Gott und die Welt Wer alles will, muss entscheiden (
22.08.2026 · 05:00 Uhr
Düsseldorf · Wer alles haben will, muss entscheiden, was wirklich zählt. Der 27. Psalm zeigt: Die eigentliche Kunst des Wünschens beginnt erst danach.
Wer plötzlich einen Wunsch frei hat, ist damit in der Regel überfordert. Nicht, weil wir zu bescheiden wären, sondern weil die Frage ungeübt ist: Was wünsche ich mir eigentlich? Der 27. Psalm, der in diesen Wochen gelesen wird, enthält eine klare Antwort: „Eines erbitte ich, das will ich suchen“: in der Gegenwart Gottes zu sein, Gottes Freundlichkeit zu erfahren und Einsicht zu gewinnen. Auffällig ist, was hier nicht erbeten wird. Obwohl der Psalm vor Bedrohung und Angst strotzt, bittet der Mensch nicht darum, dass seine Gegner verschwinden; auch nicht um Gesundheit, Erfolg oder Sicherheit. Stattdessen sagt er, was er im Leben sucht, keine simplen Wünsche, die sich einfach abhaken ließen. Es geht um eine Art zu leben. Und selbst nachdem das ausgesprochen wurde, ist die Sache nicht erledigt. „Das will ich suchen“, heißt es. Wer herausgefunden hat, was ihm wirklich wichtig ist, muss es immer wieder suchen. Denn auch ein klarer Wunsch nimmt einem nicht die Angst. Der Psalm beginnt selbstbewusst: „Wen sollte ich fürchten?“ Wenige Zeilen später klingt es ganz anders: „Verlass mich nicht.“ Beides gehört zusammen. Man kann wissen, was einem wichtig ist, und trotzdem Angst haben. Man kann Vertrauen haben und trotzdem zweifeln. Wir leben in einer Zeit, in der wir am liebsten alles gleichzeitig hätten: beruflichen Erfolg und Zeit für die Familie, Sicherheit und Freiheit, Wohlstand und eine offene Welt, Veränderung und möglichst keine Zumutung. Viele öffentliche Debatten drehen sich um solche widersprüchlichen Wünsche. „Eines erbitten“ heißt deshalb nicht, nur noch einen einzigen Wunsch haben zu dürfen. Es heißt, sich zu fragen: Was ist mir wichtiger als anderes? Wofür will ich mich anstrengen? Und worauf bin ich bereit zu verzichten? Das ist keine religiöse Frage. Aber es ist eine wichtige Frage für jedes Leben. Denn wer alles will, muss irgendwann entscheiden, was wirklich zählt. Vielleicht ist das die eigentliche Kunst des Wünschens: nicht möglichst viel zu bekommen, sondern herauszufinden, was man wirklich will.
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