Als Callum McGregor in der 21. Minute in der Linzer Raiffeisen Arena das 1:0 für Celtic Glasgow erzielte, kam einem mal wieder Anton „Toni“ Pfeffer in den Sinn: „Hoch g’winn ma’s nimma“, ausgesprochen von Pfeffer beim Halbzeitstand von 0:5 bei Österreichs legendärem 0:9 gegen Spanien 1999, ist ein ikonischer Satz der Austro-Fußballgeschichte. Und er schien auch am Dienstagabend allzu angebracht zu sein: Nicht 0:1, sondern 0:4 lag der Linzer ASK nach dem Gegentor in der 21. Minute zurück, im Champions-League-Playoff gegen den schottischen Meister Celtic Glasgow. Denn das Hinspiel hatten die Linzer auswärts 0:3 verloren. Selbst auf der Trainerbank kehrte daher Resignation ein.
„Grundsätzlich sogst do: Pock die Geig’n ein“, erzählte der LASK-Trainer Dietmar „Didi“ Kühbauer später in burgenländischem Dialekt. Zur Sicherheit noch einmal auf Deutsch: Kühbauer dachte darüber nach, die Geige einzupacken, was als Geste der Kapitulation dem Toni-Pfeffer-Galgenhumor gleichkommt. Doch die Linzer Mannschaft widersprach in den folgenden 100 Minuten dieser sehr österreichischen, leicht morbiden Herangehensweise an den Sport. Und gewann tatsächlich noch hoch. Hoch genug sogar, um sich für die Ligaphase der Champions League zu qualifizieren.
Österreichs Scheitern bei der WM
:Gegen die Großen chancenlosNach dem Aus gegen Spanien liefert Österreichs Trainer Ralf Rangnick eine Analyse, die nicht zu seinem Ehrgeiz passt. Die Zäsur im Team hat schon begonnen – Rekordschütze Marko Arnautovic tritt zurück.
5:1 stand es am Ende, sagenhafte 40 Torschüsse hatten die Linzer auf das Tor der bemitleidenswerten, aber katastrophal spielenden Schotten abgefeuert. Spielerisch unterlegen war Celtic bereits im Hinspiel gewesen, was natürlich absurd klang angesichts eines Sieges mit drei Toren Abstand. Aber für Kühbauer und seinen LASK hatte genau darin die Hoffnung gelegen: „Wir haben nicht einfach nur Floskeln herausgehauen vor dem Spiel. Der Staff hat dran geglaubt, die Mannschaft hat dran geglaubt, das Publikum hat mit uns dran geglaubt“, betonte Kühbauer, der als Spieler kurz nach der Jahrtausendwende für den VfL Wolfsburg aktiv war.
Dabei heraus kamen drei Tore zwischen der 32. und 58. Minute durch die Stürmer Moses Usor und Samuel Adeniran sowie Mittelfeldspieler Robert Ljubicic, die den LASK zurück in die Partie brachten. Das Tor zur Verlängerung erzielte dann Joker Florian Flecker, der erst in der 86. Minute aufs Feld kam, dann in der ersten Minute der Nachspielzeit zum 4:1 traf und in der 99. Minute verletzt wieder ausgewechselt wurde. Das 5:1 in der 109. Minute durch Adeniran erlebte er von der Bank aus, im Linzer Stadion folgte Ekstase: „Ein unglaubliches Spiel für eine österreichische Mannschaft, von der Physis her, von der Mentalität“, schwärmte Kühbauer: „In der jüngsten Vergangenheit kann ich mich nicht an ein Spiel in dieser Form erinnern.“
Das war die eine Ebene, auf der sich dieses Spiel einreihte, das selbstverständlich umgehend das „Wunder von Linz“ getauft wurde. Es reiht sich damit in der österreichische Champions-League-Historie ein neben dem „Wunder von Graz“, als Sturm Graz 2000 erstmals die Gruppenphase überstand, oder dem gebrochenen Salzburger Fluch nach elf gescheiterten Anläufen in der Qualifikation. Die Salzburger Talentegeneration war vor einigen Jahren allerdings die bisher letzte österreichische Mannschaft, die international Ansprüche anmeldete. Der kurzzeitig von Salzburg erkämpfte fixe Startplatz in der Königsklasse ist inzwischen aber schon wieder Geschichte, in der Saison 2027/28 werden insgesamt nur noch vier statt fünf Europacup-Startplätze für Österreich zur Verfügung stehen, weil zuletzt mitunter kein einziger Verein aus der Liga eine Gruppenphase in Europa überstanden hatte.
Der LASK soll nun Österreichs Fußballehre retten
Die Rolle als Retter der Ehre einer Fußballnation fällt nun also dem LASK aus der oberösterreichischen Hauptstadt zu. Jenem Verein, der vor einem Jahrzehnt den Cheftrainer Oliver Glasner hervorbrachte und in der Folge immer wieder zu den Besten der Liga gehörte. Aber auch mit seinem neu gebauten Stadion blieb Linz ein eher grauer Standort, der nicht mit dem Fußball in Graz oder dem Drama in Wien mithalten konnte und am meisten Schlagzeilen machte durch die Verpflichtung von Jérôme Boateng. Bis im vergangenen Herbst nach einer sportlichen Krise Kühbauer vom Ligakonkurrenten aus Wolfsberg kam. Und den Erfolg mitbrachte.
Unter diesem Trainer hat der LASK eine bemerkenswerte Wandlung geschafft, innerhalb weniger Monate formte Kühbauer eine Meistermannschaft. Die Linzer gewannen den ersten Titel seit 61 Jahren und sogar das Double aus Meisterschaft und Pokal, und zwar gewiss nicht, weil sie die besten Einzelspieler hatten. Sondern weil sie im Sinne des früheren „Harte Schale, weicher Kern“-Fußballers Kühbauer einen aggressiven Stil entwickelt haben, der für Gegner fürchterlich unangenehm sein kann – und dem Stil des Lieblingsvereins von Kühbauer, Atlético Madrid, nicht unähnlich ist. „Sehr intensiv und sehr körperbetont“, nannte Celtic-Trainer Martin O’Neill den LASK, was aus dem Mund eines Schotten durchaus als Kompliment gemeint war.
Sein Gegenüber durfte weit nach Mitternacht auf die „noch größeren Kaliber“ schauen, die in den kommenden Monaten bevorstehen. 18 Millionen Euro fließen als sicheres Preisgeld nach Linz. Durch die Qualifikation für die Ligaphase werden sich wohl auch auf dem Transfermarkt noch „andere Möglichkeiten“ ergeben, hofft Kühbauer, der selbst kurz ungläubig wirkte, als er auf die vergangenen zehn Monate zurückblickte: „Es ist eh schon ein Hollywood-Film oder ein Märchen, das wir hier drehen.“

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