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Reisen | RP ONLINE · Aug 21, 2026

Italien: Wo einem in Palermo ein Graf die Türe öffnet

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unbekannt · RP ONLINE

Italien Wo einem in Palermo ein Graf die Türe öffnet

22.08.2026 · 00:21 Uhr

Das Esszimmer ist Giuseppe Garibaldi gewidmet, mit dem die Familie damals eng verbunden war.

Foto: Brigitte Geiselhart

Mitten in der Altstadt von Palermo lebt eine Adelsfamilie in einem der ältesten Paläste Siziliens – und öffnet ihr Zuhause für Besucher. Wer den Palazzo Conte Federico betritt, erlebt keine Museumsführung, sondern eine persönliche Begegnung mit lebendiger Geschichte.

Palermo ist eine Stadt der Gegensätze. Zwischen bröckelnden Fassaden und prachtvollen Kirchen, zwischen arabischen Kuppeln, normannischen Mosaiken und hupenden Motorrollern scheint hier jede Epoche gleichzeitig präsent zu sein. Auf dem Weg durch die engen Gassen der Altstadt, vorbei an der Via Maqueda und dem Corso Vittorio Emanuele II., hinein in das Stimmengewirr rund um den Markt Ballarò, ahnt man kaum, dass sich hinter einer unscheinbaren Fassade einer der faszinierendsten Orte der Stadt verbirgt.

Dann öffnet sich ein schweres Tor – und plötzlich steht man im Innenhof des Palazzo Conte Federico. Ein feuerroter Fiat Balilla 508 Sport glänzt unter den alten Mauern. Über den Köpfen erhebt sich ein normannisch-arabischer Turm aus dem 12. Jahrhundert, einer der letzten drei erhaltenen Türme der mittelalterlichen Stadtmauer von Palermo. Und ehe man sich versieht, begrüßt einen Nicoló Federico persönlich.

„It’s not a museum, it’s a home“, sagt der junge Conte lächelnd zu den zwölf Besuchern seiner Führung. „Unser Palazzo ist kein Museum wie andere Paläste – er ist unser Zuhause.“ Und genau das macht den Reiz dieses Ortes aus. Zwischen barocken Fresken, jahrhundertealten Fliesen und historischen Möbeln stehen ganz selbstverständlich Computer, Kinderspielzeug und moderne Sessel. Die beiden Hauskatzen Caruso und Mady streifen durch die Räume oder schlafen eingerollt auf den Sofas. Geschichte ist hier nichts Abgeschlossenes – sie lebt weiter.

Die Familie Federico führt ihre Abstammung auf Friedrich von Antiochia zurück, den unehelichen Sohn des Stauferkaisers Friedrich II., der einst König von Sizilien war. Die heutige Contessa Alwine Federico erzählt die Familiengeschichte mit österreichischem Charme und feinem Humor. „Das war unser Glück“, sagt sie lachend. „Die offiziellen Nachfahren des letzten Stauferkaisers wurden innerhalb von ein bis zwei Generationen ausgerottet. Nur unser unehelicher Familienzweig hat bis heute überlebt.“

Ein feuerroter Fiat Balilla 508 Sport findet sich im Eingangsbereich zum Palazzo Conte Federico.

Foto: Brigitte Geiselhart

Seit fast 400 Jahren lebt die Familie in diesem Palazzo. Mitte des 17. Jahrhunderts kaufte Gaspare Federico ein ehemaliges Hospiz eines Mönchsordens und verwandelte es in einen Adelssitz. Noch heute wohnen hier Graf Alessandro Federico, seine Frau Alwine und ihre beiden Söhne Andrea und Nicoló. Der Weg durch die Räume gleicht einer Wanderung durch die Jahrhunderte. Weil der Palazzo entlang der alten Stadtmauer gebaut wurde, verläuft er leicht gebogen. Blickt man durch die geöffneten Türen, erkennt man die geschwungene Linie des Hauses gut.

Dann öffnet sich der Ballsaal. Majolika-Fliesen bedecken den Boden, handbemalt und erstaunlich lebendig. „Kommt ruhig herein“, fordert Nicoló die Besucher auf. „Das wurde gemacht, um darauf zu tanzen.“ Auf den Fliesen erkennt man einen Stadtplan Palermos aus dem 12. Jahrhundert – damals noch eine Insel zwischen zwei Flüssen und dem Meer. Über den Köpfen schimmert das berühmte Deckengemälde von Gaspare Serenario. Wer genau hinsieht, entdeckt das Dreieck mit dem Auge – ein versteckter Hinweis auf die Freimaurer, mit denen die Familie eng verbunden war.

Auch Richard Wagner war hier zu Gast. Sein Porträt hängt an der Wand, und auf dem Konzertflügel soll der Komponist 1882 gespielt haben, während er in Palermo weilte. Neben Wagner findet sich Giuseppe Garibaldi in den Familiengeschichten wieder. Ein ganzer Speisesaal ist dem italienischen Freiheitskämpfer gewidmet. „Garibaldi war mit unserer Familie verbunden“, erzählt Andrea Federico später.

Besonders eindrucksvoll ist der Blick in die privaten Räume der Familie. Im Arbeitszimmer der Gräfin stehen Computer und Medaillen ihrer Schwimmwettbewerbe neben historischen Möbeln. Ein Porträt zeigt sie im Ballkleid. „Na ja, eine Opernsängerin bin ich nicht“, sagt die Contessa schmunzelnd. „Ich singe halt leidenschaftlich gerne.“

Auch das ehemalige Schlafzimmer des Grafenpaares dürfen Besucher sehen – inklusive Himmelbett und Blick in den Innenhof. „Vor zwanzig Jahren haben meine Eltern hier noch geschlafen“, erzählt Nicoló trocken. „Aber inzwischen gibt es hier zu viel Verkehr.“ Über eine enge Treppe gelangt man in die alte Küche des 17. Jahrhunderts. Dort stehen gusseiserne Bügeleisen, antike Küchenutensilien und ein kleiner Holzschrank mit Metallgittern. „Das war der Vorläufer des Kühlschranks“, erklärt Nicoló grinsend. „Mit Eisblöcken hielt man hier im Sommer Lebensmittel kühl.“

Wenige Stufen weiter beginnt der älteste Teil des Hauses: der arabisch-normannische Wehrturm aus dem 12. Jahrhundert. Dicke Mauern, schmale Schießscharten und zwei geheimnisvolle Schächte erzählen von einer Zeit, als Palermo unter arabischer Herrschaft stand. „Das war eine Art mittelalterliche Klimaanlage“, erklärt Nicoló und zeigt auf die Schächte.

Durch den Turm gelangt man in einen Saal aus dem 14. Jahrhundert. Unter Glas im Boden sind freigelegte Renaissance-Dekorationen sichtbar, darüber spanische Fenster und barocke Elemente. „Bei jeder Renovierung entdecken wir etwas Neues. Dieser Raum ist wie ein Time Lab“, sagt Nicoló. Tatsächlich scheint hier jede Epoche Palermos gleichzeitig anwesend zu sein.

Unten wartet noch der „Racing Room“ des Grafen Alessandro. Pokale, Urkunden und Fotos dokumentieren seine Leidenschaft für Autorennen. Deshalb nannte man ihn einst den „Flying Count“. Selbst mit über 80 Jahren startete er noch bei Rennen in Tunesien. „In Italien durfte er irgendwann nicht mehr fahren“, erzählt sein Sohn lachend. „Also ist er eben ins Ausland gegangen.“

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