Im Mannheimer Carl-Benz-Stadion wurden am Freitag genau jene Bilder produziert, die künftige Dokumentationen über Fangewalt oder Pyrotechnik illustrieren werden. Sie zeigen vermummte Fanmassen, die auf den Platz stürmen, Raketen, die in gegnerische Blöcke geschossen werden. Und Polizei, die mit Pferdestaffeln und Hunden das Spielfeld sichert, um ein Aufeinandertreffen der traditionell verfeindeten Anhänger zu verhindern.
85 Menschen mussten am Freitag rund um die Pokal-Erstrundenpartie zwischen dem Drittligisten SV Waldhof Mannheim und dem Zweitligisten 1. FC Kaiserslautern medizinisch betreut werden, 35 Polizeibeamte wurden verletzt. Mehrfach stand die Partie kurz vor dem Abbruch, der Anpfiff der Verlängerung, in der Lautern spät zum 1:0-Sieg traf, musste um 20 Minuten verschoben werden. Der baden-württembergische Innenminister Manuel Hagel (CDU) sprach von einem „Hochrisikospiel mit Ansage“, nicht zu Unrecht. Sehr deutlich wurde der frühere Nationalspieler Fredi Bobic. „So ein Spiel darf nicht weitergespielt werden“, sagte der 54-Jährige der Bild: „Schmeißt beide aus dem DFB-Pokal raus! Beide. Und beide kriegen keinen Cent.“ Auf die Frage, was passieren müsste, damit ein solches Spiel abgebrochen wird, antwortete Bobic: „Es muss erst jemand sterben.“
DFB-Pokal
:Ausschreitungen in Mannheim überschatten PokalabendDas Pokalspiel zwischen Mannheim und Kaiserslautern steht nach einem Platzsturm und Böllern kurz vor dem Spielabbruch. Letztlich gewinnt der FCK. Auch Stuttgart und Frankfurt erreichen die zweite Runde.
Überrascht haben die schlimmen Bilder vom Freitagabend viele aktive Fußballfans höchstens in der Intensität der Ausschreitungen. Diese hatten sich angekündigt: Schon beim Heimspiel zuvor gegen den Karlsruher SC waren in Kaiserslautern „Waldhof verrecke“-Shirts verkauft worden, die die ganze Kurve trug. In Mannheim war hingegen ein Fake-Flugblatt („Übergänge an den Rheinbrücken geschlossen halten“) verteilt worden, auf dem vor einer „Lauternschweine-Pest“ gewarnt wurde. Beide Fangruppen hatten am Freitag zudem Besuch aus befreundeten Szenen in Frankfurt (Waldhof) und Stuttgart (FCK) erhalten. Ein friedlicher Ablauf der Partie war damit praktisch ausgeschlossen.
Schon unmittelbar nach der Auslosung war die Partie Mannheim – Kaiserslautern in Fankreisen als das Spiel der Spiele ausgemacht worden, und nicht etwa eine der Erstrundenpartien mit Bundesliga-Beteiligung, obwohl die fraglos den besseren Sport versprachen. In den Kurven wird Fußball häufig anders rezipiert als vor dem Fernsehgerät. Die Attraktivität einer Partie bemisst sich dort nicht für jeden Fußballgucker nach der zu erwartenden Passqualität. Und für jede Fankurve wiegt ein verlorenes Derby schwerer als drei verlorene „normale“ Spiele.
