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Simays bunte Welt · Apr 30, 2026

Fragmented Reality (of a Star in the making)

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Simay · Simays bunte Welt

Das Leben ohne Instagram ist ruhiger, entspannter und befreiter. Niemand schreit mich mehr an. Ich fühle keine FOMO, stattdessen suche ich aufmerksamer nach Events in diversen Telegramgruppen, blättere die coolen Stadt Wien Zeitungen durch, die so ins Haus flattern oder verirre mich tatsächlich auf LinkedIn, lol.

Das Interessanteste, was ich an meinem Medienverhalten bemerkt habe, war, dass mein Brain automatisch nach Feeds zum Scrollen sucht. Also häng ich zu viel auf Willhaben herum, auch Substack bietet einen scrollbaren Feed und YouTube ist ganz gefährlich, was die YouTube Shorts angeht. Das sind im Prinzip Reels oder TikToks, die Creator*innen auch auf YouTube hochladen. Startet man einmal rein, schlägt dir die YouTube-App gleich ganz viele Shorts vor und das ist gefährlich. Das ist genau der Short-Format-Konsum, von dem ich wegwollte.

Meine Überreizung tritt schneller ein. Ich breche Serienfolgen in der Hälfte ab. Auf meinem Smartphone-Bildschirm hab ich einen Farbfilter eingestellt, es ist alles schön gräulich und fad. Wenn ich für Fotos oder ein kurzes YouTube-Video den Filter ausstelle, kommt mir das ganze Gerät farblich hart übersteuert, übersättigt vor. Alle Farben sind dann so hell und bunt, viel zu stark für mein Gefühl.

Nach 10 Jahren war ich endlich mal wieder in der Bücherei und hab mir eine neue Jahreskarte aushändigen lassen. Gleich zwei Bücher mitgenommen, eins auf Empfehlung einer Freundin (Heiße Milch) und ein zweites, weil ich mich mit der Autorin und dem Buchtitel sofort identifizieren konnte (Eine Blume ohne Wurzeln).

Zuhause schreibe ich (aber was, ist noch ein Geheeeiiimmniiissss!), höre Musik, koche, miste meinen Kleiderschrank gründlicher aus denn je. Ich hab mir über Vinted ein Puzzle bestellt, das länger dauert, als gedacht. Ich liebe 1000 Teile.

In der neuen Reha, wo ich einmal pro Woche bin, haben wir eine Ergotherapie-Übung gemacht, beim Begriff “Flow-holic” fühle ich mich ertappt. Ja, das bin ich, addicted to the Flow. Dabei wäre es für uns Burnoutees wichtig, eine gute Balance zu finden zwischen Tätigkeiten, die uns entspannen, stark fordern, oder eben wo ein Flow eintritt, also eine Beschäftigung, in der wir voll aufgehen. Wir alle lachen auf, niemand hat hier eine Balance.

Die (queer-)feministischen Themen gehen mir nicht ab. Meine Mama hat mich kurz nach Bekanntwerden der Collien Fernandes Story angerufen. Sie war der Meinung, ich hätte Instagram zu früh deaktiviert. Ich hingegen bin froh, dass ich das nicht in voller Bandbreite mitbekommen hab. Was für eine grindige Gschicht. Auf Youtube hab ich mir Jan Böhmis Folge dazu reingezogen, war eh ok, aber die Message könnte für mich noch mehr “Believe survivors” und weniger in Richtung “Männer sind übrigens scheiße und halten zusammen” gehen. We know, duh.

Mein Kühlschrank ist meistens gefüllt mit Leckereien aus dem Sozialmarkt. Ein beruhigender Anblick, den Kühlschrank zu öffnen und viele Möglichkeiten zu sehen, mir Schmausiges zu kochen. Seit wenigen Tagen hab ich den Kulturpass, weil ja, ich habe Hunger auf Kunst und Kultur! Ich kanns kaum erwarten, mich wieder freimütiger ins Museum oder ins Theater zu bewegen. In die Oper würd ich gern mal gehen, mir Klassik-Konzerte geben. Ich will berührt werden, nach all der Oberflächlichkeit und Schnelllebigkeit.

