Manchmal muss eine naheliegende Assoziation her, um in dieser komplizierten Welt Klarheit zu schaffen. Der Trainer Olaf Lange ist ein echter Globetrotter des Basketballs. Keiner aus Harlem wohlgemerkt, das wäre dann doch zu verrückt, wobei er auch schon in New York tätig war. Nein, Lange stammt aus Berlin, wo er in den 1990er-Jahren mit dem Coachen von Frauenteams begann. Kleines „Was danach geschah“: Stationen in Wuppertal, Weißenfels, Valencia, Lynchburg (Virginia), San Antonio (Texas), Brisbane (Australien), Jekaterinburg (Russland), Chicago, Brooklyn und Toronto.
Man könnte also sagen, dieser Mann hat alles erlebt – stimmt aber nicht. Denn am vergangenen Sonntag passierte ihm etwas nie Dagewesenes: „So habe ich noch nicht gecoacht, als das Spiel rum war, war ich seit 28 Stunden wach“, erzählt er der SZ am Telefon über jenen Sonntag in Göttingen. Um das Testspiel des deutschen Frauen-Nationalteams gegen Ungarn nicht zu verpassen, war der Bundestrainer in Toronto ins Flugzeug gestiegen und pünktlich zum Tip-off eingetrudelt. Olaf Lange, 54, arbeitet in Doppelfunktion: Während der Saison der US-Profiliga WNBA hilft er als Assistent bei Toronto Tempo mit, ansonsten gilt sein Fokus der Heim-WM (4. bis 13. September) mit der Auswahl des Deutschen Basketball-Bundes (DBB).
Deutsche Basketballfrauen
:Dieses Team will eine Medaille – aber ist das realistisch?Im Jahr ihrer Heim-WM deuten Deutschlands Basketballerinnen an, warum sie eine große Generation beisammen haben – der neue Bundestrainer Olaf Lange hat einiges radikal verändert.
Dass die in den Spielstätten Max-Schmeling-Halle und Uber Arena stattfindet, macht die Sache rund. „Toller Moment für mich“, sagt Lange, ein echtes „Homecoming“. Aber auch ein Moment voller Herausforderungen, die weit über einen gewissen Schlafmangel hinausgehen. Der Bundestrainer, erst seit November im Amt, weiß eine knappe Woche vor dem Turnierstart gegen Spanien (Freitag, 17.45 Uhr, Magentasport) weder, wie gut die DBB-Frauen überhaupt sind (Tendenz: noch keine WM-Form). Noch wer überhaupt mitspielt (Tendenz: alle außer Satou Sabally). „Es sind viele nicht ganz gesund, das ist unsere Achillesferse“, sagt Lange zur Lage – er ist aber hörbar um Pragmatismus bemüht. Oder ist das die Gelassenheit eines Weitgereisten, der in Russland schon Temperaturen um minus 30 Grad trotzte?
Einfach ist die Situation vor dem letzten WM-Test an diesem Donnerstag in Köln gegen die Türkei jedenfalls nicht. Die ersten Probeläufe gegen Spanien (noch ohne Lange und einige Topkräfte) und das erwähnte Duell mit Ungarn gingen verloren, beim „Doubleheader“, dem Doppel-Länderspiel in der Lanxess Arena, werden 19 000 Zuschauer erwartet. Der Verband will die Frauen ins Licht rücken und lässt sie deshalb binnen weniger Stunden auf demselben Parkett antreten wie die Männer bei ihrem WM-Qualifikationsduell mit den Niederlanden. Eine weitere Niederlage der Frauen würde der Vorbereitung einen extrem unangenehmen Beiklang verleihen. Dazu fehlen weiterhin die WNBA-Spielerinnen Frieda Bühner (Portland Fire), Leonie Fiebich (New York Liberty) und Nyara Sabally (Toronto Tempo), die erst kurz vor WM-Start den Kader komplettieren.
