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Substack von ThinkandMean · May 9, 2026

Der Zauber unserer Hände II - Bilder auf Stein

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Stabenwelt · Substack von ThinkandMean

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So gelangt man heute in die Höhle?

Federhaar wusste, dass er sich beeilen musste. Sein Clan wartete draußen, vor dem Eingang der Höhle. Sie wussten: Käme er nicht zurück, müssten sie weiterziehen. Und käme er zurück, ohne eine gute Botschaft, würden sie es ebenfalls müssen. Die einsame Flamme seiner kleinen Tierfettfackel flackerte bei jedem Atemzug. Jeder davon hallte dumpf von den Wänden wider. Federhaar hatte keine Angst. Er wusste, was ihn erwartete. Hoffte es zumindest. Langsam stieg er tiefer hinab, hinein ins Dunkel. Dorthin, wo die Botschaften lagen. Wo sich zeigen würde, ob dieser Ort ihnen wohlgesonnen war. Der Wind war mild. Die Gräser standen hoch und grün. Es musste der richtige Platz sein. Hier würde sein Clan lagern. Für lange Zeit. Wenn alles passte.

Was Federhaar suchte, ist kein reines Gedankenspiel. Im Südwesten Frankreichs, in der Gemeinde Cabrerets, findet sich die Höhle, die er in der fiktionalen Eröffnung betritt: Pech Merle.

Entdeckt im Jahr 1914 und zunächst grob dokumentiert, ohne dass die relevanten Funde gemacht wurden. Erst acht Jahre später stießen zwei Schüler, André David und Henri Dutertre, auf die Malereien, die die Wände bedecken. Heute gelten sie als ein wichtiges Puzzlestück. Ein Puzzle, das sich mit nichts Geringerem beschäftigt als der Herkunft unseres Denkens – und unserer Kreativität.

Seit 1926 ist die Höhle für Besucher geöffnet. Ein angeschlossenes Museum, gegründet von einem Priester und Prähistoriker, ergänzt die Anlage. Rund 2 Kilometer an Galerien und Sälen sind gut strukturiert zugänglich.

Und dennoch: Was man dort sieht, entzieht sich ein wenig der einfachen Einordnung.

  • der Saal der Pferde, gezeichnet in Holzkohle, daneben Wisente und Mammuts

  • die Galerie der gepunkteten Pferde

  • der Saal der Frauen und Mammuts

  • konservierte Kinderfußspuren, rund 12.000 Jahre alt

  • ein Fisch, vermutlich ein Stör – eine 1,4 Meter lange Zeichnung

Dazu kommen geologische Formationen, Ablagerungen aus Wasser und Calciumcarbonat, die Kreisel und Perlen gebildet haben. Formen, die Teil der Darstellungen werden. Eine einfache Aufzählung wird dem kaum gerecht.

Gehen wir tiefer.

In der nach ihnen benannten Galerie finden sich zwei Pferde, die auf den ersten Blick ungewöhnlich wirken. Keine einheitliche Färbung, keine klassischen Muster – stattdessen Punkte. Sie werden auf etwa 24.000 bis 25.000 Jahre datiert und gehören damit zur ältesten Schicht der Höhle.

Lange Zeit galten solche Darstellungen als Fantasie. Als Beleg dafür, dass unsere Vorfahren mehr erfanden als beobachteten.

Doch Untersuchungen aus dem Jahr 2011 deuten in eine andere Richtung: Es könnte tatsächlich Pferde mit entsprechender Fellzeichnung gegeben haben – sogenannte Tigerschecken. (Appaloosa liefern heute ein ähnliches Bild)

Ein wichtiger Punkt: Er widerspricht der alten Vorstellung, diese Kunst sei vor allem Ausdruck einer freien, willkürlichen Fantasie. Stattdessen zeigt sich, es wurde gezeichnet, was man sah.

GROTTE DE PECH-MERLE - MAIN NÉGATIVE
Handnegative - auf die Punkte komme ich noch separat zu sprechen

Die Pferde stehen nicht allein. Rund um sie herum finden sich Handabdrücke, negative Abbildungen, mit Ockerfarbe und vermutlich durch Blasrohre auf die Wand gebracht. Lange wurden solche Spuren als männliche Jagdrituale gedeutet. Als Zeichen von Erfolg, vielleicht auch als magische Handlung zur Vorbereitung der Jagd.