Ihr kommt mir so getrieben vor, im Hamsterradl. Es ist schön, mal einen lang andauernden Abstand zum Hamsterrad zu bekommen. Das Leben besteht aus mehr, als nur Arbeit und Fitnessstudio. Zumindest wird mein Leben ein größeres sein, als in der flügeltürigen Altbauwohnung über den Erbschaftsstreit der Familie zu sinnieren.

Ich will nach Berlin ziehen, ich will ganz dringend weg aus Wien. Sophia Süssmilch sagt im Podcast “Frau Picasso” zu Christl: “Lieber depressiv in Berlin, als leben in Wien” oder so. Sie hat ja recht. Ich gehe auf ein Date mit einem Syrer aus Rojava. Er sagt - Wien ist eine wunderschöne Stadt, aber warum sind hier eigentlich alle depressiv?

Meine Konversationen sind inhaltsvoller, ich bin achtsamer bei der Sache. Ich swipe nicht, ich studiere. Wer sind die Menschen in dieser Stadt? Ich rufe einer Dame, die mir auf dem Fahrrad entgegenkommt, zu: “Coole Jacke!” Sie hört mich nicht.

Generell fahr ich viel langsamer Fahrrad. Jetzt, wo ich endlich den Führer*innenschein habe, bin ich eine zuvorkommende Verkehrsteilnehmerin. Ich lasse anderen gern den Vorrang, am liebsten deute ich mit meinem behelmten Kopf im Auto sitzenden Männern an, dass sie fahren können. Mir gefällt daran, dass ich das Sagen habe, wer sich wann bewegt. Im Autoverkehr sind wir alle gleich viel wert, take that, Patriarchat. Wenn ich sage, du darfst fahren, dann gehorche mir gefälligst. Ein Kopfnicken nach rechts reicht. Sie bedanken sich, die Männer hinter der Windschutzscheibe.

Morgens öffne ich mein Fenster und genieße die Kinderstimmen, die in den Kindergarten geradelt werden. Ba ba ba, zwitschern sie vergnügt. Meinen Kaffeekonsum habe ich fast wieder im Griff, 3/4tel sind koffeinfrei, nur 1/4 mit Koffein. Ich finde ein Puzzlestück und es passt auf Anhieb. Darin bin ich wirklich gut, im Puzzlen. Clownesque sag ich zu mir selbst: “Mensch, du bist eine ganz schöne Puzzlemaschine, du!” Wenn es dunkel wird, stellt sich mehr Ruhe in mir ein.

Distanz und Nähe ziehen sich als Themen durch. Wie nähere ich mich wieder an, wenn ich so hart auf Abstand gehen musste, for my own sake? Und an wen will ich mich eigentlich noch annähern? Wo sind die (un)verblümten Diaspora-Clowns, die mit mir in die Tiefe gehen, hm? Zeigt mir die mal, zeigt mir mal meine People, ich bin gespannt. Ich beglückwünsche eine Freundin zu ihrer Entscheidung, ihr bisheriges Leben mitsamt einer Ehe hinter sich gelassen zu haben. Ich bin so stolz auf dich, ich sage es zu ihr, aber auch ein bisschen zu mir.

Die Pferde ziehen die Fiaker hinter sich her, der grindige Kutscher macht diese Schnalzgeräusche und treibt die Pferde an. Die Ampel ist grün und die Autos hinter dem Fiaker müssen warten. Klack-klack klack-klack, ich kann gar nicht anders, als wie ein Kind die Pferdehufen nachzuklackern. Der Nachmittags- und Abendhimmel legt sich über Wien. Endlich, endlich zwitschern die Vögel wieder. Die Amsel singt ihr Lied, es klingt nach Aufbruch und Ankommen, nach Leben und Tod.

Wir sitzen in der Kleingartensiedlung und die Waisen in der Runde erzählen morbide Stories von Bestattungsinstituten. Ich lerne ein neues Wort: Exhumierung. Was soll das eigentlich, dass der schaurig-süße Tod immerzu um die Ecke lauert? Die Sonne scheint stark, cremt euch ein, Kinder, cremt euch ein.

