„In der mütterlichen Linie wurde über drei Generationen ein ähnliches Beziehungsmuster weitergegeben.“
Ein solcher Satz könnte in einem psychotherapeutischen Bericht stehen. Gemeint wäre etwa eine Familie, in der Großmutter, Mutter und Tochter jeweils als Rechtsanwältinnen beruflich erfolgreich waren und in ihren Familien die tragende Rolle übernahmen. Ihre Ehemänner hatten ebenfalls akademische Berufe und hätten zum Familieneinkommen beitragen können, taten dies aber kaum. Sie wurden von ihren Frauen freigehalten; im Gegenzug hielten sie sich aus Entscheidungen, Organisation und Verantwortung weitgehend heraus.
Das klingt zunächst systemisch. Der Blick richtet sich nicht nur auf eine einzelne Patientin, sondern auf Familie, Rollen, Geschlechterverhältnisse und wiederkehrende Muster über mehrere Generationen hinweg. Und doch ist mit der Formel „weitergegeben“ noch wenig geklärt. Was genau wurde weitergegeben? Ein Rollenmodell? Eine unausgesprochene Loyalität gegenüber der mütterlichen Linie? Eine Verachtung gegenüber Männern, die zugleich versorgt werden? Eine Form weiblicher Stärke, die Autonomie ermöglicht und Bindung fixiert? Oder ein Arrangement, von dem beide Seiten auf unterschiedliche Weise profitieren?
Der Unterschied ist entscheidend: „Transgenerational“ kann einen Denkraum öffnen. Es kann ihn aber auch schließen, wenn das Wort an die Stelle einer genaueren Rekonstruktion tritt.
An diesem Beispiel lässt sich eine erste Unterscheidung festhalten. Der Ausdruck „transgenerational“ ist nicht falsch. Er markiert, dass ein gegenwärtiges Beziehungsmuster nicht isoliert aus der aktuellen Paar- oder Familiensituation heraus verstanden werden sollte. Er verweist auf Geschichte, Wiederholung und familial verfügbare Rollenmodelle. In diesem Sinn kann er einen systemischen Suchraum öffnen. Aber er erklärt noch nichts. Wenn unklar bleibt, was genau sich über Generationen wiederholt, durch welche Erwartungen es gestützt wird, welche Vorteile und Kosten es für die Beteiligten hat und wie es in der Gegenwart aufrechterhalten wird, bleibt der Begriff eine Abkürzung. Er klingt nach Kontext, ersetzt aber die Arbeit am Zusammenhang.
Gerade darin liegt eine typische Schwierigkeit professioneller Sprache. Sie kann systemisch klingen, ohne dass darin schon systemisches Denken zum Ausdruck kommt. Sie kann Familie, Kontext, Generationen und Muster benennen und dennoch bei einer pauschalen Erklärung stehen bleiben. Dann wird ein Begriff, der eigentlich Differenzierung ermöglichen sollte, selbst zur Verkürzung.
Das Problem betrifft nicht nur einzelne Begriffe. Auch Fragen, Hypothesen, Aufstellungen oder Haltungen können systemisch wirken, ohne dass die zugrunde liegende Denkbewegung bereits systemisch ist. Eine Frage kann Beziehung erwähnen und dennoch kausal-zuschreibend bleiben. Eine Hypothese kann als offene Suchfigur gemeint sein, aber im Bericht wie eine feststehende Erklärung wirken. Eine Aufstellung kann Beziehungsmuster sichtbar machen, aber auch so verwendet werden, als bilde sie eine verborgene Wahrheit ab. Und eine systemische Haltung kann sich als nicht-wertend, offen und relativierend verstehen und zugleich übersehen, dass sie gerade diese Haltung implizit als die bessere, reifere oder eigentlich angemessene bewertet.
Damit ist nicht gesagt, dass Sprache, Techniken, Methoden oder Haltungen unwichtig wären. Im Gegenteil: Sie sind Formen, in denen professionelles Wissen überhaupt lernbar, wiederholbar und kommunizierbar wird. Viele therapeutische Methoden entstehen vermutlich genau so: In der Praxis zeigt sich, dass eine bestimmte Frage, Metapher, grafische Darstellung oder räumliche Anordnung in bestimmten Situationen hilfreich ist. Sie wird wiederholt, variiert, mit Kolleginnen und Kollegen besprochen, in Vorträgen, Foliensätzen oder Texten beschrieben. So wird aus einem erprobten Vorgehen eine lehrbare Form. Aber auf diesem Weg kann sich etwas lösen: die Technik von der Denkbewegung, aus der sie entstanden ist. Was ursprünglich eine lebendige Suchbewegung war, kann zur professionellen Formel werden. Und dann stellt sich die entscheidende Frage: Trägt die Form noch das Denken – oder ersetzt sie es?
