Kennt ihr das? Ihr habt eine Frage und jedes Mal redet ihr euch ein, die Antwort schon zu kennen, und obwohl das doch reichen müsste, begegnete euch diese Frage immer und immer wieder.
Bei mir begann es mit einer Frage, die eigentlich so harmlos klingt wie ein Spaziergang entlang der Weinberge und natürlich hat sie wieder was mit meinem endlosen Romanprojekt zu tun, aber dieses Mal etwas ganz Praktisches:
Konnte man von Strahlenburg im 13. Jahrhundert zur Hirschburg sehen?
Bild: Die Luftlinie zwischen der Strahlenburg und der Hirschburg beträgt 1,89 km. Dazwischen liegen 4 Hügel.
Quelle: Google Maps (Screenshots), Bilder © 2025,Google, Bilder © Airbus, GeoBasis-DE/BKG, Maxar Technologies, Kartendaten © 2025 GeoBasis-DE/BKG (© 2009) https://maps.google.com
Für alle, die nicht von der Bergstraße sind:
Die Hirschburg ist eine alte verfallen Ruine in Wald bei Hirschberg-Leuterhausen. Es ist die Stammburg des Hirschberger Adelsgeschlechts aus dem Hochmittelalter und einst, ja, einst war auch Conrad von Strahlenberg ein Hirschberger (zu den Namen machen ich irgendwann auch noch mal einen Artikel, denn im Mittelalter funktionierte die Nomenklatur doch etwas anders als heute!)
Conrad ist der Held der Geschichte, die ich schreibe. Es ist keine erfundene Geschichte, sondern eigentlich eine historische Biografie in Romanform. Die Burg, die er hat bauen lassen, ist die Strahlenburg in Schriesheim.
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Die erste Burg, die Hirschburg, gehörte zwar auch ihm, aber sie wurde wahrscheinlich von seinem, Großvater für seinen Onkel gebaut. Naja, das ist auch noch mal eine andere Geschichte.
Conrad setzte seine Strahlenburg kaum zwei Kilometer neben die Heimatburg. Fast in Rufweite, wenn man so will. Es gibt noch eine dritte Burgruine weiter ohne im Wald, die in einem noch viel schlechter Zustand ist: das Schanzenköpfle. Das war wohl die Ur-Strahlenburg, die jedoch nicht mehr steht. Dieses „Burgendreieck“ ist also Conrads alte Heimat.
Bild: Der Bergfried der Hirschburg. Er steht nicht mehr, das macht es schwierig, die Burg überhaupt exakt von weitem zu lokalisieren und auch die Höhe des Turms lässt sich nur schätzten. Quelle: © Sindy Grambow
Bild: Ein steiler Bergkegel, ein paar behauenen Felsen. Mehr sieht man vom Schanzenköpfle, der dritten Burgruine, nicht. Für Wanderer, die eine Burg erwarten, enttäuschend, für Menschen wie mich … erzählt dieser Ort ein Drama ohne Gleichen. Quelle: © Sindy Grambow
Ich stellte mir die „Sieht-man-die-Hirschburg-von-der-Strahlenburg-aus-Frage“ die letzten Jahre immer mal wieder. Dann fiel mein Blick auf die Bergstraßenhänge und ich schüttelte den Kopf. Nein. Bestimmt nicht. Zu viel Bäume, zu hohe Häuser und ein zu hoher Berg dazwischen.
Und doch tauchte die Frage immer wieder in meinem Kopf auf. Warum? Warum beschäftigte mich das, wenn die Antwort doch offensichtlich war? Und warum gab sich mein Unterbewusstsein mit einem „Nein“ nicht zufrieden? Und mit jedem Tag, an dem ich an der Bergstraße spazieren ging (also wirklich jeden Tag, da ich für meine Meerschweinchen täglich Gras suche), kam der Gedanke zurück: Das müsstest du eigentlich mal nachprüfen und nicht nur schätzten.
Und nach meinem letzten Artikel über die Vereidigungslinie der Bergstraßenburgen und meinen virtuellen Ausflug auf den Bergfried der Strahlenburg per Google Maps kam mir plötzlich ein … Trommelwirbel… EUREKA!
Ich saß vor Google Maps, und wechselte die verschiedenen Ansichten durch. 2D-Karte, Höhenlinien, 3D-Karten, Landschaftsprofile. Plötzlich wurde aus einer Biologin, die einen historischen Roman schreibt, eine Geografin und eine Vermesserin. Das klingt so schön vermessen 😉. Also lasst es uns tun.
