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Dachau - SZ.de · Aug 18, 2026

Tradition und Klimawandel: Volksfeste: Drohnen-Show statt Feuerwerk

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Gregor Schiegl, Kerstin Vogel, Stefan Salger, Thomas Daller, Barbara Mooser · Süddeutsche Zeitung

Feuerwerke sind traditionelle Höhepunkte vieler Volksfeste in Oberbayern. Oder vielleicht sollte man besser sagen: Sie waren es. In Dorfen im Landkreis Erding musste das Spektakel heuer abgesagt werden, ausgerechnet im Jahr des 150-jährigen Bestehens des Dorfener Volksfests. Zum Jubiläum war ein besonders imposantes Feuerwerk mit eigens komponierter Musik geplant. Am Abschussplatz steht alljährlich die Dorfener Feuerwehr mit einem Löschfahrzeug bereit, um notfalls glimmende Raketenreste zu löschen. Doch selbst dem verantwortlichen Pyrotechniker war das Risiko zu hoch. Zu trocken. So ist es gerade überall in der Region.

Das traditionelle Feuerwerk am Ebersberger Volksfest wurde ebenfalls abgesagt. Bürgermeister Ulrich Proske, langjähriger Kommandant der örtlichen Feuerwehr, hatte das knochentrockene Stoppelfeld am Abbrennplatz noch kurz zuvor inspiziert. Für ihn war klar, dass es viel zu gefährlich wäre, Feuerwerkskörper zu zünden. Als die Wirte die Absage verkündeten, applaudierten einige Besucher. Es ist nicht der erste trockene Sommer, aber so schlimm wie jetzt war es noch nie. Die Vegetation ist ausgetrocknet, die Wiesen sind braun, selbst die Bäume lassen die Blätter hängen.

Und wie es sich abzeichnet, macht der Klimawandel auch vor dem Brauchtum nicht Halt: In Dachau wurde das Feuerwerk 2015 verschoben, 2022 wieder – und in diesem Jahr wurde es ganz abgesagt. „Auch ein möglicher Gewitterschauer in den nächsten Tagen würde an der außergewöhnlichen Trockenheit nichts ändern“, begründete die Stadt Dachau ihre Entscheidung. „Das Abbrennen eines Feuerwerks wäre in dieser Woche nicht zu verantworten.“ Es ist kein Sommer für Feuerwerke.

Die Show könnte ein Wegweiser für künftige Volksfeste sein

In Dachau haben Stadt, Wirtsleute und Schausteller in einem gemeinsamen Kraftakt kurzfristig eine pyrotechnikfreie Alternative organisiert: 200 Drohnen formten ein Riesenrad, ein Kinderkarussell und einen Masskrug, der sich langsam füllt. Sogar das ausgefallene Feuerwerk erschien am Himmel, begleitet von Musik der Toten Hosen und Feuerwerksgeräuschen.

„Es ist ein Testballon“, sagt Dachauer Kulturamtsleiter Tobias Schneider. Und vielleicht ein Wegweiser für die Zukunft bayerischer Volksfeste. Nach Angaben Schneiders kamen an diesem Tag etwa 30 000 Besucher; wegen drohender Überfüllung mussten die Zugänge zur Thoma-Wiese während der Show vorübergehend geschlossen werden. Danach: Jubel, lautstarker Applaus. Die Kombination aus Lichtern und Musik begeisterte auch Schneider: „Das war stellenweise schon Gänsehaut-Feeling.“ Von negativen Reaktionen habe er nichts mitbekommen.

Es war einmal: das Feuerwerksspektakel am Dachauer Volksfest 2023.

Es war einmal: das Feuerwerksspektakel am Dachauer Volksfest 2023.

Toni Heigl
Die Feuerwerkssequenz der Drohnenshow ist nicht ganz so eindrucksvoll wie das Original. Die Besucher zeigen sich trotzdem begeistert.

Die Feuerwerkssequenz der Drohnenshow ist nicht ganz so eindrucksvoll wie das Original. Die Besucher zeigen sich trotzdem begeistert.

Niels P. Jørgensen
Verschiedene Volksfestmotive leuchten über dem Altstadtberg am Himmel.

Verschiedene Volksfestmotive leuchten über dem Altstadtberg am Himmel.

Niels P. Jørgensen
Ein Schriftzug am Himmel – das soll ein Pyrotechniker erst einmal nachmachen.

Ein Schriftzug am Himmel – das soll ein Pyrotechniker erst einmal nachmachen.

