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Making of "Conrad" - Geburt eines stillen Helden · Dec 8, 2025

Wenn eine Zahl sagt: „Jetzt. Lass ihn gehen.“

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Sindy · Making of "Conrad" - Geburt eines stillen Helden

Eigentlich wollte ich einen Artikel zur Burgenmathematik schreiben. Das mache ich auch noch!

Doch es gibt Momente im kreativen Prozess, die sich nicht planen lassen.
Sie wirken unscheinbar: ein Gedanke, ein Bild, ein Geräusch – oder eine Zahl.
Und alles läuft anders.

Seit Jahren schreibe ich an „Conrad“, meinem historischen Romanprojekt.
Parallel dazu ist – fast aus Versehen, ja fast aus Notwendigkeit – eine Theaterfassung entstanden. Ich wollte das gar nicht, doch plötzlich saß ich mittendrin und verdichtete meine über 800 Seiten Notizen!

Es war ein Prozess, der erschreckend schmerzhaft war.
Es fühlte sich an, als würde man eine ganze Welt in einem Brennglas abbilden.
Ein Leben konzentriert auf 100 Minuten.
Mir stellte sich die Frage:
Wie würde mein Leben in einer 100-Minuten-Erzählung aussehen?
Welchen Teil meines Lebens würde man von mir erzählen?
Woran würde man mich messen und beurteilen?
Nicht, weil ich ein langweiliges Leben habe,
sondern, weil so vieles nicht erzählt werden kann, was mich ausmacht.

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Conrad musste ich radikal reduzieren – auf seine Burg.
Das tat weh. Mehr als ich geahnt hatte.
Ich kenne ihn mittlerweile als Mensch. Er lebt als komplexe Persönlichkeit in meinem Kopf, er denkt mit mir, er spricht mit mir und manchmal taucht er sogar in meinen Träumen auf.
Und ich frage mich: Kann man das? Einen Menschen auf eine Tat, ein Unternehmen, oder eine Leistung in seinem oder ihrem Leben reduzieren und dann über ihn oder über sie urteilen?
Und ich saß davor und dachte: Das ist Theater?! Oh je. Ich habe in meinem Leben schon viele Theaterstücke gesehen, aber was da wirklich passiert, das wurde mir erst jetzt klar.
Es fühlt sich an, als würde man mit einer Lupe über das Leben eines Mannes fahren und dann irgendwann stoppen und dieses Detail betrachten – stellvertretend für sein ganzes Leben. Und die Welt urteilt über den Mann nur anhand dieses einen winzigen Ausschnitts. Ist das gerecht?

Und wieder einmal wurde mir klar, was wir in der Welt jeden Tag machen: Wir sehen ein 10-Sekunden-TikTok-Video und maßen uns ein Urteil an. Wir sehen ein Bild in der Zeitung und eine Überschrift und haben schon entschieden, ob wir die Person auf dem Foto mögen oder nicht, ob sie schuldig ist oder nicht. Das ist Theater. Das Theater des Lebens. Verdichtet. Unvollkommen. Und mir fällt ein Wort auf die Füße: oberflächlich. Ich dachte immer, Theater sei genau das Gegenteil – und bin … irritiert.

Und dann kommen die Theaterkritiker und zerpflücken das Stück. Wenn sie das eines Tages bei „Conrad“ in Bezug auf die Handlung und den Inhalt des Stücks machen würden, würde ich Schwert und Schild für ihn ziehen und rufen: „Ihr kennt ihn nicht! Was maßt ihr euch an?“ Ansonsten ist Kritik natürlich gestattet, wenn sie konstruktiv, wertschätzend und nicht vernichtend ist. Aber was mir das gezeigt hat: wie wenig ein solches Theaterstück einem Menschen wirklich gerecht werden kann. Schmerzhaft.

So viel ist an der Seite des Theaterstücks von Conrad davongeflossen.
So viel, was nicht erzählt werden konnte,
was ihn unvollständig werden lässt,
was zu Missverständnissen führt,
und dennoch wird man über ihn urteilen.

Habe ich ihm mit diesem Stück Unrecht getan?
Ich habe lange dran gefeilt.
Immer wieder Stellen umgeschrieben,
Dialoge verdichtet,
Figuren gestrichen.
Am Ende blieben 7 Personen – von einer Romanwelt, deren Besetzung jetzt schon einem eigenen Kosmos gleich. Eine Storyline verdichtet auf 100 Minuten, die einem Epos der Länge aller „Harry Potter“-Bände oder der „Fire and Ice“-Reihe entspricht.