Süßigkeiten machen mich langsam, Kaffee macht mich müde. Es hätte auch Malzkaffee gegeben, aber der schmeckt nicht nach Kaffee. Ich lerne eine neue Kaffeezubereitungsart: Herdplatte vorwärmen, heißes Wasser in die Bialetti. Der Kaffee pfeift in 20 Sekunden durch. Den letzten Schluck schüttet man weg, er ist zu bitter. Ich bin bitter. Ich bin dieser Stadt überdrüssig. Ein Vögelchen fliegt vorbei und ich will mitfliegen. Zieh mich hoch, zieh mich mit, nimm mich mit, an einen Ort der Ruhe verspricht. Mein Herz flattert und meine Augenlider werden schwer.

Nachmittags brauche ich meine Ruhe und meine Meditation, um für die zweite Tageshälfte genug Power zu haben. Wie lebt man, wenn man alles hinter sich lassen kann? Ich bin jetzt erwachsen, ich bin frei. Das AMS lässt mich unfrei fühlen. Danke, herzlichen Dank, sehr geehrte Frau Gundlbacher, ich danke Ihnen, wunderbar. Die ID Austria läuft wie am Schnürchen, ich würde gern mal das sehen, was meine Face ID immer sieht. Scheiße, wo ist nochmal mein Bachelorzeugnis? Sehr geehrte Frau Gundlbacher, anbei mein Bachelorzeugnis, das ich hiermit fristgerecht nachreiche. Ach, leckts mich alle am Arsch, niemand wird hier von irgendwem sehr geehrt. Oder ist das Beamt*innenbeleidigung? Ich tippe mal auf Kunstfreiheit.

Oder sollte ich doch mit den Antidepressiva anfangen? Psychopharmaka, ein Wort, das man ausspricht, wie eine unheilbare Krankheit, von der man möglichst weit weg bleiben will. Jetzt hab ich das Schlimmste hinter mir, warum also jetzt mit den Tabletten anfangen, die ich eh nie wollte?

Ich sage auf einmal: “Ich glaube ich bin jetzt im letzten Drittel meines Burnouts.” Wie füllst du denn deine Tage so? Ich schreibe und ich puzzle. Ich Puzzlemachine, ich. Freitags ist Workout und zum ersten Mal spüre ich das Sports-High, ich fliege, es ist geiler, als auf allen Drogen, die ich bisher ausprobiert habe. Es ist nicht das gleiche ohne dich, schreibt meine Workoutlehrerin, als ich einmal absage. Oh, werdet ihr mich alle vermissen, wenn ich diese Stadt endlich verlassen haben werde.

Statt Zahnseide verwende ich die Zahnzwischenraum-Bürstchen, weil das schneller geht. Bye-bye, Zahnstein! Meine neue Zahnärztin lobt mich, ich find sie bisschen hot mit ihrer Spezial-Brille. Den beschissenen Mundhygiene-Termin mach ich mir aber trotzdem nicht aus.

Ich stelle mir vorsichtig die Frage: “What if it all works out?”. Wann komme ich endlich in meiner fantasievollen, bereichernden Welt an, in der ich leben möchte?

Am Ende zählt die Abgrenzung und ich bin jetzt Meisterin im Abgrenzen. Juckt nicht, würden meine Schwestern sagen, sind sie jetzt eigentlich Generation Alpha oder Beta? Wir stoßen an auf den 19. Geburtstag, hinter ihren Augen schlummert die zaghafte Neugierde auf die große, weite Welt. Lauf, spring, schwimm, flieg davon, kleiner Tiger. Sei frei und erkunde dich, erkunde alle Wesen, denen du begegnest. Die Patterns, die es für dich durchzuackern und zu durchbrechen gilt, werden dich schon noch einholen. Du wirst bereit sein.

Der Kaffee ist kalt geworden, meine Nippel sind steif. Hinter meinen Sonnenbrillengläsern fixiere ich dich. Komm, tanz mit mir. Spürst du meine sanfte, pulsierende Ruhe? Ich will eintauchen und so tauche ich unter, bis der Blauregen wieder blüht und ich mich in meiner Sicherheit wiege.

Achso, ja, und heute, am 30.4. ist Tag der Arbeitslosigkeit. I guess that’ll be me, happy Arbeitslosentag to all, who’re celebrating. Danke, AMS und PVA und BBRZ, dass ihr an mich glaubt. I feel very loved and seen, thank you, sehr geehrte Frau Beamtin! Es geht bergauf, ja, ja, wohl, wohl, danke der Nachfrage.

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