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Kultur | RP ONLINE · Aug 27, 2026

„Fremde“ von Belle Burden: Er ging zu seiner Geliebten – seine Frau schmierte ihm noch ein Sandwich

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Philipp Holstein · RP ONLINE

„Fremde“ von Belle Burden Er ging zu seiner Geliebten – seine Frau schmierte ihm noch ein Sandwich

27.08.2026 · 12:24 Uhr

Belle Burden wurde nach fast 21 Ehejahren plötzlich von ihrem Mann verlassen.

Belle Burden wurde nach fast 21 Ehejahren plötzlich von ihrem Mann verlassen.

Foto: Charmaine Burden/Luchterhand

Düsseldorf · Belle Burdens Buch über die plötzliche Trennung von ihrem Mann ist der Gesprächsstoff des Jahres in Amerika. Auch wegen der Einblicke in die High Society. Jetzt erscheint „Fremde" auf Deutsch – man kann es nicht weglegen.

Ihr Mann lieh sich das Wasserflugzeug seines Chefs, um nach Martha’s Vineyard zu fliegen und den Kindern persönlich zu sagen, dass er sich scheiden lassen möchte. Und weil er danach gleich wieder nach New York musste, bat er seine künftige Ex-Frau, ihm ein Sandwich für den Rückweg zu machen. Zeigte sie dem Kerl, der sie betrogen hat, einen Vogel? Nein. Sie schmierte ihm ein Brot, und zwar ein richtig gutes. „Vielleicht hoffte ich im Stillen, dass ihn das dazu bringen würde, zu bereuen, was er tat. Wie konnte er eine Frau verlassen, die ihm ein so tolles Sandwich macht?“

Seit Jahresbeginn spricht Amerika über dieses Buch. „Strangers“ von Belle Burden steht seit 28 Wochen auf den vorderen Rängen der US-Bestsellerliste, derzeit belegt es Platz drei. Die Autorin war zu Gast in den Talkshows von Oprah Winfrey und Drew Barrymore. In den Zeitungen erscheinen Debattenbeiträge. Gwyneth Paltrow soll die Hauptrolle in der geplanten Netflix-Verfilmung spielen.

Persönlicher Bericht einer Trennung

 Belle Burden (M.) mit ihrem im Buch „James“ genannten Ehemann 1999, dem Jahr ihrer Hochzeit.

Belle Burden (M.) mit ihrem im Buch „James“ genannten Ehemann 1999, dem Jahr ihrer Hochzeit.

Foto: BILL CUNNINGHAM/laif

Nun erscheint die deutsche Ausgabe unter dem Titel „Fremde“, und tatsächlich ist das ein Buch, über das man unbedingt mit anderen sprechen möchte. Es ist unheimlich gut gebaut und liest sich wie der aufgeräumte Bericht einer klugen Freundin, die man gebeten hat: „Erzähl mal von Anfang an.“ Burden erzählt in einem präzisen und zugleich warmen Ton, wie ihr Mann James sie nach knapp 21 Jahren verließ. Es waren die ersten Tage des Lockdowns, Burden hielt sich mit zwei ihrer drei Kinder im Ferienhaus auf Martha’s Vineyard auf, als sie den Anruf eines Unbekannten bekam: „Es tut mir leid, Ihnen das mitteilen zu müssen, aber Ihr Mann hat eine Affäre mit meiner Frau.“ Wenige Stunden später stand ihr Ehemann mit gepackter Tasche vor der damals 50-Jährigen: „Ich habe beschlossen, mich scheiden zu lassen. Ich gehe.“ Und dann ging er.

Belle Burden gehört zum Society-Adel New Yorks. Sie ist die Enkelin der Stilikone Babe Paley, die zu den „Schwänen“ im Gefolge von Truman Capote gezählt wurde. Als Nachfahrin der Vanderbilt-Dynastie wuchs sie auf der Upper East Side auf, wurde Anwältin und lernte im Job ihren späteren Mann kennen, der im Buch James heißt und als Hedgefonds-Manager arbeitet.

Das Buch ist jedoch keine „revenge lit“, keine Rache-Literatur einer privilegierten Frau also. Belle Burden möchte es eher als Warnung verstanden wissen, die über soziale Milieugrenzen hinweg gilt. „War ich mit einem Fremden verheiratet?“, fragt sie. Und sie sucht nach Hinweisen und Anzeichen, indem sie ihre Kindheit und Jugend abklopft, das Kennenlernen, die ersten Ehejahre. Während ihr Mann immer erfolgreicher wurde, kümmerte sie sich um Kinder und Haushalt. Sie gab alles Finanzielle an James ab, hatte keinen Überblick mehr über Einkünfte und das Vermögen. Und bei der Hochzeit änderte sie den Standard-Ehevertrag zu seinen Gunsten. Nun sorgte sie sich um ihre finanzielle Zukunft.