Zuerst war es Ansporn. Die Stiftung Strahlenburg, zu der ich nun gehörte, kauft Conrads Burg! Mein naiver, aber gut gemeinter Wunsch war es, das Stück zum Heidelberger Stückemarkt einzureichen. Das würde das Burgprojekt nach vorn katapultieren und mir und der Stiftung im besten Fall vielleicht auch zu ein wenig Kleingeld verhelfen.
Und je länger ich feilte, desto mehr merkte ich, wie das Stück zu einer elementaren und absolut notwendigen Erkenntnis führte, die mir bislang gar nicht so bewusst war. Ich erkannte, was Conrad ausmacht, was den ganzen Roman ausmachen wird und was das Herzstück der Geschichte ist: Identität.

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Wer bin ich, wenn ich alles verliere, was ich mir aufgebaut habe?
Wer bin ich, wenn alle Randnotizen meines Lebens gestrichen werden?
Wer bin ich, wenn die Essenz meines Lebens auf einen einzigen Tropfen eingedampft wird?

Als ich das Stück fertig hatte, saß ich Stunden davor und konnte nicht mehr denken, weil sich meine Gedanken in diesen Fragen verfingen wie Motten in einem Spinnennetz.
Wer bin ich, wenn ich nichts mehr habe?

Aktuell bin ich ohne Aufträge, ohne Geld, und diese Frage war nie brennender. Ich habe eine Familie, das gibt mir Sicherheit, ja, aber meine eigene finanzielle Freiheit ist etwas, das meinem Ego sehr gefällt und über das ich mich auch zu einem gewissen Teil selbst definiere.
Und ja, das ist unsinnig, denn der Mensch besteht in seiner Essenz nicht aus Geld.
Aber ja, ohne Geld geht es in dieser Welt eben auch nicht.

Beides ist richtig. Beides durfte ich erkennen. Und dann wurde ich mit einem Begriff konfrontiert, den ich fast vergessen hatte: Demut.
Demut vor Gott, Demut vor dem Leben, Demut vor dem, was ich wirklich habe und viel zu lange nicht wertgeschätzt hatte: Familie, Heimat und… Identität.

Denn wenn ich alles gehen lasse, was nur Hülle ist, sehe ich mich selbst.
Und ich kam wieder zum Anfang:

Theater verdichtet. Theater bringt das Brennglas auf das Leben.

Erst wenn ich mein Ego ablege, erkenne ich, wer ich wirklich bin.
Das ist keine neue Erkenntnis. Viele Philosophen der letzten Jahrtausende haben das schon postuliert – doch jetzt kann ich es fühlen, und es bekommt Bedeutung für mich.

Und ich bin dankbar für dieses Brennglas. Dieser Prozess hat mich mehr zu mir selbst geführt, als ich vermutet hätte. Ob es am Schreiben selbst lag oder an Conrad? Vielleicht an beidem.

Es ist mein erstes Theaterstück, doch ich bin kein völliger Anfänger. Für gelernte Dramaturgen mag das so wirken, als würde ein Laie einer gelernten Redakteurin wie mir sagen, dass er Artikel schreiben kann, und ich würde abwinken. Aber: Es gibt tatsächlich Talente, die nie eine Redakteursausbildung hatten und trotzdem exzellent schreiben können.

Kann ich also Theater schreiben? Ich weiß es nicht. Ich habe mein Bestes gegeben. Vielleicht habe ich dafür ein gottgegebenes Talent, aber ich habe es noch nie benutzt. Das muss jemand beurteilen, der aus der Theaterbranche kommt. Alles, was mir fehlt, ist eine Chance.

Und hier stehe ich nun vor der größten Hürde überhaupt: dem Zutritt zu dieser Welt.

Als das Theaterstück fertig war, schrieb ich unzählige Mails (insgesamt 37) an verschiedene Dramaturgen und einige Theater, sogar Hochschulen für Dramaturgie. Ich hatte die Hoffnung, noch zum Heidelberger Stückemarkt eingereicht zu werden (Stichtag ist der 14.12. … das wird wohl nichts. Schade. Die Stiftung hätte das wirklich gut gebrauchen können).
Doch vergeblich. Man kommt nicht rein in diese Kreise, wenn man nicht über „Vitamin B“ verfügt. Hm. Bei mir steht B für Begeisterung, nicht für Beziehung. Das zählt wohl nicht. Mit ein Grund, warum die Welt so freundlos wird. Naja, vielleicht war ich zu naiv. Jedenfalls blieben die Türen zu.
Ich saß da und dachte: „Nun gut, Conrad will wohl nicht nach Heidelberg“. Verübeln kann ich es ihm nicht. Wer seine Geschichte kennt, senkt bei Heidelberg bekümmert den Kopf. Und: Helden suchen sich ihren eigenen Weg.