Niels P. Jørgensen

Im Dachauer Stadtrat ist das Feuerwerk ein echtes Politikum: Das Volksfest hat für viele Dachauer einen so hohen Stellenwert, dass sie sich eigens Urlaub nehmen, um möglichst viel davon mitzuerleben.  Stadtrat Wolfgang Moll (Wählergruppe Wir) setzt sich schon seit Jahren dafür ein, das Feuerwerk abzuschaffen, nicht nur auf dem Volksfest. Für ihn ist das Böllern und Verschießen von Raketen einfach nicht mehr zeitgemäß: der Feinstaub, der Lärm, der Müll. „Auch für die Tiere ist es eine enorme Belastung.“

Deswegen hat er immer wieder dafür geworben, das Feuerwerk durch eine Laser-Show zu ersetzen. Dafür plädiert er schon seit Jahren – bisher stets vergeblich. Rückendeckung bekam er nur von den Grünen, aber die Mehrheit folgte stets der Linie von Volksreferent Robert Gasteiger von den Bürgern für Dachau (BfD): „Entweder wir machen’s traditionell oder gar nicht.“ Das Dachauer Volksfest ist schließlich keine x-beliebige Kirmes. Seine Wurzeln reichen bis ins 17. Jahrhundert zurück, als die Leute sich noch bei Pferderennen vergnügten. Das moderne, offizielle Volksfest gibt es in Dachau seit 1887, seit 1934 gehört auch ein Feuerwerk dazu.

Moll lässt das nicht gelten. Tradition wandle sich schließlich auch, sagt er: „Mit dem Messer darf man ja heute auch nicht mehr ins Festzelt.“ Und Volksfestreferent Robert Gasteiger wirbt jetzt offensiv für einen neuen Kurs. „Wir müssen uns nach Alternativen zum Feuerwerk umsehen“, sagt er. „Die Hitze, die Trockenheit – das wird es in Zukunft eher häufiger geben.“ Der Klimawandel verändert auch politische Positionen.

Die Liebe zum Feuerwerk ist noch nicht erloschen

Die Firma Himmelsschreiber aus Unterhaching organisiert seit 50 Jahren große Feuerwerke. Sebastian Ruppert kommt in Bayern viel herum: auf Volksfesten, Firmenfeiern und Jubiläumsveranstaltungen. Ihm ist nicht bange, dass seine Dienste bald nicht mehr gefragt sein könnten. Das Interesse an Feuerwerken sei ungebrochen groß, sagt er, die Leute liebten es. Die Belastung für Menschen, Tiere und Umwelt, sagt Ruppert, sei überschaubar. Die CO₂-Bilanz einer Drohnen-Show sei schlechter als beim Feuerwerk, sagt er. Außerdem sei sie um ein Vielfaches teurer. In Dachau haben Stadt, Wirte und Schausteller für die Show zusammen 25 000 Euro bezahlt.

Könnte man sich das ganze Spektakel dann nicht einfach sparen, wie es die Stadt Fürstenfeldbruck vormacht? Bei ihrem Volksfest verzichtet sie auf Feuerwerk ebenso wie auf eine Lichter-Show. Für Dachaus Kulturamtsleiter ist das keine Option. „Das Feuerwerk ist ein Publikumsmagnet“, sagt Schneider. Welchen Stellenwert das Spektakel für viele Besucher hat, lasse sich schon an den Reaktionen auf die Absage ablesen: Im Internet gingen laut Schneider etwa 1300 Reaktionen ein. „Es ist eben auch ein großes Gemeinschaftserlebnis.“

Das sieht im Übrigen auch der Deutsche Schaustellerbund so. In einem Positionspapier schreibt er: „Das Höhenfeuerwerk ist traditionsreicher Höhepunkt vieler Volksfeste, der eine einzigartige Stimmung schafft.“ Jenseits des emotionalen Werts ist das Feuerwerk auch ein Wirtschaftsfaktor, weiß Volksfestreferent Gasteiger. Bietet das Rahmenprogramm eine besondere Attraktion, schnellt die Besucherzahl erfahrungsgemäß um einige Tausend nach oben. Und fast jeder kauft und konsumiert. Das rechnet sich.

Drohnen-Show mit Lokalkolorit

Die Frage ist nur: Können Formate wie die Drohnen-Show ein Feuerwerk wirklich ersetzen? „Es ist schon etwas anderes“, sagt Volksfestreferent Gasteiger. Andererseits sei ein Feuerwerk ja „im Grunde immer dasselbe“. Die Drohnen-Show eröffne ganz neue Möglichkeiten der individuellen Gestaltung. Das letzte Bild am Donnerstagabend war der leuchtende Schriftzug „Dachauer Volksfest“. Das hat Gasteiger besonders gut gefallen. Wie es weitergeht, müsse nun die Politik entscheiden, sagt Kulturamtsleiter Schneider. Organisatorisch und wirtschaftlich sei es jedenfalls nicht zu leisten, parallel ein Feuerwerk und eine Drohnen-Show vorzubereiten.

Zu früh sollte man das Ende des Raketenzeitalters allerdings nicht verkünden: Beim Freisinger Volksfest ist für den 9. September 2026 ein „großes Brillant-Feuerwerk“ angekündigt.

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