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Sport - SZ.de · Aug 22, 2026

Reit-WM: In Aachen beben die Tribünen

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Gabriele Pochhammer · Süddeutsche Zeitung

Als Daniel Deußer mit dem zwölfjährigen Otello den vorletzten Sprung überwunden hatte, wussten seine Teamkollegen, es würde reichen, selbst wenn der letzte Oxer in die Brüche gegangen wäre. Das weiße Ungetüm blieb stehen, und die deutschen Springreiter hatten ihre Goldmedaille. Der Jubel der 45 000 Zuschauer ließ die Tribünen beben. Im Schritt, am ganz langen Zügel, mit beiden Armen in alle Richtungen winkend, ließ Deußer, 45,den Moment auf sich wirken.

Der letzte Reiter des Tages, Richard Vogel auf dem 14-jährigen Hengst United Touch, kam schon als Weltmeister in die Wettkampfarena. „Ich konnte den Ritt richtig genießen“, sagte er. So sehr, dass er zwei Zeitfehler kassierte, die für das Team keine Rolle mehr spielten, ihn aber am Freitag auf Platz 14 zurückwarfen und damit seine Medaillenchance für den Einzeltitel pulverisierten.

Reit-WM in Aachen

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Der ehemalige Weltklasse-Springreiter ist mit gleich 14 Pferden bei der Reit-WM in Aachen vertreten. Was ein gutes Springpferd ausmacht? Da gebe es mindestens 25 Eigenschaften.

Der Champion wurde am Sonntagabend unter den 25 Besten in zwei Umläufen gekürt. Deußer hatte sich an die Spitze gesetzt, gemeinsam mit dem punktgleichen Schweizer Steve Guerdat auf der 13-jährigen Stute Dynamix de Belheme. Doch am Sonntag unterlief ihm mit Otello dann der erste Fehler, und weil in der Schlussrunde am letzten Hindernis erneut die Stange fiel, gab es statt einer weiteren Medaille nur Rang sechs. „Das ist natürlich ein bisschen enttäuschend“, sagte Deußer. Auch dem 52-jährigen Marcus Ehning auf dem 13-jährigen Coolio passierte ein Malheur: Er startete von Platz vier, doch Coolio verlor ein Hufeisen. Ehning wurde Siebter, Sophie Hinners, 28, auf dem elfjährigen Singclair wurde Neunte. So war es der Schweizer Steve Guerdat, der triumphierte. Das „Glück, das wir an den ersten Tagen hatten“, habe wohl gefehlt, sagte Ehning.

Der Bundestrainer hatte Ehning statt Olympiasieger Kukuk nominiert – die Rechnung ging auf

Der Schlusstag wurde überstrahlt von der Teamleistung von Deußer, Ehning, Hinners und Vogel samt ihrer Pferde am Freitag: Mit einem Abstand von mehr als einem Springfehler gewannen sie in Aachen den Titel als Equipe (4,48 Strafpunkte), gefolgt von den Belgiern (11,69), die eine grandiose Aufholjagd hinlegten, und den Briten (12,98). Es war das erste WM-Gold seit 2010, das zweite für Otto Becker als Bundestrainer. Zwar hatten die Deutschen zum Favoritenkreis gezählt, aber ein solch souveräner Sieg überraschte dann doch.

Im dritten und letzten Parcours, der für das Team zählte, erlaubte sich keiner der vier Reiter einen Abwurf. Richard Vogels Zeitstrafpunkte blieben das Streichergebnis, „aber wir hätten auch mit Richies Ergebnis gewonnen“, sagte Marcus Ehning. Auf dem 13-jährigen Coolio legte Ehning als erster deutscher Reiter mit einer Nullrunde vor, wie schon die Kurse zuvor. Er war bereits 2006 in Aachen dabei gewesen, hatte damals mit der Stute Küchengirl ein Desaster an der Mauer erlebt. „Die Scharte habe ich jetzt wieder ausgewetzt“, sagte er. Das Malheur hatte ihm offenbar zwanzig Jahre lang nachgehangen. Coolio segelte unbeeindruckt über die Mauer, die dem Aachener Elisenbrunnen nachgestaltet war. Einmal musste der dunkelbraune Holsteiner seinen Reiter retten. Ehning hatte sich in einer Distanz verschätzt, und Coolio stand so vor dem nächsten Hindernis, dass er sich quasi senkrecht in die Luft schrauben musste: „Ich bin wahnsinnig stolz auf mein Pferd, das hier alles gegeben hat.“

Wenn das Pferd den Reiter rettet: Marcus Ehning gelingt auf Coolio im Mannschaftswettbewerb ein fehlerfreiter Ritt über den Aachener Parcour.
Wenn das Pferd den Reiter rettet: Marcus Ehning gelingt auf Coolio im Mannschaftswettbewerb ein fehlerfreiter Ritt über den Aachener Parcour. Emma Wallskog/Bildbyran/Imago

Nicht nur er, sondern auch Bundestrainer Becker wirkte erleichtert, dass es so gut lief. Denn Becker und Ehning verbindet mehr als Trainer und Teamreiter gewöhnlicherweise. Sie sind alte Kämpen, haben unter anderem gemeinsam 2000 Olympiagold in Sydney erobert. Von seiner Entscheidung, Ehning dem Olympiasieger 2024 Christian Kukuk vorzuziehen, hatte er den Springausschuss erst überzeugen müssen. Dass die privaten Vibes zwischen den beiden stimmen, ist kein Geheimnis, aber auch die Leistungen zum Nominierungszeitpunkt gaben den Ausschlag. „Ohne Otto stünde ich nicht hier“, sagte Ehning.

Bis zum letzten Moment mussten die Aachener Organisatoren zittern, ob das abendliche Nationenpreisspringen überhaupt würde stattfinden können. Es gab eine schwere Unwetterwarnung, aber es blieb zunächst bei ein paar Regentropfen und fernem Donnergrollen. Erst bei der Siegerehrung prasselte der Regen vom Himmel und durchweichte alle gleichermaßen, Pferde, Reiter, Gratulanten. Mit Frotteetüchern versuchte Turnierchefin Birgit Rosenberg bei der Pressekonferenz, die Reiter zu trocknen, nicht, dass sich noch einer einen Schnupfen holt, so kurz vor dem Finale.

Als zunächst die Einzelreiter in den Parcours gingen, sah es so aus, als habe Parcourschef Frank Rothenberger wieder etwas zu freundlich gebaut. Am Tag zuvor hatte es 45 Nullfehlerritte gegeben, da entfällt dann die Selektion. Aber das Blatt wendete sich, als die Mannschaftsreiter an der Reihe waren. Aussichtsreiche Teams, die den Deutschen dicht auf den Fersen waren, eins nach dem anderen, fielen zurück. Bei den Briten konnten nur Scott Brash und Ben Maher den Standard mit Nullfehlerritten halten.

Noch schlimmer erwischte es die US-Reiter, bis dahin noch auf Silberkurs. Katherine Dinan gab auf, weil ihr Schimmel Out of the Blue gar keinen Rhythmus fand, und Lillie Keenan patzte zweimal. Sie konnten sich damit trösten, dass sie als olympische Gastgeber bei den Sommerspielen 2028 automatisch startberechtigt sind. Für alle anderen war Aachen auch eine Qualifikation für Los Angeles. Außer den Medaillenteams sicherten sich Italien, die Schweiz, Irland und Frankreich bereits Plätze. Eine letzte Chance gibt es im kommenden Jahr bei der Europameisterschaft im belgischen Waregem.

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