Und dann kam dieser Tag im Dezember dieses Jahres.
Ich sah eine Zahl.
Ein Datum, nichts Besonderes. Ich verwende ständig solche Zahlen, vor allem in meiner Recherchedatenbank, um Urkunden einer Szene zuordnen zu können. So kürze ich Oktober 1223 mit 10/23 ab. Monat/Jahr. Viele machen das. Und dann tippte ich ein Dokument, das nicht mal zum Roman gehörte, sondern zu meinen Steuerunterlagen, und ich sah den Zeitstempel 12/25. Und ich starrte darauf wie gebannt. Ich hätte 12/2025 schreiben können, aber ich schrieb 12/25, wie immer.
In meinem Kopf überblendete sie sich plötzlich mit 1225 – Conrads Zeit, Conrads Welt.
Es war kein Gedanke, es war ein Impuls. Ein so mächtiger, dass ich alles andere liegen ließ. Es war ein stilles, eindeutiges:
„Jetzt. Lass ihn gehen.“

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Ich habe nicht lange gezögert, meinen Plan B umzusetzen.
Ich durfte nicht zögern. Nicht, weil ich nicht an die Geschichte glaube – sondern weil Loslassen immer der schwierigste Schritt ist. Wenn ein Werk die eigene Hand verlässt, wird man verletzlicher. Aber das Werk selbst bekommt eine eigene Schwerkraft.
Wenn der Moment also gekommen ist, muss man zur Tat schreiten, sonst ist der Moment vorbei und man tut es wieder nicht.

Und während ich einen Theaterverlag suchte, das Exposé anfertigte und meinen Lebenslauf, rauschten die Fragen durch meinen Kopf:
Bin ich bereit?
Ist der Text bereit?
Ist die Welt bereit?
Doch: Diese Fragen führen nirgendwohin.
Nur die Geschichte weiß, wann ihre Zeit gekommen ist.
Senden”.

Ich schickte es ab, nicht mit dem Anspruch, dass der Verlag es annimmt, nicht mit der Erwartung, dass es ganz oben landet, sondern mit einer eigentümlichen Gewissheit:

Conrad wird seinen Weg finden.
Er hat es immer getan.

Vielleicht wird dieser Verlag absagen. Vielleicht wird er zusagen. Vielleicht werde ich noch zehn weitere Verlage anschreiben. Vielleicht wird es noch Jahre dauern, bis es zu einer Uraufführung kommt.

Oder vielleicht liest eines Tages ein Dramaturg hier mit und sagt: „Ich schaue mal drüber, und wenn es gut ist, dann reiche ich es für dich ein.“ Wer weiß …

Aber Geschichten, die wahrhaftig sind, bleiben nicht stehen. Sie bleiben nicht in Schubladen. Sie bewegen sich – durch Räume, durch Menschen, durch Zeit.
Und ich glaube an diese Geschichte, denn ich habe sie mir nicht ausgesucht. Sie hat mich ausgesucht. Ich bin nur ihr Erzähler. Also gebe ich ihr die Zügel in die Hand.

Und manchmal beginnt eben alles mit einer Zahl, die man nicht übersehen kann.

Am 5.12.2025 wollte die Geschichte hinaus in die Welt. Wohin die Reise geht? Wir werden sehen. Conrad hat so viele hunderte Jahre gewartet – da kommt es auf ein paar weitere nicht an. Langsam schiebt er sich ans Licht.

Und nun hält zum ersten Mal ein fremder Verleger seine Geschichte in der Hand. Es ist nicht „meine“ Geschichte, nicht „mein“ Theaterstück. Es ist Conrads Geschichte. Ich erzähle sie nur.

1225 war das Jahr, in dem aus einem Knappen ein Ritter wurde: Vogt Conrad von Hirschberg, genannt der Strahlenberger. Und 12/25 fühlte sich für mich an wie ein stiller Wink dieser Geschichte: Jetzt darf er wieder einen Schritt in die Öffentlichkeit tun.

Und für mich bleibt nur, darauf zu vertrauen, dass alles kommt, wie es kommen darf.
Ich werde euch berichten.

Read the original on sindygrambow.substack.com

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