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Politik | RP ONLINE · Aug 21, 2026

Schulfrei sorgt für Stress: Eltern stöhnen unter monatelangen Ferien

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Christine Longin, Thomas Spang, Sina Zehrfeld, Nicole Lange · RP ONLINE

Schulfrei sorgt für Stress Eltern stöhnen unter monatelangen Ferien

21.08.2026 · 12:21 Uhr

 Urlauber genießen einen Sommertag auf Mallorca.

Urlauber genießen einen Sommertag auf Mallorca.

Foto: Clara Margais

Düsseldorf · In Deutschland wird darüber gestritten, welche Bundesländer wann schulfrei haben. In Spanien, Frankreich oder den USA ist eher die schiere Dauer der Ferien das beherrschende Thema. Eltern stöhnen unter der Organisation der Betreuung.

Während sich in Nordrhein-Westfalen die Sommerferien dem Ende zuneigen, schwelt der Streit um eine gerechte Verteilung der Ferientermine innerhalb Deutschlands weiter. Im Zentrum steht die Forderung aus dem bevölkerungsreichsten Bundesland, bei den späteren Terminen im Jahr zum Zug zu kommen und nicht mehr im Juni in die Ferien starten zu müssen. Gestritten wird in diesem Kontext vor allem um die Extrawurst für Baden-Württemberg und Bayern, die immer die spätesten Termine besetzen und davon auch nicht abrücken wollen.

Aber nicht nur in Deutschland führen die Sommerferien regelmäßig zu hitzigen Debatten. In anderen Ländern steht dabei meist ein anderes Thema im Vordergrund: die schiere Dauer der schulfreien Zeit und wie Eltern sie bewältigen.

Spanien fürchtet Lernverlust während langer Ferien

„Was mache ich mit den Kindern?“ So brachte der spanische Radiosender SER dieser Tage die Frage auf den Punkt, die sich im August in unzähligen spanischen Haushalten stellt. Denn während die Kinder im Sommer zweieinhalb Monate schulfrei haben, arbeiten ihre Eltern weiter. Wer Großeltern hat, bringt die Kinder zu ihnen. Wer es sich leisten kann, bucht ein Ferienlager oder eine Sommerschule. Und wer weder das eine noch das andere hat, beginnt, zu rechnen und Urlaubstage zwischen Vater und Mutter aufzuteilen.

Die 17 spanischen Regionen legen ihre Schulkalender zwar selbst fest, doch bei den großen Ferien liegen sie dicht beieinander. Meist endet der Unterricht in der zweiten Junihälfte, Anfang oder Mitte September geht es wieder los. Dazwischen liegen zehn, elf, manchmal fast zwölf schulfreie Wochen. Die Familien müssen ein regelrechtes Tetris spielen, um die schulfreien Tage abzudecken“, erklärt der Familienverband Alianza por la Crianza (Bündnis für die Erziehung). „Das ist ein gesellschaftliches Problem.“

Ob eine so lange Sommerpause noch in die Zeit passt, wird in Spanien seit Jahren diskutiert. In diesem Sommer geht es dabei vor allem um die Folgen. Eine davon ist nach Meinung von Bildungsforschern der Lernverlust während der langen Ferien. Vor allem Fähigkeiten, die über Wochen wenig gebraucht werden, könnten nachlassen. Besonders deutlich zeige sich das in der Mathematik.

Einfach die Ferien zu kürzen, ist allerdings für Spanien auch keine überzeugende Lösung. Pädagogen weisen darauf hin, dass Kinder nach einem langen Schuljahr Erholung brauchen. Die spanische Bildungsexpertin Alejandra Melús hält auch wenig davon, Kinder in den Ferien mit Arbeitsblättern und Nachhilfe zu beschäftigen. In einem Beitrag für Spaniens größte Tageszeitung El País plädiert sie für spielerisches Lernen und vor allem für Erholung.

Spanien hat außerdem einen starken Einwand gegen kürzere Sommerferien, gegen den sich schwer argumentieren lässt: das Thermometer. In Sevilla, Córdoba oder Madrid sind Temperaturen von 40 Grad im Juni und auch noch Anfang September längst keine Seltenheit. Viele ältere Schulgebäude sind auf solche Hitze nicht ausreichend vorbereitet und haben oftmals auch keine Klimaanlagen. Wer das Schuljahr weiter in den Sommer hinein verlängern oder schon Ende August wieder beginnen lassen will, müsste also vielerorts zunächst die Klassenzimmer hitzetauglich machen.

In Frankreich sind Juli und August komplett frei

In Frankreich haben Schülerinnen und Schüler den ganzen Juli und August frei, also acht Wochen. Da im Juni die Abiturprüfungen und der Mittelstufenabschluss stattfinden, beenden viele Schulen den Unterricht sogar noch früher. Die Sommerpause dauert dann oft zehn Wochen – in denen das öffentliche Leben mancherorts geradezu lahmgelegt scheint: Großstädte leeren sich spürbar, kleine Geschäfte machen Sommerpause.

