Die Schweizer Volksschule steht vor einer grundsätzlichen Frage: Was soll Schule eigentlich leisten? Geht es vor allem darum, Kinder möglichst selbstständig arbeiten zu lassen, ständig neue pädagogische Konzepte zu erproben und digitale Werkzeuge einzusetzen? Oder geht es um etwas viel Einfacheres – und gleichzeitig Anspruchsvolleres: Kindern Wissen zu vermitteln, sie anzuleiten und ihnen die Grundlagen für ein selbstbestimmtes Leben mitzugeben?
Ein aktueller Beitrag der Stiftung Zukunft CH stellt genau diese Frage. Ausgangspunkt ist das im Frühjahr 2026 lancierte „Manifest für einen bildungswirksamen Unterricht“, an dem unter anderem die Pädagogen Carl Bossard und Beat Kissling beteiligt sind. Die zentrale Diagnose: Die Volksschule entferne sich zunehmend vom systematischen Lernen und verliere dabei ihren pädagogischen Kern. (Stiftung Zukunft CH)
Wenn Methoden wichtiger werden als Bildung
Das Problem beginnt dort, wo Schule immer neue Konzepte produziert, während die eigentliche Frage in den Hintergrund gerät: Was funktioniert für Kinder tatsächlich?
Überfrachtete Lehrpläne, administrative Vorgaben, neue Unterrichtsmodelle und ständig wechselnde Reformen beanspruchen Zeit und Ressourcen. Gleichzeitig wächst der Druck auf die Lehrpersonen.
Die entscheidende Frage müsste deshalb lauten: Haben die vergangenen Reformen tatsächlich zu besseren Bildungsergebnissen geführt?
Oder wurde lediglich eine neue Sprache geschaffen, mit der man alte Probleme beschreibt?
Zukunft CH verweist auf das Manifest, das genau diese Entwicklung kritisiert. Es fordert wieder mehr gemeinsames, systematisches Lernen und eine stärkere Konzentration auf die pädagogische Kernaufgabe. (Stiftung Zukunft CH)
Chancengleichheit beginnt nicht mit Selbstorganisation
Besonders interessant ist die Kritik des Erziehungswissenschaftlers Roland Reichenbach von der Universität Zürich.
Seine These ist unbequem: Moderne pädagogische Konzepte könnten gerade jenen Kindern zugutekommen, die ohnehin bereits leistungsstark, motiviert und von ihrem Elternhaus gut unterstützt werden.
Für Kinder, denen genau diese Voraussetzungen fehlen, kann ein Unterricht, der sehr stark auf Selbstorganisation setzt, dagegen zum Problem werden.
Das ist ein entscheidender Punkt in der Debatte über Bildungsgerechtigkeit.
Wer bereits weiss, wie Lernen funktioniert, kann mit viel Freiheit umgehen. Wer es noch nicht weiss, braucht zunächst Führung.
Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage: Ist es wirklich gerecht, allen Kindern dieselbe Form von Selbstständigkeit abzuverlangen, obwohl ihre Voraussetzungen völlig unterschiedlich sind?
Der Lehrer darf nicht zum Coach werden
Eine weitere These verdient besondere Aufmerksamkeit: Die Lehrperson müsse wieder ins Zentrum des Unterrichts.
Das klingt fast banal. Und doch ist es eine wichtige Erinnerung.
Ein guter Lehrer ist nicht lediglich Moderator, Coach oder Organisator. Er verfügt über Wissen, Erfahrung und pädagogische Autorität. Er erklärt, korrigiert, fordert heraus, motiviert und begleitet.
Das im Beitrag zitierte Manifest formuliert es entsprechend: Jedes Kind habe ein Recht darauf, gesehen, angeleitet und verantwortungsvoll unterrichtet zu werden. (Stiftung Zukunft CH)
Das bedeutet nicht, dass Kinder keine Eigenverantwortung entwickeln sollen.
Im Gegenteil.
Eigenverantwortung ist ein Ziel von Bildung – aber nicht zwingend deren Ausgangspunkt.
Wer einem Kind etwas beibringen will, muss zunächst dafür sorgen, dass es über das notwendige Wissen und die notwendigen Fähigkeiten verfügt.