Schlüsselloch ins Leben der High Society

Zum Schlüsselloch-Effekt des Buches gehört, dass sich in Burdens Milieu zu den emotionalen Verheerungen einer derart plötzlichen Trennung sehr spezielle gesellschaftliche Folgen gesellen: Wer behält den für sehr viel Geld erkauften Schlüssel, der den Strandzugang in Martha’s Vineyard ermöglicht? Was wird aus dem Apartment in Manhattan? Wer von beiden darf im Tennisclub bleiben - und wer muss ausscheiden und sich nach drei Jahren Karenzzeit neu um Aufnahme bewerben?

Sehr zu empfehlen ist der Auftritt von Belle Burden bei Oprah Winfrey, man findet ihn bei YouTube. Die Gastgeberin empfängt die Autorin auf ihrer Terrasse, und sie sagt: „Du bist jede Frau.“ Das ist vielleicht auch das Geheimnis dieses Erfolgs: Burdens gesellschaftliche Herkunft mag vielen fremd sein, das Gefühl, von einem geliebten Menschen verlassen zu werden, ist es nicht. Ihre Geschichte ist eindrucksvoll, weil sie davon handelt, wie fremd einem eine geliebte Person werden kann. Burden verrät, dass in ihrer Familie fast alle Frauen von ihren Männern betrogen wurden. Die Frauen hätten das hingenommen und geschwiegen. Sie wolle dieses Muster nun durchbrechen.

Burden hatte einst Schriftstellerin werden wollen, machte in Creative-Writing-Seminaren in Harvard aber schlechte Erfahrungen mit harscher Kritik durch männliche Kommilitonen. Nach der Trennung besuchte sie einen Workshop für biografisches Schreiben und reichte eine erste Fassung der Scheidungsgeschichte bei der „New York Times“ für die viel gelesene Rubrik „Modern Love“ ein. Die Redakteure sagten, das Stück könne nur erscheinen, wenn sie bei James die Fakten checken dürften oder er seine Zustimmung gebe. Und obwohl sich seine wahre Identität leicht googeln lässt, stimmte er zu.

Der Artikel wurde zum Hit, und als Verlage Burden um eine Buchfassung baten, begann ein Bieterwettstreit. Den Zuschlag bekam Dial Press, ein Imprint von Penguin Random House, das sich auf „weibliche, von Herzen kommende Geschichten“ spezialisiert hat. Deren 43-jährige Verlegerin Whitney Frick wurde durch den Coup endgültig zum Star der Branche. Sie hat den Bestseller-Riecher, zu ihren größten Erfolgen gehört etwa „Hallo, du Schöne“ von Ann Napolitano.

Dokument der Verwandlung

In Zeitungskolumnen wird häufig eingewandt, Burden klage ihren Mann zwar nie an und lasse ihren Emotionen an keiner Stelle freien Lauf, dennoch schildere sie ausschließlich ihre eigene Sicht der Dinge. In den Kommentarspalten im Internet hingegen erhält sie dafür viel Zuspruch. Auch die Recherche des „New Yorker“ änderte daran nichts. Demnach habe Burden nie Angst vor Armut haben müssen. Sie habe zuletzt 800.000 Dollar im Jahr verdient. Außerdem seien sie und ihr Bruder Begünstigte eines Treuhandfonds in Höhe von 43 Millionen Dollar.

Ihre Verlegerin Whitney Frick nennt Burdens Darstellung die „emotionale Wahrheit“. Damit verteidigt sie die Subjektivität des Berichts: Er ist einseitig, aber das tut seiner Faszination keinen Abbruch. „Fremde“ dokumentiert eine Verwandlung. Burden findet ihre Stimme wieder und gewinnt ihr Selbstbewusstsein zurück.

Wer aktuelle Auftritte von ihr im Internet sieht, ahnt jedenfalls, dass sie ihrem Ex-Mann heute kein Sandwich mehr schmieren würde.

Belle Burden: „Fremde. Die Geschichte einer Ehe“, Luchterhand, 300 S., 24 Euro.

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