40’000 historische Bally-Schuhe lagern in Schönenwerd. Sie erzählen die Geschichte einer Schweizer Weltmarke – und stehen nun selbst vor einer ungewissen Zukunft.
Bally war einmal weit mehr als eine Schuhmarke. Das Unternehmen gehörte zu jener Schweizer Industrie, die aus kleinen Orten internationale Marken machte. In Schönenwerd entstand ab dem 19. Jahrhundert ein Konzern, der zeitweise Tausende Menschen beschäftigte und seine Schuhe weltweit verkaufte.
Heute ist von dieser industriellen Macht kaum noch etwas übrig. Die Schweizer Produktion wurde 2026 endgültig beendet, die letzte Fabrik im Tessin geschlossen. Bally befindet sich in einer tiefen finanziellen Krise und steht unter Nachlassstundung. (Schweizer Radio und Fernsehen (SRF))
Doch in Schönenwerd liegt noch etwas, das sich nicht einfach in einer Bilanz abbilden lässt: rund 40’000 historische Paar Bally-Schuhe.
Darunter befinden sich Modelle aus dem 19. und 20. Jahrhundert – von einer Damen-Stiefelette mit Elastikeinsatz aus der Zeit um 1875 über Samtpantoffeln und Schlangenleder-Pumps bis zu Schuhen aus der Kriegszeit und späteren Bally-Modellen. Jedes Stück dokumentiert nicht nur Mode, sondern auch technische Entwicklung und industrielle Produktion. (Schweizer Radio und Fernsehen (SRF))
Die Sammlung gehört allerdings nicht einem Museum, sondern weiterhin Bally. Genau darin liegt das Problem.
Sollte das Unternehmen endgültig zerfallen, stellt sich die Frage, was mit dieser Sammlung geschieht. Wird sie erhalten? Wird sie verkauft? Wird sie auf verschiedene Käufer verteilt? Oder verschwindet sie irgendwann in privaten Sammlungen?
Für Philipp Abegg, Präsident der Stiftung Ballyana und selbst Nachfahre der Bally-Familie, handelt es sich um eine der bedeutendsten industriehistorischen Sammlungen Mitteleuropas. Die Stiftung versucht deshalb, eine Rettung zu ermöglichen. (Schweizer Radio und Fernsehen (SRF))
Auch der Kanton Solothurn hat reagiert. Die Sammlung wurde vorübergehend unter Schutz gestellt. Während dieser Zeit darf sie weder verschoben noch verkauft werden.
Das ist bemerkenswert – aber auch ein Hinweis darauf, wie spät die Schweiz begonnen hat, sich mit ihrem industriellen Kulturerbe auseinanderzusetzen.
Bei einem Schloss, einer Kathedrale oder einer historischen Altstadt ist der Ruf nach Denkmalschutz selbstverständlich.
Bei einer Fabrikhalle, einer Produktionsmaschine oder einer Sammlung von Schuhen sieht die Sache anders aus.
Dabei erzählen diese Gegenstände mindestens genauso viel über die Schweiz.
Bally steht für Industrialisierung, Export, Marketing, technische Innovation und Globalisierung. Das Unternehmen beschäftigte um 1900 rund 7000 Menschen und entwickelte sich zu einer internationalen Marke. Viele Arbeiterinnen und Arbeiter leisteten damals monotone Akkordarbeit, häufig über lange Arbeitstage hinweg. (Schweizer Radio und Fernsehen (SRF))
Die Geschichte ist deshalb nicht nur eine Erfolgsgeschichte.
Sie erzählt auch von Arbeitsbedingungen, Migration, Unternehmertum, Protektionismus und politischen Verflechtungen. Selbst die dunklen Kapitel der Unternehmensgeschichte gehören dazu – etwa die Übernahme einer jüdischen Beteiligung in Wien während der NS-Zeit und die anschliessende Anpassung des Betriebs an die Kriegswirtschaft. (Schweizer Radio und Fernsehen (SRF))
Gerade deshalb wäre es falsch, die Sammlung lediglich als nostalgische Ansammlung alter Schuhe zu betrachten.
Ballys Niedergang begann nicht erst mit der aktuellen Krise. Seit den 1970er-Jahren folgten Besitzerwechsel, Sanierungen, neue Strategien und Schliessungen.
1977 wurde Bally an Werner K. Rey verkauft. Später folgten weitere Eigentümer, darunter Oerlikon-Bührle und die Texas Pacific Group. 2024 übernahm die US-Investmentgesellschaft Regent LP das Unternehmen. (Schweizer Radio und Fernsehen (SRF))
Was einst ein Schweizer Industrieunternehmen mit tiefen regionalen Wurzeln war, wurde damit zunehmend zu einem internationalen Marken- und Finanzobjekt.
Das ist der eigentliche Kern der Bally-Geschichte.
Nicht der Schuh ist verschwunden.
Das industrielle Ökosystem dahinter ist verschwunden.
Die Fabriken sind weg. Die Arbeitsplätze sind weg. Die Ausbildungstradition ist weitgehend weg. Und mit ihnen verschwindet ein Teil jener industriellen Identität, die die Schweiz über Generationen geprägt hat.
Die Bally-Sammlung wirft deshalb eine grundsätzliche Frage auf:
Darf ein Unternehmen über ein historisches Erbe verfügen, das längst eine Bedeutung für die gesamte Gesellschaft besitzt?
Rechtlich ist die Antwort relativ klar: Eigentum bedeutet Eigentum.
Historisch und kulturell ist die Antwort komplizierter.
Denn die 40’000 Schuhe sind nicht nur Produkte eines Unternehmens. Sie dokumentieren die Entwicklung einer Schweizer Industrie, die Arbeitswelt mehrerer Generationen und den Aufstieg einer Marke, die weltweit bekannt wurde.
Ein möglicher Weg wäre deshalb eine Stiftung, in welche die Sammlung und das Archiv überführt werden. Bally könnte seine Marken- und Designrechte behalten, während das historische Material dauerhaft öffentlich gesichert würde. Genau eine solche Lösung wird derzeit diskutiert. (Schweizer Radio und Fernsehen (SRF))
Die Bally-Krise ist deshalb grösser als die Frage, ob eine Schuhmarke überlebt.
Sie stellt die Schweiz vor eine grundsätzliche Entscheidung:
Was ist uns unsere eigene Industriegeschichte wert?
Die Schweiz hat sich jahrzehntelang gerne als Land der Innovation, des Unternehmertums und der Qualität präsentiert. Doch Innovation entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie hat eine Geschichte.
Maschinen, Fabriken, Produkte, Werbeplakate, Archive und auch Schuhe gehören zu dieser Geschichte.
Wenn solche Sammlungen erst dann als Kulturgut erkannt werden, wenn ein Unternehmen kurz vor dem Zusammenbruch steht, kommt der Schutz möglicherweise zu spät.
Bally ist deshalb ein Warnsignal.
Vielleicht sollte die Schweiz nicht erst fragen, was ein historisches Erbe kostet, wenn es verkauft werden soll.
Sondern vorher, was es der nächsten Generation wert sein könnte.
Denn 40’000 Schuhe sind nicht einfach 40’000 Paar Schuhe.
Sie sind 40’000 kleine Dokumente einer Schweiz, die einmal selbst Schuhe produzierte, Menschen beschäftigte, weltweit exportierte – und damit ihre eigene industrielle Geschichte schrieb.
Bally für alli – und vielleicht sollte auch das Bally-Erbe tatsächlich «für alli» erhalten bleiben.
Swissvox – kritisch, unabhängig, schweizerisch.

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