TW: mental abuse
Deine Zärtlichkeit nagt an mir. Deine Zärtlichkeit ist mir fremd.
Wie ein rostiger Nagel bohrst du in mir rum, wenn ich den Rückwärtsgang des Schraubbohrers einlege, wirst du hartnäckig drinstecken bleiben wollen. Ich werde immer fester zudrücken, oh Schraubbohrer, schraub stärker, bohr schneller. Ich kann es kaum erwarten, dass ich diese Schraube ziehen kann. Du hast echt ‘ne Schraube locker.
Die neue Therapeutin trägt ein Nasenpiercing. Wie hot sind eigentlich Nasenpiercings? Nur dass sie ihre untere Wasserlinie mit weißem Kajal nachzieht, finde ich komisch. Sie bringt mir eine neue Technik bei, meine Gefühle zu kommunizieren. Ich fühle mich wie am ersten Schultag, wo einem bewusst wird: Boah, da gibt es aber vieles, was die Älteren schon wissen und ich muss mich jetzt durchs ganze ABC kämpfen und ich werde nicht nur Addieren lernen, sondern auch Subtrahieren, Multiplizieren und das gefürchtete Dividieren. Ich lerne zum ersten Mal eine neue Sprache, nämlich die Fähigkeit meine Gefühle zu kommunizieren. Ich hab so arg die Hosen voll. Meine Finger krampfen um meinen Kugelschreiber und ich versuche, alles Gehörte so schnell wie möglich zu Papier zu bringen. Wie haben Sie nochmal gesagt? Erst eine Beobachtung, dann eine Wahrnehmung, dann ein Gefühl - ein Gefühl!? - und zum Schluss noch eine Bitte? Ich darf meine Gefühle kundtun? Ich darf Sachen sagen “ich wünsche mir von dir”? Bei meiner praktischen Führerscheinprüfung hieß es noch, “das hier ist kein Wunschkonzert”, als ich die Sicherheits-Abstände zu gefährlichen LKWs in Sekunden nennen sollte. Ich versuchte irgendwelche Sekunden-Abstände zu erraten, als das erste nicht stimmte, sagte ich nachdrücklich: “Nein, also natürlich sind es 4 Sekunden.” Puh, es stimmte. Ich war dem LKW mit toxischer Ladung und tausend Warnzeichen-Bickerl trotzdem zu dicht aufgefahren, aber solche Spezialsituationen lernt man während einer stinknormalen Fahrstunde nicht. Er ließ mich mit Ach und Krach bestehen, während ich vor ihm schluchzte, der Herr Verkehrspolizist.
Die Gruppentherapie in der neuen Reha fetzt megamäßig, wir raten einer Teilnehmerin dazu, sich an die Frauenhäuser zu wenden. Ich verstehe sie so gut. Man bleibt und man ordnet sich unter, man gibt sich selber auf, man weiß nicht mehr, wo man hingehört. Gib mir Führung, sag mir, wer ich bin. Wenn ich nur alles perfekt für dich mache, dann zeige ich dir doch, dass ich deine Liebe bekommen darf. Oder? Ich hole meine alten Tagebücher heraus, Poetin war ich übrigens immer schon, und SCHEISSE war ich oft verliebt. Jahrelang, tonnenschwer, kilometertief. Wie selbstverständlich löste ich mich in dir auf. Sämtliche Red Flags übersah ich, weil ich trug ja die rosarote Brille und die war verschwommen vom Liebestrunk. Wer bin ich, wenn ich dich lieben kann, braucht es dann ein Ich, wenn ich zum Du werden kann, ach, lieb mich doch, lieb mich, lieb mich, lieb mich.
“Ich kann mich selber nicht ausstehen”, sagt sie. Ultraweit weg von sich selbst, aber langsam, langsam bohrt sich ihr Kern durch, schimmert ihr echter Charakter, ihr eigener Charakter, durch. Ich heule fast, ich sehe mich in ihr, bitte hilf dir, du strahlst so schön, du siehst so erleichtert aus, wenn du von den Wiesen und Wäldern sprichst, wo du herkommst. Wo du hingehörst.
Wir halten einander, die Seile sorgen für Stabilität und Präsenz. Ich glaub genau sowas brauch ich jetzt, ‘Trauer halten mit Seilen’ heißt der Workshop. Ich will mich einrollen wie ein Burrito, ich will gedrückt und gehalten werden. Gemeinsam singen wir, ich summe im Kanon, in der zweiten Stimme mit. Bitte nicht zu eng heute, das hab ich vorher schon gespürt. Zum Einlassen auf das Gruppensetting geben wir ein zusammengebundenes Seil durch den Sitzkreis, beim Weitergeben sollen wir JA zur nächsten Person sagen. Als ich an der Reihe bin, ist mein Ja unerwartet leise, ich krächze es fast heraus. Nicht nur ich bin kurz irritiert von meinem leisen Stimmchen, das doch ein lautes sein sollte.