Systemisches Denken beginnt dort, wo diese Formen nicht nur verwendet, sondern von einer bestimmten Denkbewegung getragen werden. Es fragt nicht zuerst: „Was ist die Ursache?“ Es fragt: „In welchem Zusammenhang gewinnt dieses Verhalten, dieses Symptom, diese Entscheidung, diese Formulierung Sinn?“1 Damit verschiebt sich der Blick. Eine Person ist dann nicht nur Trägerin einer Eigenschaft, eines Defizits oder einer Diagnose. Sie erscheint als Beteiligte an Beziehungsmustern, Rollenangeboten, Erwartungen und Deutungen. Ein Symptom ist nicht nur Ausdruck eines inneren Problems, sondern kann auch eine Funktion in einem sozialen Gefüge haben. Eine familiäre Wiederholung ist nicht einfach Weitergabe, sondern ein Muster, das in konkreten Situationen aktualisiert, bestätigt, variiert oder unterbrochen wird.
Systemisch wird eine Beschreibung deshalb nicht dadurch, dass sie möglichst viele Kontexte erwähnt. Auch eine lange Liste von Einflussfaktoren kann additiv bleiben. Entscheidend ist, ob sichtbar wird, wie die Elemente einander Bedeutung geben: wie Erwartungen Verhalten hervorbringen, wie Reaktionen Erwartungen bestätigen, wie Rollen entlasten und binden, wie eine Lösung in einem Zusammenhang zum Problem in einem anderen Zusammenhang werden kann.
Das ist mehr als Methodenkompetenz. Es ist eine bestimmte Weise, Zusammenhang zu bilden.
An dieser Stelle wird die Verbindung zur Ich-Entwicklung interessant. Ich-Entwicklung fragt danach, wie sich im Erwachsenenalter die Weise verändern kann, in der Menschen sich selbst und ihre Welt verstehen – und ob sie sich tatsächlich verändert.2 Gemeint ist nicht Persönlichkeitsentwicklung im alltagssprachlichen Sinn, sondern die Entwicklung von Bedeutungsbildung: nicht nur, was jemand gelernt hat, sondern wie jemand Erfahrungen, Beziehungen, soziale Situationen und auch Ereignisse der äußeren Welt ordnet und versteht. Wie werden Konflikte erklärt? Wie werden Regeln, Beziehungen, Verantwortung und eigene Gefühle verstanden? Wie viele Perspektiven können gleichzeitig gehalten werden? Und bleibt die eigene Sicht als eine Sicht erkennbar – oder erscheint sie als die Wirklichkeit selbst?
Für die hier verfolgte Frage ist diese Perspektive hilfreich, weil sie deutlich werden lässt: Systemisches Denken ist nicht voraussetzungslos. Es verlangt, dass Beziehungen, Kontexte und Beobachterpositionen nicht nur benannt, sondern als bedeutungsbildend verstanden werden. Zugleich schärft die Ich-Entwicklungsperspektive den Blick auf professionelle Sprache. Es geht dabei nicht darum, Therapeutinnen, Beraterinnen, Autorinnen oder Autoren auf Entwicklungsstufen festzulegen. Interessant ist vielmehr, welche Form von Bedeutungsbildung in einer konkreten Äußerung sichtbar wird. So verstanden hilft die Ich-Entwicklung, systemisches Denken nicht nur als Methode, Haltung oder Fachsprache zu betrachten, sondern als Ausdruck einer anspruchsvollen Struktur der Sinnbildung. Relationen, Kontexte und Perspektiven müssen nicht nur benannt, sondern innerlich koordiniert werden können. Die eigene professionelle Deutung muss als Deutung erkennbar bleiben. Mehrdeutigkeit muss ausgehalten werden, ohne sofort in Beliebigkeit oder Festlegung zu kippen.
Damit verschiebt sich auch der Blick auf Ich-Entwicklung selbst. Sie muss nicht nur als Eigenschaft von Personen verstanden werden. In professionellem Denken und Handeln – etwa in Berichten, Hypothesen und Interventionen – zeigen sich Muster der Bedeutungsbildung, die durch Personen hindurch sichtbar werden, ihnen aber nicht einfach im Sinne einer Eigenschaft zugehörig sind. Genau deshalb lässt sich professionelle Sprache untersuchen, ohne aus jeder Äußerung eine Aussage über die Person zu machen. Eine bestimmte Person kann in einem Moment sehr differenziert, in einem anderen Moment oder Kontext pauschalisierend sprechen. Eine Profession kann bestimmte Denkweisen nahelegen, einüben oder auch begrenzen. Eine wissenschaftliche Gemeinschaft kann über Jahrzehnte lernen, Relationen und Beobachterpositionen mitzudenken, während einzelne ihrer Mitglieder dies unterschiedlich weit aufnehmen.
