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Kultur | RP ONLINE · Aug 20, 2026

Konzert in der Neanderkirche: Wo die Orgel Zeitgeschichte erzählt

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Regine Müller · RP ONLINE

Konzert in der Neanderkirche Wo die Orgel Zeitgeschichte erzählt

20.08.2026 · 11:16 Uhr

 Die Organistin Ute Gremmel-Geuchen.

Die Organistin Ute Gremmel-Geuchen.

Foto: Lübke/Neandermusik

Düsseldorf · Ute Gremmel-Geuchen, famose Organistin aus Kempen, spielte im neunten „Sommerlichen Orgelkonzert“ ein klug disponiertes Programm rund um Norbert Laufers Suite „Tempus fugit“.

Es muss sich anfühlen wie Nachhausekommen: Ute Gremmel-Geuchen, heute Titularorganistin an der 1752 erbauten Orgel der Paterskirche in Kempen, war in ihrer Jugend einst Schülerin von Oskar Gottlieb Blarr, der sagenhafte 38 Jahre Kantor und Organist an der Neanderkirche war. Nun sitzt die international konzertierende Solistin also wieder auf der Bank jener Orgel, die sie gut kennen muss, und ihr alter Lehrer und geistiger Urheber der „Sommerlichen Orgelkonzerte“ ist auch gekommen. Da liegt es nahe, über die Zeit nachzudenken, und wie sie vergeht, wie Dinge vergessen werden und wie sie wieder ins Bewusstsein finden.

Gremmel-Geuchen beginnt mit Bach. Was sonst, wenn es gilt, die Zeit erst einmal anzuhalten? Präludium und Fuge a-Moll BWV 543 entstanden in Bachs früher Weimarer Zeit, aber er ist hier schon ganz bei sich. Gremmel-Geuchen formuliert ganz frei, spielt auffallend gestisch und rhetorisch zugespitzt und registriert kontrastreich.

Es folgt die erste der beiden Bachschen Ciaconen, die erst im vergangenen Jahr wiederentdeckt und ihm zugeschrieben worden sind. Und damit ist der ein zweiter Bezug zu Gremmel-Geuchens Studiengeschichte fällig, denn es war ihr Amsterdamer Cembalo-Lehrer Ton Koopman, der im November 2025 in der Leipziger Thomaskirche die beiden Ciaconen erstmals der staunenden Öffentlichkeit präsentierte. Aber wie anders klingt dieser sehr frühe Bach nun an der Rieger-Orgel der Neanderkirche. Während Koopman in Leipzig den reifen Bach quasi mitdachte, spielt Gremmel-Geuchen die beiden Werke ganz bescheiden, schlicht, fast holzschnittartig, und lässt das Instrument gelegentlich schnarren wie eine spanische Renaissance-Orgel.

Dann kommen neue Töne: Norbert Laufers „Tempus fugit“-Suite besteht aus acht Sätzen, von denen drei mit „Maestoso“ übertitelt sind, einander in ihrer Struktur gleichen und das Werk ordnen. Sie beginnen jeweils mit wuchtigen Tutti, die von rezitativisch klingenden Passagen gefolgt werden, die wie frei improvisiert klingen und manchmal einstimmig vor sich hin sinnieren. Gremmel-Geuchen nutzt hier auch vibrato-satte Register. Im fünften Satz „Comodo, ma poco giocoso“ glaubt man freche Vogelstimmen zu hören, im letzten „Maestoso“ beenden insistierend geballte Klänge die farbenreiche, konzise Suite.

Nach der zweiten Bach-Ciacona kehrt Gremmel-Geuchen mit einem Stück aus „Trois Chorals pour Grand Orgue“ von César Franck schließlich zurück zur Tonart a-Moll von Bachs Präludium und Fuge vom Beginn. Mit strömendem Atem öffnet die Organistin das majestätische Tor zur großen französischen Orgel-Symphonik, die Rieger-Orgel rauscht und bringt den barocken Kirchenraum an seine Grenzen. Aber die Musikerin bleibt immer klar und durchhörbar, mühelos ist das Wandern der Themen durch die Lagen zu verfolgen.

Riesenapplaus in der gut gefüllten Neanderkirche, den Gremmel-Geuchen mit einem lustigen Rausschmeißer-Potpourri erdet, in dem sich Bachs Drittes Brandenburgisches, Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ und Widors Orgel-Toccata gegenseitig ins Wort fallen.

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