Es ist wunderbar, dieses Wackelteil auf meinem Spielplatz. Da kommen die interessantesten Menschen angeschwappt. Heute kam Anja, 7 Jahre alt, aber groß und aufgeschlossen für ihr Alter. Gut, also im Juli wurde sie 8 und ja, sie ist auch ein Krebsi! Stellt euch die Abendsonne vor, Spatzen, Amseln, alle am piepsen, gleichsam die Kinder allen Alters.
Anja fragt mich, was ich hier mache. Verständlich. Ja, was macht eine geburnoutete 30-Jährige am Spielplatz? Sie übt ehrlichgesagt Liegestütz, weil sie sich in den Kopf gesetzt hat, das können zu wollen. Und sie genießt ein wirres Potpourri an Stimmen, Geschrei, Gelächter, nachdem sie den ganzen Tag keinen Menschenkontakt hatte, außer beim Sozialmarkt und am Telefon mit ihrer Mutti. Die 30-Jährige, die mit allen Kindern freundlich interagiert, stählert ihre Muskeln, denn körperliche Gesundheit ist für die Psyche auch von Vorteil. It‘s all aligned, holistisch gesehen und so, brauch ich euch ja nicht erklären.
Anja fragt, wie alt ich bin. Ich liebe ihre Converse, schwarz mit weißen Punkten drauf. Jeder Tag, an dem ich irgendwas mit Punkten sehe, ist ein Konfettitag! Heute ist sie also meine Konfettikanone. „Rate,“ sage ich. „In die Schule geh ich jedenfalls nicht mehr.“ Suchend gleitet ihr Blick an mir hoch. „40?“ Ich dreh mich weg, um ihr nicht schallend ins Gesicht zu lachen. Nein? 30? Ja! Wir beide wissen, dass ihr diese Zahl rein gar nix sagt. Aus der Sicht einer 7-, fast 8-Jährigen ist 30 ja uralt.
Ich hoffe, dass ich nicht creepy wirke. Wie muss das aus Sicht einer Mutter sein, wenn das Kind mit fremden Erwachsenen spielen will? Anjas Mutter liegt gemütlich in der Sonne und telefoniert. Sie trägt schwarze, klobige Sneakers und aufgespritzte Lippen. Ihre wachen Augen versteckt sie hinter einer Dramaqueen-Sonnenbrille, I get it.
Die „großen“ Jungs (so muskelbepackte Halbstarke, tragen immer graue Jogginghose) machen einen Klimmzug nach dem anderen, Anja und ich hängen, keine von uns schafft auch nur ansatzweise einen Klimmzug, bis unsere schwitzigen Hände uns runtergleiten lassen. Ein weiteres Mädchen mit zwei dicken, geflochtenen Zöpfen und irrsinnig blauen Augen, aus denen sie schüchtern blickt, gesellt sich zu uns an die Stangen. Ich schaue sie liebevoll an, Sorry, aber ich kann mich gerade nur auf eine neue Freundin konzentrieren. Sie ist ur süß, wie sie in unserer Nähe bleibt und alle Übungen nachmacht.
Ein Kind schreit über den Platz und ich erkenne die beiden türkischen Jungs wieder, die unbedingt mit mir Fußball spielen wollten. Gebt mir noch ein paar Monate hier im 16. und ich kenn alle Kinder beim Namen! Heute sehen sie mich zum Glück nicht, ich bin schließlich mit Anja beschäftigt und zeige ihr gerade, wie weit ich runterkomme, es ist fast ein Spagat. Sie ist impressed, neben uns probieren zwei blonde Zöpfe ebenfalls einen Spagat.
Auf der Slackline reichen wir uns gegenseitig die Hand, es hat etwas sehr beruhigendes, eine Kinderhand zu halten. Das könnte ich öfter machen. Vielleicht doch wieder Babysitten, so wie früher? Eine Zeit lang hab ich überlegt, Nanny zu werden, aber die meisten in meinem Umfeld haben mir davon abgeraten. Ich mag Kinder und sie mögen mich. Problematisch wird es nur, wenn sie mir auf die Nerven gehen (und das tun sie schnell), weil dann lass ich die große Schwester raushängen. Das Große-Schwester-Syndrom kriegt man nie wieder weg, es ist klar, wer das Sagen hat und welche Musik gespielt wird. Das reicht mir aber nicht, so völlig ohne pädagogischem Wert meine „Ich bin größer als du, also gusch“ Karte auszuspielen. Wir heben uns den Beruf Nanny mal auf, kann ich ja auch im gehobenen Alter machen, wenn das mit der Kunst und dem Fame nix wird.