Hier liegt eine Spannung, die in späteren Werkstattnotizen genauer verfolgt werden kann. Vertikale Entwicklungsmodelle werden häufig personenbezogen gelesen: als Beschreibungen von Entwicklungsstufen einzelner Menschen. Aus systemischer Sicht kann genau das skeptisch machen, weil Personen dann scheinbar festgelegt werden. Für die hier verfolgte Perspektive wäre jedoch interessant, beides zu unterscheiden: eine Problematisierung von Personenetikettierung einerseits – und die darin beschriebene Entwicklung von Formen der Bedeutungsbildung andererseits. An frühere eigene Überlegungen zum Verhältnis von System und Selbst ließe sich hier anknüpfen ; in dieser ersten Notiz genügt zunächst die Markierung des Problems.3
Systemisches Denken fällt daher weder individuell noch fachhistorisch vom Himmel. Es bildet sich heraus: in wissenschaftlichen Gemeinschaften, in Ausbildungstraditionen, in professioneller Sprache und in einzelnen Personen. Genau deshalb reicht es nicht, Sprache, Techniken, Methoden und Haltungen zu lehren, als ließe sich ihr systemischer Gehalt einfach mitvermitteln – ein Hobel macht weder Tischler noch Tischlerin. Entscheidend ist, welche Denkbewegungen sie ermöglichen – und welche sie verdecken.
Damit wird die Ausgangsfrage noch einmal präziser. Vorgehens- und Ausdrucksweisen können systemisches Denken tragen, einüben und sichtbar machen. Sie garantieren es aber nicht. Sie können auch an die Stelle der eigentlichen Denkbewegung treten. Die entscheidende Frage lautet dann nicht: Wird hier ein systemischer Begriff verwendet? Wird eine bestimmte Technik eingesetzt? Wird eine bestimmte Haltung vertreten? Sondern: Welche Art von Zusammenhang wird gebildet? Wird ein Verhalten einer Person zugeschrieben, oder wird ein Muster sichtbar? Wird ein Begriff wie „transgenerational“ zur fertigen Erklärung, oder öffnet er eine genauere Suche? Wird eine nicht-wertende Haltung selbst noch einmal als Haltung erkannt, oder wird sie unbemerkt zur vermeintlich überlegenen Position?
Diese Werkstattnotiz ist daher kein Plädoyer gegen professionelle Formen. Ohne sie wäre Wissen kaum lehrbar, wiederholbar oder kritisierbar. Sie sind notwendig. Aber sie sind nicht hinreichend. Ihr systemischer Gehalt zeigt sich dort, wo sie relationales, kontextsensibles und perspektivenbewusstes Verstehen ermöglichen – und offen genug bleiben, um die eigene Deutung nicht mit der Wirklichkeit zu verwechseln.
Vielleicht liegt gerade darin der größere Schatz der Ich-Entwicklungsperspektive: Sie erlaubt, nicht nur Personen zu betrachten, sondern Grundmuster der Bedeutungsbildung, die sich durch Personen zeigen und in Sprache erkennbar werden.
Cook-Greuter, Susanne R. (1999). Postautonomous ego development: A study of its nature and measurement. Harvard University.
Loevinger, Jane. (1976). Ego development. San Francisco: Jossey-Bass.
Schlippe, Arist von & Schweitzer, Jochen. (2016). Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I. Das Grundlagenwissen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Hinweis zum Format: Werkstattnotizen sind sorgfältige Zwischenstände aus der Arbeit an einem größeren Projekt. Einzelne Notizen können später zu zitierfähigen Werkstattpapieren mit DOI weiterentwickelt werden.
Hinweis zum Einsatz generativer KI: Für die Arbeit an dieser Werkstattnotiz habe ich im Wechsel mit eigenem Schreiben auf ChatGPT (OpenAI) zurückgegriffen. Ich habe das System für Recherche, kritische Gegenprüfung, begriffliche Präzisierung und Formulierungsvarianten genutzt; es brachte dabei auch eigene Einwände und argumentative Vorschläge ein. Fragestellung, Material und argumentative Richtung stammen von mir; was in den Text einging, habe ich entschieden. Die damals verwendete Modellversion habe ich nicht dokumentiert. Für den Text trage ich die Verantwortung.
Zum systemischen Verständnis von Problemen, Kontexten, Wechselwirkungen und Wirklichkeitskonstruktionen vgl. stellvertretend Schlippe & Schweitzer (2016).
Ich beziehe mich hier auf die Forschungslinie der Ich-Entwicklung im Anschluss an Loevinger (1976) und Cook-Greuter (1999).
Vgl. Leuthold, Alexander. Das System „Selbst“. Eine Erweiterung der Perspektive auf Perspektiven. Implikationen für (systemische) Beratung und Beratungsausbildungen. Systemische Pädagogik, 2015, 5 (Heft 5), S. 48–63.
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