Dass Satou Sabally in ihrer Heimatstadt für die WM ausfällt, muss das Team erst mal verdauen
Den unerfreulichen Ausfall von Satou Sabally wegen der Folgen einer Gehirnerschütterung versuchen sie beim DBB noch zu überwinden, bei Schwester Nyara sieht es nach ihrer Wadenverletzung besser aus, sie soll zur Begutachtung Ende der Woche zum Team stoßen. Ihre Athletik und Kantigkeit unter dem Korb hält Lange für unverzichtbar, genau wie Fiebichs Führungsqualitäten: „Sie muss mehr ans Scoring denken“, so Lange, dem seine Beste mitunter zu selbstlos agiert. Immerhin: Ihr verstauchter Knöchel scheint okay zu sein, zumindest so okay, dass sie bei ihrem Comeback nach mehreren Wochen Pause gegen Indiana einen Glanzauftritt hinlegte. Zu den leider nur Halbfitten zählt auch Kapitänin Marie Gülich, die aufgrund eines Kreuzbandrisses über ein Jahr ausgesetzt hatte und ohne Matchpraxis ins Berlin-Abenteuer geht. Das ist die Situation im Kleinen: verzwickte Personallage, Last-Minute-Kader, wenig Zeit zum Einspielen.
Der größere Bogen umspannt den Zustand des Frauenbasketballs als Ganzes. Jahrzehntelang lief diese Disziplin unter dem Radar, nun hat sich die Erwartung verschoben. Parallel zu den Erfolgen der Männer hat sich im Nationalteam der Frauen eine Generation herausgebildet, für die Turniere nicht mehr nur Anlass zum Staunen und Lernen sind. Eine gewisse „Jetzt oder nie-Stimmung“ hat Ansprüche befeuert. „Alle blicken auf die WM, aber unser Ziel ist auch, langfristig bei Olympia oder der Eurobasket oben mitzuspielen“, sagt Lange, der kurioserweise schon die letzte WM in Deutschland als Bundestrainer verantwortete: 1998 in Berlin, in seiner ersten Amtszeit, wurde das Team Elfter. Mitbekommen hat das damals kaum jemand. Heute blicken die deutschen Frauen auf ihre erste Olympiateilnahme 2024 zurück, auf eine Goldmedaille im 3x3, und bei der EM 2025 gelang mit Platz fünf das beste Resultat seit 28 Jahren. Vor dieser WM berichtet der DBB von bereits über 160 000 verkauften Tickets, eine volle Kulisse bei deutschen Spielen gilt als gewiss. Dirk Nowitzki hat sich ebenso angekündigt wie Dennis Schröder – an Aufmerksamkeit mangelt es auch dank der Magenta-Übertragung im Netz nicht.
„Resultat einer tollen Entwicklung“ nennt Lange diesen Aufschwung des Nationalteams, das im Gegensatz zur seit Jahrzehnten dahindümpelnden heimischen Liga DBBL tatsächlich an Sichtbarkeit gewonnen hat. Fiebich, Sabally, Luisa Geiselsöder – alles Namen, die in der Szene und teilweise darüber hinaus langsam an Bekanntheit zulegen. Da schmerzt es natürlich, dass kurz vor der WM so viele Disbalancen Unsicherheit auslösen. Dass in Satou Sabally das Gesicht der deutschen WM-Kampagne in ihrer Heimatstadt fehlen wird, kommentiert Lange lakonisch. „Natürlich wird sie uns fehlen, aber ich mache mich deswegen nicht verrückt.“ Und überhaupt: Bei anderen Teams laufe doch auch alles ziemlich durcheinander auf dem Weg nach Berlin. Die favorisierten Französinnen würden sich wegen diverser Vereinsverpflichtungen derzeit ohne zehn Stammkräfte warmspielen. Und die ebenso stark einzuschätzenden Australierinnen hätten noch gar nicht gemeinsam trainiert. Woher Lange das weiß? Deren Trainerin heißt Sandy Brondello und ist seine Ehefrau. Ein Duell Deutschland gegen Australien ist übrigens möglich bei der WM. Komplizierte, erstaunliche Welt des Frauenbasketballs.

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