Anja protestiert, als ich sage, dass ich bald gehen werde. Ich erkläre es ihr ganz ruhig, dass ich Durst und Hunger habe, Himmelherrgott, ich wollte ja nur kurz auf mein Wackelwippteil nach einem long day at home. Wir sind jetzt befreundet, sag ich zu Anjas Mutter, die mich hinter ihrer dunklen Brille angrinst. Ciao, ich winke nochmal und gehe strahlend davon. Neben mir piepst es und oben sitzt die Amsel und singt. „Wann bist du wieder hier,“ hat Anja noch gefragt. Hmm weiß nicht, erst nächste Woche wieder, sage ich. Da kann ich nicht, da bin ich bei meinem Vater, sagt sie.
Ach, wenn sie nur wüsste, wie sehr die 22 Jahre ältere Simay auf dem Spielplatz damit relaten kann.
Da ist ein Spielplatz auf dem sich alle kenn’
macht das eine Kind Faxen will der Rest mitspring’
Komisch - schon ironisch wie sich Leute ändern
schon’ dich, sonst wird Karma sich bald dir rächen
“Spielplatz” ist ein Song, der unter die Haut geht. Was auch unter die Haut geht, ist die brutale Realität für Musiker*innen, die von dem Scheiß einfach nicht leben können. Während ihr euch die New Music am Friday reinstreamt, müssen eure Lieblingskünstler*innen einen Nebenjob anfangen, um über die Runden zu kommen. Nach unendlich vielen Monaten hab ich es endlich geschafft, ein Tidal-Abo statt dem blöden Spoti bzw YouTube Music Abo zu haben. Dann verdienen die Artists jetzt durch meinen Stream ein klitzekleines bisschen mehr. Juhu.
Wir dürfen den Fokus wieder auf Qualität und Investition in Wertvolles lenken. Als ich meinen Vorgänger-Newsletter “Die Bunten Seiten” im März 2026 beendete, schrieb ich ein glühendes Plädoyer für den Journalismus - aus unerfindlichen Gründen ist uns qualitative Berichterstattung nix, rein gar nix wert. Wir wollen den Content schnell und gratis. Was das für die Gesellschaft und die Demokratie bedeutet, will ich mir gar nicht ausmalen. Aus diesem prekären Arbeitsfeld bin ich RAUS. Ich reiße mir nicht den Arsch auf, setze meine mentale Gesundheit aufs Spiel, weil ich immer Online sein muss, mich immer positionieren muss, für alle Themen Energie aufbringen muss, auch wenn sie zermürben-mürben-mürben. Das entspricht mir nicht und danke Burnout, dass ich das jetzt klar sehe.
Bei den Creative Days der Wirtschaftsagentur (einer der wenigen Events, auf denen ich mich mal zur Abwechslung underdressed fühle) wurde eine neue Genossenschaft vorgestellt: Subvert.fm. Eine Musikplattform, die Musik gleichverteilend behandelt, alle Hörer*innen sind Miteigentümer*innen, so läuft das in Genossenschaften.
Es braucht Veränderung in unserer Art, Content und Konsum zu denken. In diesen verwirrenden Hyperkapitalismus-Zuständen, in denen uns die KI schneller eine Antwort zusammenspinnt, als wir runterscrollen können. Es darf wieder mehr in die Tiefe gehen, es darf mehr Verbundenheit, Commitment geben, deswegen schreibe ich jetzt diesen Newsletter.
Auf dem Spielplatz unserer Bildschirme ist es laut und schnell. Was passiert auf dem Spielplatz unserer Fantasie und wie gelangen wir da hin? Ich weiß es nicht, ich stehe und wackle auf meinem Wippteil. Ich übe schonmal für den Moment, wo alles wackelig wird. I can’t wait, to be honest. Let’s shake things up. And let’s start at ourselves first. I’ll gladly be a rolemodel for that.
Period.
Eure Spielplatz-Busenfreundin-GroßeSchwester
Simay
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