Die Höhenlinien ziehen sich wie Baumringe an der Landschaft entlang. Damals nutzte man Höhenwege, um von Burg zu Burg zu kommen. Damit man eben nicht ständig „Buckel rauf“ und „Buckel runter“ reiten mussten, sondern bequem einem Pfad folgen konnte. Und plötzlich war ich nicht mehr Sindy im Jahr 2025.
Ich war gedanklich mal wieder in Conrads Kopf.
Ein Mann des 13. Jahrhunderts, der wusste:
“He da! Meine neue Burg soll nicht blind stehen. Dann wäre sie nur ein nutzloser Haufen Steine. Also halt die Stange höher, Knecht! Noch höher. Gibt die Hirschburg Zeichen? Wie hoch sind wir jetzt? Noch ein Stück! Reicht nicht? Dann klettere auf den Stein da!“
Der arme Knecht hat sicher in seinem Angstschweiß gestanden, auf einem wackeligen Steinhaufen, mit einer Holzstange bewaffnet, die 5 Meter oder länger war. Und diese Stange konnte er nicht zum Balancieren nutzen, weil an ihrer Spitze ein Tuch befestigt war, das der Hirschburger Türmer sehen sollte. Er wird seinen Herrn still verflucht haben und 100 Stoßgebete Richtung Stangenspitze geschickt haben.
Bild: Kein Grabstein! Ein Grenz- bzw. Wegestein, der wahrscheinlich auch nicht aus Conrads Zeit stammt, sondern im Spätmittelalter gesetzt wurde, aber das äußere ich mich mir äußerer Vorsicht! Doch das Wappen der Hirschberger, der Fünfender, ist deutlich erkennbar. Quelle: © Sindy Grambow
In meinen Kopf spielten sich hunderte solcher Szene ab und ich las direkt wieder in meinen mittelalterlichen Baualmanch nach, wie man so was wirklich gemacht hatte (tatsächlich so wie beschreiben!)
Was dann geschah, war einer der wissenschaftlichsten – und zugleich herausforderndsten – Momente meiner bisherigen Forschung in Eigenregie und er brachte mir die Gewissheit auf eine Frage, die ich über Jahre lang gegrübelt hatte.
Ich bediente mich der Mathematik 😵💫!
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Bild: Ein Buckel in der Sichtlinie. Der Branich ist der Knackpunkt. Wenn man von der Strahlenburg zur Hirschburg schauen wollte, musste „Conrad“ über ihn drüberschauen. Leider kommen wir noch nicht auf den Bergfried (die Stiftung kauft die Burg erst 2026, da es noch reichlich Papierkram zu erledigen gibt!) zur Live-Überprüfung. Quelle: © Sindy Grambow
Bild: Aber es gibt Google Maps. Stellt man sich virtuell exakt auf vertikale Ebene des Bergfried-Plateaus hier auf Bergfriedhöhe dann sieht man die Ruine der Hirschburg NICHT! Der Marker verschwindet hinter dem Branich, dessen Häuser man sieht.
Quelle: Google Maps (Screenshots), Bilder © 2025,Google, Bilder © Airbus, GeoBasis-DE/BKG, Maxar Technologies, Kartendaten © 2025 GeoBasis-DE/BKG (© 2009) https://maps.google.com
Und dann stellte ich fest: Oje! Mein Mathewissen ist ganz schön eingerostet. An dieser Stelle zog ich mich zurück und buddelte in meinen Unterlagen von vor 40 Jahren: den Satz des Pythagoras und anderes Mathewissen, das ich bisher als nutzlos erachtete. Ein uralter Grieche wird für das alte Mittelalter von einer mittelalten Frau der Gegenwart genutzt, um für zukünftige Generationen Berechnungen anzustellen🤔. Ok, wer jetzt schon einen Knoten im Gehirn hat, der darf sich auf den nächsten Artikel freuen: Hardcore-Mathe! Und ja – ich zeige dir, wie man mit einem Ritter, einem Hügel und einem Griechen eine Sichtlinie berechnet.
Und weil diese Burgenmathematik eine ziemliche Hausnummer ist. Habe ich aus diesem Beitrag einen Dreiteiler gemacht. Wenn du wissen willst, wie man Sichtlinien berechnet (oh ja, wer will das nicht wissen 😉😊), dann bleib einfach dabei und lasse meinen Boten regelmäßig zu dir eilen.

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