„The Shards“ Diese Serie ist so prickelnd wie eine leere Champagnerflasche
20.08.2026 · 10:04 Uhr
Düsseldorf · Ryan Murphys „The Shards“ sieht aus wie eine sündhaft teure High-Society-Serie: schöne Menschen, Traumautos, Palmen, Designerklamotten und ein großartiger Soundtrack. Nur das Wichtigste fehlt: eine Geschichte, die einen interessiert.
Bei Ebay bieten manche Menschen Dom-Pérignon-Flaschen ohne Inhalt an. Sie kosten zwischen 15 und 30 Euro. Wenn man Originalkorken und -Karton auch noch haben möchte, erhöht sich der Preis je nach Edition auf bis zu 80 Euro. Wofür braucht man so etwas? Wer kauft das? Keine Ahnung. Sicher ist nur, dass die neue Serie „The Shards“genauso funktioniert. Sieht teuer aus, verspricht großen Prickel, ist aber leer und ein bisschen bescheuert.
„The Shards“ ist die auf neun Folgen gedehnte Verfilmung des bislang letzten Romans von Bret Easton Ellis. Ellis hat einige Passagen geschrieben, die zum Besten gehören, was in den vergangenen Jahrzehnten in der amerikanischen Literatur entstanden ist. Man findet sie vor allem in „Unter Null“ und „American Psycho“, in Texten also, die konsequent sind und radikale Bilder für die Gegenwart gefunden haben. Immer mal wieder blitzt dieses Genie in späteren Veröffentlichungen durch, doch letztlich blieb Easton Ellis ein Schriftsteller, den man weiterhin lieben wollte, es aber nicht konnte.
Schönheit und die Langeweile reicher junger Menschen
Der 2023 erschienene Roman „The Shards“ wirkte zunächst wie ein Ventil. Auf den 700 Seiten kehrte Easton Ellis zu den Themen zurück, für deren Ausgestaltung er so geliebt wird: die 1980er-Jahre in Kalifornien, die Schönheit reicher junger Menschen, die Langeweile schöner reicher junger Menschen und die Bedrohung durch einen Killer. Das Problem, das man beim Lesen zunächst mühsam kleinzuhalten versuchte, das aber immer größer wurde: Der Text wirkt, als sei er von jemandem geschrieben worden, der exakt so klang wie der junge Bret Easton Ellis, es aber nicht war. Das ließ ihn eigenartig synthetisch wirken. „Es hätte so schön sein können“, seufzte man beim Umblättern jeder Seite.
Was man der Serie zum Buch nun nicht vorwerfen kann: dass sie nicht schön ist. L.A. sieht unheimlich toll aus, Sonnenschein und Palmen, gnadenlos mit Farbe aufgepumpt. Auf den Straßen fahren ausschließlich Traumautos, Porsche 911, Mercedes 450 SL – puh. Willkommen im Themenpark 1981. Die reichen und gelangweilten jungen Menschen wirken wie Models aus der Ralph-Lauren-Werbung. Und wie es bei solchen Ausstattungsorgien oft so ist, mutet ihre Kleidung einen Hauch zu neu und allzu gebügelt an, als dass es natürlich wirken würde.
Graham Campbell als Thom (von links), Kaia Gerber als Susan, Igby Rigney als Bret, Hayes Warner als Debbie und Homer Gere in „The Shards“.
Foto: Pari Dukovic/FX/Disney+/dpa/Pari Dukovic
Kaia Gerber und Homer Gere spielen mit
Auf dem Papier ist es eine gute Idee, die Hauptfiguren mit Kindern berühmter Menschen zu besetzen: mit Kaia Gerber etwa, selbst Model und außerdem Tochter von Cindy Crawford. Oder mit Homer Gere, dessen Vater Richard Gere einst mit Cindy Crawford liiert war. Allerdings hat man wie damals bei „Beverly Hills, 90210“ ständig das Gefühl, die Darsteller seien eine Spur zu alt für ihre Rollen. Sie stehen größtenteils etwas lost in den Kulissen herum, als hätten sie Angst, dass ihre Kleidung verknittert. Und auch das Drehbuch tut ihnen nicht den Gefallen, Dialoge vorzugeben, die man mit Leben füllen könnte. Kostprobe: Er: „Ist scheiße, wenn Eltern sich scheiden lassen. Ich vermiss meinen Dad.“ Darauf sie: „Mein Gott, das ist mein Traum: all die Freiheit.“
Überhaupt: die Erwachsenen. Sie kommen in „The Shards“ so vor wie bei den „Peanuts“. Als abwesende Erscheinungen, von deren Existenz lediglich Trompetenquaken aus dem Off kündet.
Unlogische Handlung, aber toller Soundtrack
Die Handlung geht so, dass eine Gruppe elitärer Kinder mit Führerscheinen zu Beginn des Schuljahres einen Neuen in ihrer Runde begrüßt. Er ist rätselhaft, und bald entsteht der Verdacht, er könnte ein Serienmörder mit dem Namen „The Trawler“ sein. Dessen Handschrift, wenn man so will, besteht darin, Leichen mit Fischkadavern anzurichten. Logik ist hier nicht so wichtig, genau genommen sogar gar nicht wichtig, denn man fragt sich zwischendurch, warum die Polizei nicht häufiger eingeschaltet wird. Und wenn sie eingeschaltet wird, warum sie nicht ermittelt. Aber man fragt sich das nur kurz, denn dann wird wieder ein toller Song gespielt.
Der Soundtrack dieser Serie ist gigantisch. „Vienna“ von Ultravox, außerdem Duran Duran und Human League. „Year Of The Cat“ von Al Stewart hört man plötzlich ganz neu. Und „Rise“ von Herb Alpert ist ja wohl ein Hammer! Die enorm gute Liedauswahl könnte ein Hinweis darauf sein, dass man jede Folge vielleicht als verlängerten Videoclip mit ein paar Dialogen zwischen den Titeln begreifen könnte. Dann wären die Songs die eigentlichen Protagonisten.
Lieber Bret Easton Ellis lesen
Was sich Serienmacher Ryan Murphy dabei gedacht hat? Unklar. Von ihm stammen Serienhits wie „Glee“ und „American Horror Story“, und wenn es einen ästhetischen Clou gibt, der seiner neuen Produktion einen Sinn geben könnte, dann vielleicht dieser: Die Figuren sind so massiv und offensiv gelangweilt von ihrem Leben, dass man als Zuschauer irgendwann dieselbe Langeweile im eigenen Leben spürt.
Was also tun? Bret Easton Ellis lesen. Ihn vor diesen Bildern beschützen. Den Debütroman „Unter Null“. Erster Satz: „Auf den Freeways in Los Angeles werden die Leute auch immer rücksichtsloser.“ Muss man fühlen. Dann prickelt es.
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