Mein Rock schwingt, wenn ich mich drehe, ich drehe mich für alle, wie die Primaballerina. Du hast aber viele tolle Teile in deinem Kleiderschrank! Ja, aber ich hab viel zu viel. He, könnt ihr in eurer WG vielleicht noch Teller gebrauchen? Sie stecken mir großmütig die Geldscheine zu und ich hab endlich mal Bargeld, ich hab nie Bargeld. Dabei ist Bargeld mega cool, auch wenn ich meistens nur 10er oder 20er Scheine hab. Mal wieder einen 50er oder 100er zu halten, ein bisschen rich fühlen, das wäre schön. Als wir eine Runde in der Nachbarschaft spazieren, spechteln wir in die Gärten und Häuser der Reichen. Ach ja, klar, drin läuft die ZIB. Was für ein ruhiges Leben, wenn man sich abends auf dem großen Fernseher die ZIB anschaut und dann ein bisschen zappt oder davor schon in der tollen TV-Zeitschrift ausgewählt hat, was man sich für einen Film reinziehen wird. Keine großen Entscheidungen treffen zu müssen, wir lassen uns berieseln und irgendwann rieselt der Schlaf über uns.
In meiner Tiefe tröpfelt es vor sich hin, es gedeiht und regt sich in mir. Während ich dir mit meinem Active Listening Face gegenübersitze, also so aussehe, als höre ich dir aufmerksam zu, schreiben sich die innigsten Zeilen in mir, die Worte schmiegen sich umeinander, nebeneinander. Ich kann mit Buchstaben atmen und mit Paragrafen jonglieren. Wir verschieben uns, bis wieder ein Zeilenende erreicht ist und die nächste Zeile füllt sich wie von allein. Angst vor einer leeren weißen Seite hatte ich noch nie. Wann kommt mal diese Schreibblockade und wie werde ich damit umgehen? Ich will ein Leben voller Buchstaben und Gedanken führen, du bist eine Denkerin, keine Macherin, sagt er zu mir. Es ist eine Offenbarung, das zu hören, so gesehen zu werden. Die Leseratte von damals ist angereichert mit Text und Silben, in einem rasanten Tempo tippe ich in die flachen Tasten meines Laptops. Nur die Löschen-Taste klemmt manchmal ein bisschen, das verunsichert mich.
Behutsam falte ich die Tischdecke zusammen, streiche nochmal drüber, so hätte es meine Großmutter, meine Nene, auch gemacht. Sie hat nach dem Einkaufen jedes einzelne Gemüse sorgfältig abgewaschen, abgetrocknet und im Kühlschrank verstaut. Außer die Weintrauben, das weiß ich noch, die darf man erst kurz vorm Essen abwaschen, sonst faulen sie schneller. Auch die Tomaten gibt man besser nicht in den Kühlschrank, sonst verlieren sie ihren vollmundigen Geschmack. Es stimmt, jede Tomate, die aus dem Kühlschrank kommt, schmeckt nach Kühlschrank.
Dieser metallerne Geschmack ist in mich eingraviert mit Ekel und Angst (hier bitte, meine Gefühle!). Er erinnert mich an mein erstes Mal im Spital, wo man mir Antibiotika verabreichen musste. Meine Entzündungswerte waren so hoch, dass sie mich stationär dabehielten. Ich war zu Tode betrübt, aber am nächsten Tag war ich für alle alten Damen in meinem Zimmer der Sonnenschein, wir lösten zusammen die Kreuzworträtsel und ich turnte herum, bis die Pfleger*innen mich zurück ins Bett scheuchten. Das Prinzip Oberarzt verstehe ich bis heute nicht, der kennt mich doch gar nicht, was will der mir eigentlich sagen? Aber er spricht eh hauptsächlich über mich, statt mit mir.
Mein Lieblings-Filmcharakter ist das Sams, das hat mich von allen Figuren am nachhaltigsten inspiriert. Den ersten Teil kann ich mitsprechen: “Taschenbier! Taaaschenbiiieeeer! Herr Taschenbier!” und dann der plötzliche Umschwung, wo sie mit aufgebrachter Stimme ein Loblied über ihn ergehen lässt. Oder mein persönlicher Favorite, wo das Sams mit dem Fallschirm ins Büro geflogen kommt und der Chef brüllt: “Wo du herkommst, will ich wissen!” - “Vom Himmel hoch, da komm ich her”, wo das Sams nicht unrecht hat, weil es kam ja gerade mit dem Fallschirm angesegelt. “Wer rülpst so laut ins Telefon? Das ist natürlich der Herr Mohn”, ein weiterer unbezahlbarer Running Gag, der mich immer noch vergnüglich stimmt. Doof wurde die Geschichte nur, als sich Herr Taschenbier in die blonde Frau verliebte, fand ich damals schon blöd und finde ich immer noch blöd. Die Szene im Regenschirm-Windkanal kann ich Null Komma Null nachvollziehen. Die Liebe macht alles viel komplizierter, als es sein müsste.
