zieht eine direkte Parallele zwischen Strack-Zimmermanns Auftritt und der berühmten Sportpalastrede von Propagandaminister Joseph Goebbels aus dem Jahr 1943:
«Goebbels hätte gerne so eine Stellvertreterin gehabt – aber Goebbels hat wenigstens gefragt: Wollt ihr den totalen Krieg?»
— Alec Gagneux
Im Video wird anschließend ein historischer Dokumentarfilm-Ausschnitt über die Sportpalastrede eingespielt, in dem Zeitzeugen die Atmosphäre der Veranstaltung schildern: die zunehmende Wut im Saal, den Applaus auf Goebbels’ Fragen und das Entsetzen jener, die die Inszenierung durchschauten.
Gagneux hält ihr vor, den Krieg «bis zum letzten Ukrainer» weitertreiben zu wollen. Strack-Zimmermann antwortet in scharfem Ton: Der Täter sitze in Moskau, die Ukraine habe das völkerrechtliche Recht auf Selbstverteidigung, 141 Staaten in der UN hätten das bestätigt. Sie nennt Nordkorea, Belarus und Russland als die wenigen Gegenstimmen. Im Kontext des Internationalen Frauentages am 8. März verweist sie auf die Lage ukrainischer Frauen und kritisiert indirekt Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine. Sie schließt mit der Formel:
«Wenn Putin heute seine Truppen zurückzieht, ist dieser Krieg sofort zu Ende. Wenn die Ukraine aufhört zu kämpfen, ist sie verschwunden.»
— Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann, MdB, Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages
Gagneux greift zum Schluss die drastische Schilderung auf, mit der Strack-Zimmermann selbst beschrieben hatte, was Krieg im Alltag bedeutet – gezielt getötete Frauen, Vergewaltigungen, Kinder als Zeugen. Doch während sie diese Bilder nutzt, um für Waffen und die Fortsetzung des Krieges zu werben, zieht Gagneux daraus den gegenteiligen Schluss: Genau deshalb müsse der Krieg so schnell wie möglich enden.
Er kritisiert, dass Milliarden in Waffen fließen – nicht gegen Hunger, nicht gegen Elend, sondern «für noch mehr Menschenopfer im Interesse des Imperiums». Sein Appell zum Schluss:
«Die beste Nachhaltigkeit, die man sich wünschen kann, ist wenn es die schlimmste Zerstörung der Nachhaltigkeit nicht mehr gibt – und das ist der Krieg. Der muss so schnell wie möglich gestoppt werden.»
— Alec Gagneux
Was Sie bisher gelesen haben, ist das Was. Doch das Wie ist der eigentliche Skandal. Wie funktioniert diese Rhetorik genau? Welche Techniken setzt Strack-Zimmermann ein – und warum fallen so viele Menschen darauf herein? Und wussten Sie, dass die Schweiz das Kriegspropaganda-Verbot des UNO-Pakts II durch einen Vorbehalt ausgehebelt hat? Im Analyseteil gliedere ich auf, was an diesem Abend wirklich geschah – in drei Säulen: das Recht, die Rhetorik und die Psychologie. Ich berichte, wie ich selbst an meiner Arbeit gehindert wurde – und welche dokumentierten Verbindungen Strack-Zimmermann zur Rüstungsindustrie unterhält. Exklusiv für Abonnenten.
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Sie stellte sich vor meine Kamera und versuchte, mich zu stoppen. Nicht irgendwann – genau in dem Moment, als das Wort «Kriegspropaganda» fiel.
«Es passiert Ihnen nichts», sagte Strack-Zimmermann an diesem Abend zu einem Kritiker. Kurz darauf wurde ich an meiner Arbeit gehindert. Und der Kritiker? Hat heute Hausverbot an der Universität Zürich.
Was in meiner eigenen Aufnahme sichtbar und hörbar wird, zeigt der offizielle Mitschnitt nicht: die Behinderung meiner Berichterstattung in dem Moment, als eine kritische Stimme dokumentiert wurde. Das Recht. Die Rhetorik. Die Psychologie. Lesen Sie selbst.
Nicole Hammer, Wissensgeist TV

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