Lernen ist Arbeit
Auch dieser Gedanke ist im heutigen Bildungsdiskurs fast schon provokativ geworden: Lernen darf anstrengend sein.
Nicht jede Aufgabe muss spielerisch sein. Nicht jeder Unterricht muss permanent unterhalten. Und nicht jede Schwierigkeit ist automatisch ein pädagogischer Fehler.
Wer Mathematik lernen will, muss üben.
Wer eine Sprache beherrschen will, muss Vokabeln lernen.
Wer einen komplexen Text verstehen will, braucht Konzentration.
Wer Geschichte verstehen will, braucht Faktenwissen.
Bildung besteht deshalb nicht nur darin, Interesse zu wecken. Sie besteht auch darin, Disziplin, Ausdauer und die Fähigkeit zur Anstrengung zu entwickeln.
Gerade diese Eigenschaften werden später im Berufsleben und in einer freien Gesellschaft benötigt.
Digitalisierung ist kein Ersatz für Lernen
Auch beim Thema Digitalisierung lohnt sich eine nüchterne Betrachtung.
Digitale Werkzeuge können zweifellos sinnvoll sein. Sie können Informationen zugänglich machen, Unterricht ergänzen und neue Möglichkeiten eröffnen.
Aber ein Tablet ist noch keine Bildung.
Eine Lernplattform ist noch kein guter Unterricht.
Und künstliche Intelligenz ersetzt noch keinen Lehrer.
Reichenbach formuliert im von Zukunft CH aufgegriffenen Interview einen einfachen Gedanken: Lernen selbst sei nicht digital – digitale Medien seien lediglich Werkzeuge, die beim Lernen eingesetzt werden können. (Stiftung Zukunft CH)
Das ist gerade im Zeitalter von KI relevant.
Denn je leistungsfähiger Technologie wird, desto wichtiger wird die Fähigkeit des Menschen, Wissen einzuordnen, kritisch zu denken und Zusammenhänge zu verstehen.
Die eigentliche Bildungsfrage
Die Debatte über die Schule sollte deshalb nicht zwischen „modern“ und „konservativ“ geführt werden.
Das ist zu einfach.
Die entscheidende Frage lautet:
Was hilft Kindern beim Lernen?
Wenn eine Reform funktioniert, sollte man sie behalten.
Wenn eine Reform nicht funktioniert, sollte man sie korrigieren.
Wenn eine Methode bestimmte Kinder benachteiligt, muss man darüber sprechen.
Und wenn Lehrer durch immer mehr Administration weniger Zeit für Unterricht haben, sollte das politisch Konsequenzen haben.
Genau hier liegt die Stärke der aktuellen Debatte: Sie zwingt dazu, Bildungspolitik nicht nur anhand ihrer Absichten zu beurteilen, sondern anhand ihrer Ergebnisse.
Zurück zum Kompass
Die Schweizer Volksschule braucht deshalb möglicherweise nicht die nächste grosse Reform.
Sie braucht zunächst eine ehrliche Bestandsaufnahme.
Was haben die Reformen der vergangenen Jahre gebracht?
Wie haben sich die Lernleistungen entwickelt?
Wie stark ist die Belastung der Lehrpersonen gestiegen?
Welche Kinder profitieren von den neuen Unterrichtsformen – und welche verlieren?
Und welche Rolle sollen Wissen, Disziplin, Übung und pädagogische Führung künftig spielen?
Der Beitrag von Zukunft CH liefert darauf keine endgültige Antwort. Er setzt aber einen wichtigen Kontrapunkt zur Vorstellung, dass jede neue pädagogische Idee automatisch Fortschritt bedeutet. (Stiftung Zukunft CH)
Vielleicht braucht die Schule tatsächlich weniger pädagogische Moden und mehr pädagogische Klarheit.
Weniger Administration und mehr Unterricht.
Weniger Coach-Rhetorik und mehr Lehrer.
Weniger Selbstorganisationsdogma und mehr Anleitung.
Weniger Technik-Euphorie und mehr solides Basiswissen.
Denn am Ende geht es nicht um die Schule als Institution.
Es geht um die Kinder.
Und genau deshalb sollte die Schweiz sehr genau hinschauen, wenn ihr Bildungssystem seinen Kompass verliert.

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