Waldhofs Sportdirektor klagt den FCK-Spieler Marlon Ritter an
Genau deshalb sind oft auch Spieler Publikumslieblinge, die vom Gegner verachtet und vom eigenen Anhang geliebt werden. Spieler wie Lauterns Marlon Ritter etwa, der in jedes Derby geht, als wäre es das letzte, und der sich natürlich auch am Freitag im Zentrum der Turbulenzen befand. Zumindest sah das Waldhofs Sportdirektor Mathias Schober so, der Ritter indirekt für die Eskalation in seiner eigenen Fankurve mitverantwortlich machte. Der Lauterer habe „in seiner Art und Weise, wie er gerne provoziert, Dampf abgelassen“, sagte Schober. „Er hat sich bei jeder Ecke Zeit gelassen, wirklich provoziert.“
Das stimmt zwar, Schobers Statement wirkte dennoch wie ein billiges Ablenkungsmanöver. Auch ein langsam ausgeführter Eckball rechtfertigt nicht, dass Dutzende Waldhof-Fans ein Tor zum Innenraum aufbrachen und sich eine Prügelei mit der Polizei lieferten. Wahr ist auch, dass die ganze Partie über vor allem aus den Heimbereichen immer wieder Gegenstände auf den Platz und die Lauterer Spieler geworfen wurden. Unmittelbar bevor die Mannheimer Kurve eskalierte und aus dem FCK-Block Feuerwerkskörper in Richtung Haupttribüne geschossen wurden, war Waldhof-Keeper Thijmen Nijhuis wie von der Tarantel gestochen auf Ritter zugerannt. Der war von einem Bierbecher getroffen worden und lieferte sich zu diesem Zeitpunkt ein Wortgefecht mit Gonçalo Gregorio.
Ritter hatte sich allerdings schon weggedreht, die Gemüter schienen sich beruhigt zu haben. Bis Nijhuis herangestürmt kam, eine Rudelbildung entstand – und beide Fanlager durchdrehten. Ob der Waldhof-Keeper sich schlicht nicht unter Kontrolle hatte oder ob er seine eigene Fankurve noch mal für die Nachspielzeit in Form bringen wollte, sei dahingestellt. Auch diese Verhaltensweise folgt einem Muster. Schon in der Vorwoche, beim ebenfalls brisanten Spiel gegen den KSC, hatte Ritter nach wenigen Minuten die ersten ernsten Gespräche mit dem Referee führen müssen. Es war aber auch gut zu erkennen gewesen, dass die KSC-Spieler Zweikämpfe mit Ritter regelrecht gesucht hatten.
Genauso hielten es am Freitag die Waldhöfer Spieler – womöglich auch in der Hoffnung, einen Platzverweis für einen Spieler zu provozieren, der bei Derbys ausschließlich aus Adrenalin zu bestehen scheint, der aber seine letzte rote Karte in der Saison 2013/2014 gesehen hat. Ritter mag ein Provokateur sein, er weiß aber genau, welche Linie er nicht überschreiten darf, um auf dem Platz zu bleiben.
Mannheims Trainer Rui Mota verweigert FCK-Coach Torsten Lieberknecht den Handschlag
Zum Deeskalationstrainer taugt er allerdings genauso wenig wie sein Coach Torsten Lieberknecht. Der schaut nach brisanten Spielen immer besonders treuherzig drein, überzieht dem Vernehmen nach aber während der Partien verbal schon mal deutlich. Sein Mannheimer Kollege Rui Mota („Ich bin kein Heuchler“) verweigerte Lieberknecht nach dem Spiel den Handschlag und begründete das später so: „Du musst dich auch während des Spiels benehmen. Danach braucht man mir nicht kommen mit ‚Gut gespielt, wir haben gewonnen‘. Ich treibe mein Team auch an, und die andere Seite macht das auch – aber jemanden zu bedrohen, das ist nicht der Weg.“ Auch Marlon Ritter trug nach dem Spiel noch markige Sprüche zu den Ereignissen bei („Da war noch Pferdescheiße im Sechzehner“) und konterte die Kritik des ehemaligen Bundesliga-Torwarts Schober mit einer Stichelei wegen dessen unglücklicher Rolle bei Schalkes dramatisch verpasster Meisterschaft 2001 („Hätte er den Ball damals weggeschossen, wäre Schalke Meister geworden.“)
FCK-Geschäftsführer Thomas Hengen verurteilte die Geschehnisse auf den Tribünen. „Was auf den Rängen abgegangen ist, war furchtbar – von beiden Seiten. So darf ein Derby nicht ausarten, das schadet uns und dem Fußball“, sagte Hengen. Zwischenzeitlich habe er nicht geglaubt, dass die Partie zu Ende gespielt werden könne – Schiedsrichter Robert Schröder war schwer gefordert. Dass FCK-Spieler Ibrahim Kanaté kurz vor Ablauf der Verlängerung den Siegtreffer für seine Mannschaft erzielte, war am Ende bloß eine Randnotiz.

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