Arne sieht Adela an. Sie atmet tief ein, als würde sie die Erinnerung hochholen.
Arne: “Adela, dein Kommentar zu
„Ich weiß nicht” hat mich nicht losgelassen. Nimm dir Zeit. Erzähl von diesem Meeting, das alles verändert hat.”
Adela lächelt schief und lehnt sich zurück. Ihr Blick wandert in die Ferne.
„Nächtelang hatte ich an dieser Sales-Strategie gesessen – Tabellen, Prognosen und mehr. Ich war stolz auf das Ergebnis. Es konnte sich sehen lassen – dachte ich“ Adela lacht.
„Ich war Sales-Leiterin, war die Chefin und hatte viel Erfahrung. Es war DAS Sales-Meeting – die Mutter aller Sales-Meetings. Der Strategietag, um Sales neu zu definieren und die Ausrichtung für die kommenden Jahre festzuzurren. Alle warteten gespannt auf meinen Plan: Ich im Raum mit meinem Chef, ein paar Kollegen aus der Firma, der Rest der Teams vor den Bildschirmen. Im Meetingraum konnte man die Spannung regelrecht spüren. Normalerweise liebe ich solche Situationen. Der Beamer surrte leise und ich klickte zur ersten Folie...“
Sie schließt die Augen. Eine Gänsehaut überzieht ihre Arme.
„...und dann passierte es. Ich fing an zu sprechen, aber nach ein paar Sätzen verhaspelte ich mich. Der Faden war weg. Ich suchte nach Worten, fand keine. Alles verschwamm vor meinen Augen – hatte einen Blackout. Die Buchstaben auf der Folie zitterten, die Gesichter im Raum wurden unscharf. Meine Augen wurden feucht, die Sicht löste sich auf. Der Raum wurde still. Ich stand da, Folie 3, stumm. Mein Herz hämmerte: Das ist das Ende. Unprofessionell. Erledigt.“
Arne fragt leise: „Was hast du gespürt?“
Adela schüttelt den Kopf, ihre Stimme ist belegt.
„In diesem Moment fühlte ich mich wie eine totale Versagerin. Mein Kopf war knallrot, mein Herz pochte heftig in meinem Hals und mein Puls raste. Gleichzeitig fühlte ich mich wie gelähmt, dabei wollte ich am liebsten wegrennen. Aber daran war nicht zu denken. Ich war wie erstarrt.“
Arne „Oh. Wow. Adela. Was ein Moment! Was flüsterten deine inneren Stimmen?“
Adela „Reiß dich zusammen. Das ist jetzt nicht dein Ernst? Dafür haben wir uns die Nächte um die Ohren geschlagen? Echt jetzt! Was bist du nur für eine Null. Jetzt tu‘ doch wenigstens was. Irgendetwas! Das waren die Stimmen. Einfach nur schrecklich!“
Arne “Und wie ist es dann weitergegangen? Was hast du gemacht?”
Ich hab‘ diesen Moment ausgehalten, obwohl ich vor Scham am liebsten im Boden versunken wäre. Bin aufgestanden und habe mich geschüttelt, dass meine Arme nur so durch die Luft schlackerten“ Adela lacht bevor sie fortfährt: „Keine Ahnung was da in mich gefahren ist. Das war wie so ne Übersprungshandlung, aber das hat mir die Kraft gegeben weiterzumachen. Ich bin, nun kreidebleich, durch die Präsentation gehuscht. Wollte es nur noch hinter mich bringen. Kein Wort der Erklärung ist mir über die Lippen gekommen.“
Direkt nach dem Meeting kam auch noch mein Chef zu mir. Er war richtig aufgebracht: ‚Adela, das war unprofessionell. Entschuldige dich gefälligst beim Team, sonst kann ich für nichts mehr garantieren!‘ Und mit diesen Worten entschwand er wutentbrannt.”
Arne „Und dein Team? Haben sie dich auch verurteilt – oder...?“
Adela nippt nachdenklich am Kaffee und lächelt zaghaft. Eine kurze Stille breitet sich aus.
Adelas Stimme wird weicher und ihre Augen beginnen zu leuchten. „Diesen Moment in der Cafeteria werde ich nie mehr vergessen. Lisa setzte sich ein paar Tage später einfach mir gegenüber. ‚Das war das bewegendste Salesmeeting ever! Wie geht’s dir?‘ ‚Geht so. Kannste dir sicherlich vorstellen‘ ‚Ja Adela, das kann ich und das können wir. Wir alle kennen solche Momente. Sie sind einfach nur beschissen. Nur dass du’s weißt: Wir stehen hinter dir!‘ Lisa stand auf und ging. Ein paar Tage später kam auch noch Fabian, einer der mich ständig challengt: ‚Chef, das war mutig. Und stark. Ich stehe hinter dir!’ Sie haben sich mir zugewandten, haben mich, jeder auf seine Art unterstützt. Sie waren für mich da. Wenn ich daran denke bekomme ich jetzt noch feuchte Augen. Sie sahen den Menschen, die Frau, nicht die Rolle.“
Adela nippt an ihrem Kaffee.
„Das Team veränderte sich. Es zeichnete sich aus durch mehr Ehrlichkeit. Kuscheln und Wohlfühl-Bubble wurde durch Vertrauen ersetzt. Man traute sich zu sagen: ‚Ich sehe das anders.’ Und dann der Schock: Sie erzählten diese Szene – mein ‚Versagen’ – in Onboardings. Bei Kunden. ‚Unsere Chefin hat das ausgehalten und ist geblieben. Deshalb vertrauen wir ihr.’“
Arne „Du dachtest, es sei dein größter Fehler., dabei wurde es zu deiner ‚Relativitätstheorie’. Was nimmst du für andere Leader mit?“
Adela lacht herzhaft. „Ja das stimmt, sie haben diese Sales Strategie angepriesen als sei es Einsteins Relativitätstheorie. Führung ist nicht, die Klügste zu sein. Sondern da zu bleiben, wenn das Ego bröckelt – körperlicher Schmerz, Scham, das alles. In meinem Leiden entstand neuer Raum: Für bessere Ideen, gelebte Beziehungen und echten Austausch.”
Arne “Ist das Erfolg?”
Adela “Erfolg? Ich weiß nicht. Es fühlt sich jetzt nur ehrlicher an. Die Menschen im Team dürfen auch Mensch sein und keine Maschinen. Wir tauschen uns aus und fragen einander wie es geht und das meinen wir dann auch so. Witzigerweise sind wir viel produktiver und kreativer geworden. Wir kommen mit richtig guten Ideen um die Ecke. Uns und unsere Kunden freut das. Es macht Spaß mit uns zusammenzuarbeiten.“
Arne “Danke Adela. Danke!”
Arne und Adela schweigen eine Weile. Es ist fast so, als würde die Luft sanft vibrieren. Der frische Kaffee dampft in ihren Tassen.
Adela & Arne: „Wo hast du zuletzt gelitten als Leader, als Führungskraft oder als Mensch? Was wäre, wenn dein ‚Scheitern’ zu jemandes Leitstern wird? Erzähl mir deine Geschichte – hier in den Kommentaren, per Mail. Manchmal ist das Wichtigste in unserem Mensch sein verborgen.”
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