Der Anthropologe Dean Snow von der Pennsylvania State University kam jedoch zu einem anderen Ergebnis. Durch die Analyse von Fingerproportionen stellte er fest: Rund drei Viertel der untersuchten Abdrücke stammen von Frauen. Nicht von Jägern, die ihre Beute markierten.

Damit verschiebt sich die Interpretation grundlegend. Kein exklusiver Raum für Jäger – sondern ein gemeinschaftlicher Ort. Ein Ort, an dem mehrere Teile der Gruppe beteiligt waren.

Untersuchungen zeigen: Die Höhle wurde nicht nur einmal genutzt. Über einen Zeitraum von rund 15.000 Jahren wurde sie immer wieder aufgesucht. Verschiedene Gruppen hinterließen ihre Spuren. Unterschiedliche Zeiten, unterschiedliche Kontexte – aber derselbe Ort.

Die Datierungen sind nicht immer einheitlich, und nicht alle Funde wurden gleich untersucht. Dennoch ergibt sich ein klares Bild: Kontinuität statt einmaligem Ereignis.

Besonders auffällig ist die Kombination der Motive:
Frauensilhouetten erscheinen neben Mammuts und Wisenten. Eine ungewöhnliche Mischung.

Dazu kommt die bewusste Einbeziehung der Umgebung:
Felsformationen werden Teil der Bilder, Stalaktiten verwandeln sich in Tierköpfe, Unebenheiten in Körper.

Das wirkt nicht zufällig.
Es spricht für eine gezielte Nutzung des Raumes – geplant und vorausgedacht, vielleicht sogar kommunikativ gemeint.

Federhaar hatte sie gefunden. Die Abbildungen der Hornköpfe. Aber auch eine dieser schmackhaften Wasserkreaturen, die Dreifinger gern mit dem Speer fing. Sie würden gut essen können. Später dann, wenn er seinem Clan die Botschaft übermittelt hatte, würde er sie hier hinabführen. Sie ihre Version erzählen lassen. Sie würden mit roter Erde und gebranntem Holz ihre Erlebnisse auf die Felsen bringen, damit die nächsten wüssten, was sie hier erwartete. Und vielleicht würden auch Kurzfuß und Schnelle Springerin ihren Teil dazu beitragen. Immerhin hatte er im schummrigen Licht bereits drei Umrisse von Weibchen gesehen.

Ich habe diese Reihe gestartet, um ein Muster zu verfolgen, welches sich durch Funde dieser Art zieht: Abbildungen des Alltags, Datierungen, die zeigen – wir waren sehr früh kreativ, hatten einen Blick auf die Welt. Funde, die beweisen, wie unser Denken begann, Abstraktion und Kreation ihren Weg nahmen.

Außerdem habe ich sie gestartet, um einige Besonderheiten zu untersuchen, die ich spannend finde. Wer sich die Bilder anschaut, sieht, was ich meine. (dafür brauch ich noch ein spezielles Buch :) )

Peche Merle ist beeindruckend und obwohl ich noch nicht dort war, kann ich für mich mitnehmen: Höhlenwände wurden absichtsvoll und gezielt gestaltet. Mit dem, was man sah. Vielleicht liegt in manchen Abbildungen eine Art “Magie”, eine gewisse Form der Naturverbundenheit, die wir heute verloren haben. Zuerst bedeutet diese Höhle für mich aber – unsere Vorfahren waren alles andere als dumm. Und wie clever sie waren, wird sich hoffentlich gut verdeutlichen lassen.

Bis zum nächsten Mal - wir treffen uns wieder in Frankreich!

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Inhaltsverzeichnis

  • Pruvost, Melanie et al. (2011): „Genotypes of predomestic horses match phenotypes painted in Paleolithic works of cave art.” PNAS 108(46) — die Tigerschecken-Studie

  • Snow, Dean R. (2013): „Sexual Dimorphism in European Upper Paleolithic Cave Art.” American Antiquity 78(4) — die Handnegativ-Studie

  • Clottes, Jean (2012): Was die Höhlen uns erzählen. C. H. Beck

Read the original on thinkandmean.substack.com

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