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Substack von ThinkandMean · Jun 9, 2026

Der Zauber unserer Hände III – Eine lange Übung

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Stabenwelt · Substack von ThinkandMean

Lascaux ist die zweite Höhle in der Runde. Eigentlich hätte ich Chauvet nehmen sollen, doch ich wollte diese - wegen ihres Merkmals: des Vogelkopfmanns.
Und wegen der beeindruckenden Bilder, die wir heute nur dank Forschung und Replikation überhaupt noch sehen können.
Ich wünsche viel Freude!

Rußhand wartete, bis das Fett des Doppelhorns ruhig brannte. Erst dann hob er die Hand.
Er war nicht der Erste hier.
Das erkannte er an den Tieren, die schon an der Wand zu sehen waren, bevor er den ersten Strich setzte.
Manche waren alt, die Farbe war rissig.
Der Rücken eines Baumhorns war halb verschwunden unter dem, was die Zeit über den Stein wachsen ließ.
Andere Bilder hatte er selbst als Junge gesehen, als er dem folgte, der ihm das Mischen beigebracht hatte.
Rot aus der roten Erde, Schwarz aus dem verbrannten Holz. Dazu ein wenig Fett, damit es klebt und nicht zerläuft.
Jetzt war die Wand für eine kurze Zeit sein.
Er setzte den Bauch des Stiers an eine Wölbung im Fels, dort, wo der Stein sich von selbst nach vorn schob. So war der Körper bereits fertig.
Über ihm, im Schwarz, das die Fackel nicht erreichte, hörte er das Wasser. Tropfen für Tropfen, langsamer als ein Herzschlag.
Er trat zurück. Der Stier war fertig.
Fünf Schritte lang, die Schulter höher als ein Mann.
Rußhand wusste, dass nach ihm andere kommen würden. So wie er nach den anderen gekommen war.

Rußhand ist eine Erfindung, der Ort, an dem er seine Bilder hinterlassen hat, aber nicht.

Er liegt im Südwesten Frankreichs, bei Montignac im Département Dordogne. Und er trägt einen Namen, den vier Jugendliche und ein Hund berühmt gemacht haben: Lascaux.

Im September 1940 lief der achtzehnjährige Marcel Ravidat mit seinem Hund Robot über einen Hügel. Ein umgestürzter Baum hatte ein Loch in die Erde gerissen. Robot verschwand darin. Ravidat kletterte ihm nach, wie er später erzählt. Statt seines Hundes fand er einen schmalen, steinernen Schacht, der in die Tiefe führte.

Einige Tage später kam er mit drei Freunden zurück. Jacques Marsal, Georges Agnel, Simon Coencas. Zu viert rutschten sie hinab, im Glauben, sie hätten den sagenhaften Geheimgang zu einem nahen Herrenhaus gefunden. Was sie jedoch wirklich fanden, hatte fast siebzehntausend Jahre niemand mehr gesehen.

Der eigentliche Finder - ist ein Hund (Quelle)

Lascaux ist etwas größer als Pech Merle. Die Bilder drängen sich hier, als wäre der Platz immer zu wenig gewesen. Über zweitausend Figuren, gemalt und in den Fels geritzt, finden sich hier. Dazu Zeichen, die bis heute keiner deuten kann. Fast alle Bilder sind Tiere: Auerochsen, Pferde, Hirsche und Steinböcke.

Der erste Raum zeigt sie alle. Den „Saal der Stiere“ nennt man ihn heute. Ein einziges Tier dort ist über fünf Meter lang. Es füllt fast eine ganze Wand.

Was auffällt, ist nicht die Größe, es ist mehr die Haltung. Die Tiere wirken nicht wie Bilder, sondern als wären sie hier, in dieser Höhle. Als hätte man gemalt, was man gesehen, gegessen und geträumt hat.

Und ganz unten in einem Schacht findet man den einzigen Menschen in der ganzen Höhle. Verborgen, in der düstersten Ecke, als wäre er etwas Verbotenes. Die Figur hat einen Vogelkopf und liegt vor einem Bison. Niemand weiß, was dieses Bild bedeuten könnte. Bis heute, wie es den Anschein hat.

Besonders geheimnisvoll ist die einzige Menschendarstellung in der Höhle von Lascaux: Mann mit Vogelkopf und erigiertem Penis und ein sterbender Stier
Botschaft der Überlegenheit, wie diese Quelle titelt?

Die Farben kamen aus dem Boden. Rot und Ocker stammten aus Eisenoxiden, das Schwarz aus Mangan oder verkohltem Holz. Vermischt wurde vermutlich mit Fett oder Öl, damit sie lange hielten. Das Auftragen erfolgte mit der Hand, womöglich auch mit Pinseln aus Tierhaar, grob, nicht die heutigen Varianten. Oder die Bilder wurden durch Röhrchen auf die Wand geblasen, was ihre Ränder etwas weicher gestaltete.

Licht mussten unsere Vorfahren mitbringen. Fackeln, Lampen aus Tierfett. Im zitternden Schein dieser Beleuchtung arbeiteten sie an Wänden, die sie in ihrer Gänze nicht einmal sehen konnten.

Sie nutzten die Form der Felsen. Eine Wölbung wurde zu einem Bauch, eine andere Kante formte den Rücken, ein daraus resultierender Schatten wurde zum Schatten des Tieres. Sie spielten mit den unebenen Flächen und bezogen den Raum mit ein.

