Hungerstein nahe Salmorth Warum ein Mahnmal im Rhein bei Kleve platziert wurde
22.08.2026 · 07:14 Uhr
Benedikt Kreusch (l.) und sein Sohn Philipp haben bei Salmorth einen neuen Hungerstein am Rhein platziert.
Foto: Markus van Offern (mvo)Kleve · Bei Salmorth hat Steinmetz Benedikt Kreusch zusammen mit seinem Sohn einen Hungerstein im Rhein platziert. Er soll auf Niedrigwasser hinweisen – und auf die Folgen des Klimawandels aufmerksam machen. Sichtbar wird der Stein immer dann, wenn der Pegel besonders tief steht.
Das Niedrigwasser im Rhein ist zum Problem geworden: Die Frachtschifffahrt tut sich schwer, Transporte werden auf Straße und Schiene verlagert, Lieferketten geraten ins Stocken. Industrie und Handel klagen seit Wochen über steigende Kosten. Die dürften bald auch bei den Verbrauchern ankommen. An den Tankstellen ist das bereits spürbar: Autofahrer müssen noch tiefer in die Tasche greifen.
Aber immerhin: „Eine Hungersnot ist heute nicht mehr zu befürchten, wenn der Rhein Niedrigwasser führt. Die Sorge besteht glücklicherweise nicht mehr. Und doch ist der Blick auf den Rhein aktuell alarmierend“, sagt der Klever Steinmetzmeister Benedikt Kreusch, der am Mittwochmittag einen neuen Hungerstein am Rhein bei Salmorth platziert hat – nahe des Klärwerks der Umweltbetriebe USK und des Fraubillenkreuzes.
200 Kilogramm schwerer Gneis
Hungersteine haben eine jahrhundertealte Tradition, die man aus den Rheinregionen stromaufwärts kennt. Gemeint sind Felsen oder Steine im Flussbett oder am Ufer, die nur bei extremem Niedrigwasser sichtbar werden. Der Name stammt daher, dass anhaltende Dürre früher zu misslungenen Ernten und schweren Hungersnöten führte. „Als die jüngste Hitzeperiode schon einige Tage anhielt und die Pegel weiter sanken, las ich in sozialen Medien von Hungersteinen. Und wenn es um einen Stein geht, bin ich als Steinmetz natürlich sofort interessiert“, sagt Kreusch, der seinen Betrieb an der Peiterstraße in Kellen in der Nachbarschaft zum Konrad-Adenauer-Gymnasium hat.
Der Unternehmer recherchierte im Netz und stieß auf eine ganze Reihe von beschrifteten Hungersteinen am Rhein, die erst bei Niedrigwasser sichtbar werden. Die ältesten stammen aus dem 17. Jahrhundert. „Nun sehen wir am Rhein ein historisches Niedrigwasser – das war für mich Grund genug, es selbst in die Hand zu nehmen und einen neuen Hungerstein zu platzieren“, sagt der ehemalige Klever Karnevalsprinz der Session 2023/2024. „Das Projekt hat mich einige Tage ganz schön gefesselt.“
Ein „Bettchen“ aus Geröll als Schutz
So befasste sich der Steinmetz und Steinbildhauer mit der Frage nach dem passenden Material. „Am Mittelrhein gibt es einige Hungersteine, die aus Steinmaterial der Region bestehen. Dort gibt es aber auch große Natursteinvorkommen, was bei uns nicht der Fall ist“, sagt Kreusch. „Alles, was bei uns am Rhein liegt, ist irgendwann angekarrt worden.“ Kreusch schaute im eigenen Lager und entschied sich für einen anthrazitgrauen, rund 200 Kilogramm schweren Gneis, der durch Wasser und Eis in Jahrtausenden seine jetzige, gerundete Form erhalten hat.
Er versah ihn mit einer unmissverständlichen Botschaft. „Es drückt aus, was sich der Stein vielleicht so denken würde“, sagt Kreusch. Sohn Philipp hat die Schrift in traditioneller Handarbeit mit (Pressluft-)Hammer und Meißel eingearbeitet. Der Standort ist mit Bedacht gewählt. Rhein-Besucher und Spaziergänger können den Klever Hungerstein bei Niedrigwasser leicht finden. Kreusch will ihn auch bei Kartendiensten im Netz als Anlaufstelle hinterlegen, sodass er gezielt angesteuert werden kann.
Mahnmal mit Jahreszahl – und Platz für weitere
Die Strömung in dem Bereich ist nicht allzu stark. Mit Geröll und Ufersteinen wurde dem Hungerstein dennoch ein kleines, stützendes „Bettchen“ im Rhein gebaut, damit er nicht davongetragen werden kann. Noch ragt das Mahnmal 30 bis 35 Zentimeter aus dem Wasser. Aber der Pegel des Rheins steigt dieser Tage schon wieder leicht. „Ich möchte natürlich auch, dass das Wasser steigt und ich den Stein nicht mehr sehe. Ich werde ihn mir aber jedes Mal ansehen, wenn der Pegelstand extrem niedrig ist“, sagt Kreusch.
Zumal dann auch Arbeit wartet: Wenn der Hungerstein in den nächsten Jahren zu sehen ist, will Kreusch eine neue Jahreszahl zusammen mit seinem Sohn einarbeiten. „Heute weisen Hungersteine nicht mehr darauf hin, dass bald gehungert werden muss – so abhängig sind wir vom Niederschlag und vom Rheinpegel sicherlich nicht mehr. Die Mahnung ist heute wohl eher mit dem Klimawandel zu verbinden“, sagt Kreusch. „Dass sich da etwas verändert, ist jedem bewusst, der geradeaus denken kann.“
Meistgelesen
Aktuell wichtig

Comments
Nothing yet. Say the first thing.
Sign in to join the conversation.