Conrad hat mich vor einer (wirklich ganzen) Weile gefragt, ob ich zu einem seiner Texte aussagefähig wäre. Weil ich mich eventuell als Kompatibilist sehe. Oder so ähnlich. Ich sagte: „Ja, würde ich tun und ja, bin ich.”
Tja nun, nachdem einige (sehr viel) Zeit vergangen ist, muss ich nun endlich mal eine Antwort liefern. Und die sieht, so ganz als Nicht-Philosoph, anders aus, als ich erwartet hätte. Vermutlich auch anders, als deine Erwartung Conrad Knittel
Zuerst muss ich drei Dinge festhalten:
Erstens:
Manche der Punkte aus Conrads Text musste ich erstmal verstehen und selber irgendwie nachlesen. Ich bin stärker mit der falsifizierbaren Wissenschaft verbandelt als mit der Philosophie, nähere mich diesem Bereich aber - weil wichtig, wenn man Dinge perspektivisch verschieden betrachten will.
Zweitens:
Meine Antwort ist alles, nur nicht philosophisch oder gar korrekt (weiß gar nicht, ob das in der Branche überhaupt möglich ist - also, dass eine Anschauung richtig und korrekt ist).
Drittens:
Ich versuche, das Thema für mich praktischer einzuordnen - an mir als Beispiel. Wird also eine persönliche Reise. Anders kann ich, mangels Wissen (siehe Erstens) nicht argumentieren.
Legen wir los - genau dort, wo Conrads Text in meinem Kopf “Klick” gemacht hat.
Conrad zitiert Robert Sapolsky (den kannte ich) in diesem Sinne: Hormone, Botenstoffe, epigenetische Faktoren wirken permanent auf unsere Entscheidungen ein. Sie haben definitiv einen Effekt, dessen Ausmaß man jedoch nur schwer bestimmen kann (meine Sicht, nicht seine).
Ich streite das definitiv nicht ab. Weil ich es am eigenen Leib spüre. Es gab früher sehr viele Momente (heute weniger, aber dennoch da) in denen mein Körper schneller da war, als mein Verstand.
In denen Wut aus einer Richtung kam, die ich nicht beeinflussen konnte. Und wo ich nur mit großer Anstrengung in meinen Verstand hämmerte: Das bin nicht ich, das ist, was mir mitgegeben wurde.
Häusliche Gewalt, psychisches Mobbing, körperliche Auseinandersetzungen, Zwang und Druck - all das hat seine Spuren hinterlassen. Ich hätte jederzeit abdriften können und säße sehr wahrscheinlich jetzt nicht hier. Und trotzdem habe ich anders entschieden.
Ich meine, Sapolsky würde sagen: Auch dieses „trotzdem” war vorherbestimmt. Mein Widerstand ist nur Biologie (so ich das korrekt verstanden und eingeordnet habe.) Das nehme ich ihm bloß nicht ab.
Ich kann es nicht beweisen, aber ich weiß, wie sich ein Kipppunkt anfühlt. Ich kenne den Augenblick, in dem beide Richtungen möglich sind: die Wut zulassen, ohne die Konsequenzen zu berücksichtigen1, oder die andere Richtung einschlagen. Anders sein als meine Prägung.
Nicht nur aus Vernunft, sondern weil ich es anders WILL!
Conrad schrieb an einer Stelle etwas, wo es ebenfalls geklickt hat: Beeinflussung ist nicht Determination. So simpel es für manche klingen mag, ich musste den Satz erst verstehen.
Und stellte fest: Genau dort liegt der Punkt, an dem ich mich doch von einem Kompatibilisten unterscheide:
Ein Kompatibilist würde, so verstehe ich dieses Prinzip, meine Geschichte lesen und sagen: “Du wurdest geprägt, aber niemand hat dich gezwungen, so zu sein. Du warst frei, auch innerhalb deiner Biologie und deiner Geschichte. Die Grenzen mögen gesetzt sein, haben dir aber nicht deine Freiheit genommen.
Klingt vernünftig und ist vermutlich zu einem Teil auch wahr. Reicht mir aber nicht. Was der Kompatibilist meiner Sicht nach (und das ist der Punkt, der mir deutlich machte, dass ich keiner bin) übersieht: Ich kenne den inneren Drang noch heute. Die Aggression, die rauswill, den Moment, an dem meine “Erziehung” durchschlagen möchte. Mit denselben Rechtfertigungen, wie sie bei mir selbst kamen.
Ich entscheide mich jeden Tag dagegen - gegen meine Prägung, gegen die Art, wie ich aufgewachsen bin und wie sich Verhaltensweisen in meinem Kopf eingeschliffen haben. Das ist mein Wille, der dort agiert. Immer.
Bin ich also doch Libertarier im philosophischen Sinne?
Vermutlich ja, auch wenn ich das Wort bis Conrads Text nicht kannte.
Um den anderen lustigen Begriff nicht zu vergessen: Ich räume dem Determinismus ebenfalls ein kleines Eckchen ein: Biologie, Genetik, Epigenetik – das ist im Körper und lässt sich nicht vollständig wegentscheiden.
Wer behauptet, er könne an jeder Stelle gegen seine Natur ankämpfen, lügt sich an. Wir übernehmen die Verhaltensweisen unserer Eltern, unserer Großeltern und haben vermutlich auch welche der vorherigen Generationen in uns verankert.
Alles, ohne es zu merken oder es zu wollen.
Die Biologie setzt also definitiv gewisse Grenzen.
Aber innerhalb dieser?
Ist die Zukunft offen, immer und für jeden.
Ich bin kein Philosoph. Ich kann Conrads Argumente nicht mit cleveren, unzähligen Gegenfußnoten parieren. Was ich jedoch kann: sagen, dass ich einen Kipppunkt kenne. Ich weiß, wie er sich anfühlt und dass ich in diesem Moment immer anders enden könnte.
Das ist mein Argument. Eines, welches mir absolut genügt.
Einmal habe ich dem nachgegeben. Wäre schiefgegangen, hätte mein Lehrer nicht interveniert und klargemacht, dass ich aus Notwehr handelte. Hat mich erschreckt. Auch wenn ich danach Ruhe hatte, bin ich nie wieder so ausgerastet.

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