Unsere Vorfahren hatten lernen können. Immer wieder wurde die Höhle besucht und genutzt. Wissen wurde weitergegeben. Vielleicht ist Rußhand hier wirklich keine Erfindung mehr — sondern Wahrheit: Die Hände, die diese Bilder zeichneten, standen am Ende einer langen Übung.

Um die Bilder und die dazwischen liegenden Zeichen zu deuten, fehlt uns die Schrift. Wir haben nur Bilder, die aber nicht erklärt werden. Alles, was wir sagen können, lesen wir aus Anordnung, Form und Dichte der Bilder heraus.

Manche meinen, es handle sich um Jagdzauber, Rituale zur erfolgreichen Jagd: Male das Tier, und du bekommst Macht über das Tier. Andere sehen einen Ort für Rituale, für Übergänge. Vielleicht für den Moment, in dem aus einem Jungen ein Mann wird. Wieder andere lesen Sterne und astronomische Konstellationen in die Symbole zwischen den Tieren, doch das ist die wackligste der Deutungen, und sie steht weit allein.

Vielleicht war es auch einfacher und größer zugleich: Lascaux war ein Ort, an dem eine Gruppe ihr Wissen ablegen konnte: Wissen darüber, was es zu jagen gibt. Wie viel und wie es sich bewegt.

Lascaux ist ein Rätsel, wohl ohne Lösung. Bisher.

Lange galt Lascaux als Geburtsstunde der Kunst, als Anfang der Malerei. Das stimmt nicht mehr.

1994 fand man die Höhle von Chauvet. Ihre Bilder sind mehr als doppelt so alt. Lascaux ist kein erster, tastender Versuch. Es ist eher ein später Höhepunkt von etwas, worin unsere Vorfahren bereits einige tausend Jahre Erfahrung hatten.

Doch das ist nicht schlimm, es schmälert die Bedeutung der Höhle nicht. Wer hier malte, wusste, was er tat, er beherrschte die Kunst und setzte sie gezielter ein als seine Vorgänger. Hinter dem Saal der Stiere stehen unzählige Generationen, die das Festhalten von Gesehenem, Gedachtem oder gar Geträumtem weitergeben konnten, ohne ein einziges Wort zu schreiben.

1948 öffnete man Lascaux für Besucher. Die Menschen kamen scharenweise. Sie atmeten, brachten Wärme und Feuchtigkeit mit. Die Wände schimmelten, die Farben begannen zu verblassen.

1963 schloss man die Höhle wieder. Heute darf niemand mehr hinein außer der Forschung. Wer Lascaux sehen will, sieht nun eine Kopie: Lascaux II von 1983, Lascaux IV von 2016.

Du betrachtest gerade Die Höhlen von Lascaux: Frankreichs berühmteste prähistorische Höhle
Die Nachahmung zum Schutz des Originals (Quelle)

Es wurde entschieden, dass dieses Erbe wichtiger ist als unser persönlicher Blick darauf.

Doch eine Frage bleibt, oder öffnet sich: Wir malen heute auf Bildschirme, die in einem Jahr veralten. Diese Menschen malten auf Fels, der siebzehntausend Jahre hielt. Wer von uns rechnet noch in solchen Zeiträumen?

Rußhand nahm die Fackel auf und verließ die Höhle. Hinter ihm blieb der Stier im Dunkeln zurück, wo ihn keiner sehen würde, bis das nächste Licht kam.
Er wusste nicht, wann das sein würde. Er wusste aber, dass es geschehen würde.
Es dauerte länger, als er sich Jahre vorstellen konnte. Die Zeit verschloss seinen Stier.
Dann kam ein Hund.

Ich habe die Höhle nie gesehen. Leider.

Aber ich habe zwei Bücher und vier Dokumentationen zu dem Thema eingeatmet, und ich habe Höhlen besucht, die jünger sind, aber Hinterlassenschaften vieler Zeiten tragen. Einsiedlerhöhlen mittelalterlicher Mönche, antike Stätten, in denen sich Menschen wie du und ich verewigt haben.

Keine davon hat mir solche Gänsehaut gemacht wie die Bilder in den Dokumentationen. Ich habe das Material ohne Ton angesehen, weil ich mich von der oft stimmungsmachenden Musik nicht beeinflussen lassen wollte. Es reichte dennoch. Wenn ein stummes Video das auslöst, was würde dann erst passieren, wenn ich davor stünde?

Zu den Symbolen sage ich ein andermal mehr. Hier nur so viel: Die Idee mit dem Drogentrip ist nicht vom Tisch :)

Danke fürs Lesen.

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Inhaltsverzeichnis

Quellen:

  • Ferrara, Silvia: Der Sprung. Wie der Mensch das Denken erfand (C.H. Beck, 2023) — Leitbuch dieser Reihe. Es stellt die Frage nach dem Ursprung symbolischen Denkens.

  • Clottes, Jean / Lewis-Williams, J. David: Schamanen. Trance und Magie in der Höhlenkunst der Steinzeit (Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen, 1997) — Die einflussreichste und umstrittenste Deutung der Höhlenkunst als schamanistisches Ritual.

  • Lorblanchet, Michel / Bosinski, Gerhard: Höhlenmalerei. Ein Handbuch (Jan Thorbecke Verlag, Stuttgart, 2000) — Standardwerk zu Technik, Pigmenten und Maltechniken der paläolithischen Höhlenkunst.

  • Wikipedia: Artikel „Lascaux”

  • und alle Seiten, die unter den Bildern verlinkt sind

Read the original on thinkandmean.substack.com

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