RSS Amplifier

Gustavs Morgendialog · Aug 19, 2026

Das tiefere Wasser

0
Sign in to vote or save

Jens Alsleben · Gustavs Morgendialog

„Ich sehe Petra heute zum Mittagessen”, sagte Anna und drehte die Kaffeetasse langsam zwischen den Händen. „Zum vierten Mal dieses Jahr. Und ich könnte dir jetzt schon aufsagen, worüber wir reden werden: der Stau auf der A3, ihr Urlaub in Südtirol, das Wetter. Nett. Und danach weiß ich über sie genauso wenig wie vorher.”

Gustav lag auf der Fensterbank, ein Ohr in ihre Richtung gedreht. „Und was willst du stattdessen wissen?”

Anna zögerte. „Ehrlich? Ob wir im Herbst zusammen etwas aufbauen könnten. Aber das sagt man nicht zwischen Stau und Wetter.”

„Und du glaubst, das Wetter bringt euch dahin?”

„Nein. Aber ich weiß auch nicht, wie man von einem netten Essen zu einer echten Zusammenarbeit kommt.”

„Über das Gespräch”, sagte Gustav. „Anders geht es nicht. Eure Beziehung ist genau so tief wie das, worüber ihr redet.”

„Warum redet ihr immer nur über das Wetter?”

„Weil man da nichts falsch machen kann.” Anna stellte die Tasse ab. „Beim Wetter sind wir uns immer einig.”

Gustav zuckte mit der Schwanzspitze. „Und genau deshalb bleibt ihr euch auch fremd. Ein Gespräch, das nie etwas riskiert, wird nie tief. Was denkst du wirklich über ihr letztes Projekt? Nicht das Höfliche — das Echte.”

„Dass sie viel zu spät angefangen hat. Und dass sie es trotzdem gerettet hat, was mich beeindruckt hat.”

„Dann sag ihr beides. Das Höfliche allein baut nichts auf, und das Kritische allein reißt nur ein. Zusammen ist es eine ehrliche Meinung — ein kleines Risiko, das ihr gemeinsam eingeht.”

Anna nickte langsam. „Und wenn sie zumacht?”

„Dann hast du noch etwas Drittes in der Tasche.” Gustav schnupperte am Kaffeedampf. „Worin ist Petra richtig gut? Etwas, wovon du selbst kaum eine Ahnung hast?”

Anna überlegte. „Verhandlungen. Sie führt Verhandlungen, bei denen ich nach zehn Minuten aufgeben würde.”

„Dann frag sie danach. Nicht aus Höflichkeit — weil du es wirklich wissen willst. Menschen öffnen sich für Neugier, nicht für Smalltalk.”

Anna griff nach ihrem Notizblock und schrieb drei Zeilen untereinander: das Wetter, ihr Projekt, die Verhandlungen. Sie sah darauf. „Das sind drei Themen. Reicht das für ein Mittagessen?”

„Nimm fünf mit”, sagte Gustav. „Nichts erstickt ein gutes Gespräch schneller als eins, dem unterwegs die Themen ausgehen. Du wirst nicht alle brauchen. Aber du wirst nie dasitzen und nach dem Wetter greifen müssen.”

Anna schrieb noch zwei Zeilen dazu und unterstrich die mittlere. Draußen wurde es hell über den Dächern.

„Ich dachte immer, so ein Essen läuft einfach von selbst”, sagte sie.

Gustav rollte sich auf der Fensterbank zusammen, die Säbelzähne kurz im Morgenlicht. „Die guten laufen nie von selbst. Die bereitet jemand vor.”

Read the original on starkimsturm.substack.com

Comments

Nothing yet. Say the first thing.

    Sign in to join the conversation.