Der französische Präsident Emmanuel Macron schlug im Februar in einem Interview mit der Videoplattform Brut vor, die Sommerferien zu verkürzen. „Man könnte schon im August wieder anfangen und etwas später in die Ferien starten. Ein guter Monat Sommerferien wäre denkbar“, sagte er da.

Auch für die französischen Eltern bedeuten die langen Ferien Probleme bei der Kinderbetreuung. Die Schulen bieten zwar in den Ferien „centres aérés“ an, wo die Kinder spielen, basteln oder Sport machen. Doch nach Skandalen um sexuelle Gewalt in der Kinderbetreuung an Schulen suchen Eltern in den Ferien nach anderen Lösungen. Oft müssen die Großeltern die Enkel mehrere Wochen lang betreuen.

Gleichzeitig lehnen laut einer Umfrage des Fernsehsenders TF1 rund zwei Drittel der Eltern kürzere Sommerferien ab. Sie wünschen sich stattdessen selbst mehr Urlaub. Auch die Tourismusbranche ist gegen eine kürzere Sommerpause an Schulen. Dabei gehört Frankreich laut dem europäischen Bildungsinformationsnetzwerk Eurydice zu den Ländern mit den meisten Ferien: Im Jahresverlauf gibt es alle sieben Wochen zwei Wochen frei. 2023 belegte Frankreich mit 121 Ferientagen den siebten Platz in Europa. Norwegen, die Niederlande und Dänemark zählten dagegen nur 87 Ferientage. Deutschland tauchte in dem Vergleich nicht auf, da die nach Bundesländern aufgeteilten Ferienzeiten eine Erfassung erschwerten.

Im Winter und im Frühjahr gibt es übrigens auch im zentralistischen Frankreich eine Einteilung der Ferien in drei Zonen: A umfasst die Mitte des Landes, B den Norden und C den Süden sowie den Großraum Paris. Die Dreiteilung soll verhindern, dass alle gleichzeitig in Urlaub fahren. Im Sommer sowie an Weihnachten und Allerheiligen haben alle Kinder gleichzeitig frei.

USA haben bis zu zwölf Wochen Ferien

In den USA dauern die Sommerferien, je nach Schuldistrikt, sogar bis zu drei Monaten: So reichen sie vom Memorial Day Ende Mai bis zum Labor Day Anfang September. Familien müssen diese Wochen allein überbrücken – ein großes logistisches Problem, weil berufstätige Eltern im Schnitt nicht mehr als zwei Wochen Urlaub haben. Nur wenige können es sich leisten, dass ein Elternteil sich in den Sommerferien freinimmt – zumal auch die oft angebotenen Sommercamps eine teure Lösung sind.

Der Soziologe Karl Alexander von der Johns-Hopkins-Universität hat in seiner Baltimore-Längsschnittstudie gezeigt, dass im Sommer „bis zu zwei Drittel des Bildungsgefälles zwischen den Schichten” entsteht. Wohlhabende Eltern könnten ihren Kindern in dieser Zeit bereichernde Camps finanzieren, während ärmere Familien außen vor bleiben. Die Brookings Institution schätzt den Lernabstand zu Beginn des neuen Schuljahrs auf 25 bis 30 Prozent.

Hinzu kommen weitere finanzielle Herausforderungen, weil in den Ferien für Kinder aus armen Familien die Schulspeisung entfällt. Betroffen sind 21 Millionen Schüler, die während des Schuljahres kostenloses oder verbilligtes Mittagessen bekommen.

Die gängige Erklärung, die langen Ferien stammten aus der Zeit, als Kinder auf dem Feld helfen mussten, gilt in der Forschung als Volksmythos. Der Historiker Kenneth Gold vom College of Staten Island belegte, dass Kinder im frühen 19. Jahrhundert auch im Sommer zur Schule gingen. In New York öffneten die Schulen 1842 an 248 Tagen. Die Sommerpause entstand erst nach dem Bürgerkrieg in den Städten, wegen Hitze, Seuchenangst und der Sommerflucht der Mittelschicht.

Reformer dringen seit Jahren auf eine Modernisierung. Präsident Barack Obama forderte schon 2009, das Schuljahr auf einen Ganzjahresbetrieb umzubauen. Andere Reformer wollen die Ferien verkürzen oder Alternativen zu den teuren kommerziellen Camps fördern.

Kirchen, Kommunen und Vereine bieten günstigere Programme an. Doch die Plätze reichen bei Weitem nicht. Zumal die Trump-Regierung seit Juli 2025 mehr als sechs Milliarden Dollar an Bundesmitteln unter anderem für Nachmittags- und Sommerprogramme gestrichen hat. Auch für die Lehrer sind die langen Sommerferien ein Problem. Je nach Schuldistrikt werden sie in dieser Zeit nicht bezahlt. Um über die Runden zu kommen, bewerben sich viele dann als Betreuer in kommerziellen Sommercamps.

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