An der Clownerie gefällt mir am besten, wie Clowns schauen können. Im Blick liegt so viel. Die kleinsten Nuancen können wir daraus ablesen: ihr Blick verdunkelte sich, es huschte ein Hauch von Überraschung über sein Gesicht. Klar, verbale Kommunikation lernen ist super wichtig, aber meine nonverbale Kommunikation hätte ich auch gern im Griff. Ich glaube ich bin super schlecht darin, meine Abneigung zu verbergen und mir wäre lieber, man könne mir die nicht immer sofort ablesen. But then again - jetzt darf ich ja gerade lernen, meine Gefühle auszusprechen. Bei der Clownerie ist die Gefühlswelt auf Anschlag aufgedreht, unser Clownspapa sagt: “Es geht wirklich um Leben und Tod!” Das nehme ich dankend an und bin auf der Bühne der coolste Rockstar, ich werfe mich sogar auf die Knie. Als der Vorhang zugeht, wünsche ich mir, ich hätte noch mehr von mir gezeigt, einfach passieren lassen, was da passieren will. Du warst die einzige, der man das Clownssein wirklich abgekauft hat, sagt meine Mama. Ach, hätte ich nur noch mehr Bühnen, die ich füllen darf. Ich ganz allein, mit all meinem Sein und meinen vielen Wesenszügen, die ich wie ein offenes Buch aufblättere. Ihr dürft alle in mir lesen, jetzt erst einmal so, von meiner Laptop-Tastatur zu euren mickrigen Screens, aber bald, schon bald, dürft ihr in meiner frischen Zärtlichkeit lesen, maximiert vom starken Bühnenlicht.
Die meisten haben Angst vor der Bühne, weil man im grellen Licht das Publikum nicht mehr sieht. Doch gerade dieser intime Raum, der ein schwarzes Vakuum ist, aus dem leise Rückmeldungen, kleine Regungen kommen, ist wahnsinnig potent. Wenn es im Publikumsraum hell ist, bin ich irritiert von den Gesichtern, die mich anstarren. Ich will alle zum Lachen und zum Staunen bringen, aber ich will nicht in eure gedankenverlorenen, nachdenklichen Mienen blicken.
Zaghaft, wie ein Halm, der sich lieber nochmal in der Erde windet, bevor er bereit ist, sich der Sonne entgegenzustrecken, so fühl ich mich. Der Halm weiß, wo die Sonne ist, er spürt sie schon. Ist er bereit für die unsägliche Kraft der Sonne, die ihn zuerst wachsen lässt und ihn letztlich vernichtet, verbrennt? Wenn das Leben so kurz ist und es nur diese eine Chance gibt, dann ist der Halm bereit. Er wird wachsen und gedeihen, schneller als zuvor, als er noch unter der Erde lag. Er wird Früchte tragen, von denen er noch nicht weiß, dass sie eines Tages von ihm hängen werden. Der Halm liegt noch in seiner Komfortzone, doch er weiß, dass er sich entfalten wird und dass er stärker und schöner aufblühen wird, als er es sich vorstellen und ausmalen kann.
Wenn ich vor dir stehe, bin ich ein kleines Rehkitz und ich verfange mich in deinen Augen wie ein Reh in den Auto-Scheinwerfern. Ich verwandle mich zu einem bebenden Häufchen Elend, ich spüre keinen Hunger mehr und die Müdigkeit könnte mir nicht ferner liegen. Am liebsten würde ich mich in dir auflösen, dich auffressen möchte ich, es verzehrt mich nach dir und ich schwappe über. Mit jedem Atemzug wiederhole ich das Mantra “I attract” und ich spüre, wie ich dich zu mir ziehe, dich anziehe, dabei weiß ich noch nicht einmal, wer du genau bist. Es gibt noch keine Form, es gibt nur eine zärtliche Anschmiegung meiner Energie an das, was ich in deiner Energie spüre. In einer Sprache, die mir bisher noch nicht bekannt war, spreche ich bereits mit dir und ich kann es kaum erwarten, dich bis in die letzte Pore zu erkunden.
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Oh and BY THE WAY… the girlies are NOT alright. The girlies be paying damn high therapy bills to make up with the whole bullshit. So get your white ass up. Raise your voice and for once think of what makes a community a valuable, diverse and enriching experience. Also check in on your depressed homies just to show you‘re there.
Graciaaaas, besitos a todxssssss 💋💋💋
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